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Restaurateur Deschler in Augsburg. Das eine dieser Wandge
mälde stellt Christus am Kreuze und die beiden Schächer, das an
dere den Leichnam des vom Kreuze abgenommenen Heilandes im
Schoße seiner jungfräulichen Mutter — eine wahre Pietü — dar.
So schön und erhaben dieses Gotteshaus sich von Innen und
Außen repräsentirt, es ermangelt eines Hauptschmuckes, nemlich
eines Thurmes. Ob sein Meister es in dieser thurmlosen Gestalt
in seinem Geiste bei seinem Entwürfe sich gedacht hat, ist kaum
denkbar! Ob und wie aber, darüber schweigen unsere Archive.
An der nördlichen nach Osten zugewandten Wandfläche zur
Seite des Chorbogens steht geschrieben, daß 1497 in der Nacht
des Charfreitags die beiden Thürme eingestürzt seien. — In einer
der südlichen Chorkapellen hängt ein auf Holz gemaltes Tableau,
welches die .Kreuzkirche darstellt und zwar wie dieselbe durch irgend
einen Unfall großen Schaden gelitten hat und die Bauleute im
Begriffe sind, denselben wieder auszubessern. Diese Tafel, eine
sogen. Ablaßtafel, trägt die Jahrzahl 1503. — Auch in dem
Repertorium des städtischen Archives findet sich die Lade im Kgl.
Staatsarchiv in Stuttgart verzeichnet, in welcher sich zwei Ablaß
briefe zum Besten des Wiederaufbaues der eingestürzten Thürme
befinden sollen.
Trotzdem wurde immer wieder Zweifel erhoben, ob die Kirche
je mit Thürmen versehen gewesen sei, da die ganze Anlage nicht
darauf hinweise. Diese Frage hat ihre endgiltige Beantwortung
bei einer neuen Beplattung des Fußbodens in der Kirche gefunden.
An jener Stelle, welche bei ausgeprägten Kreuzkirchen die Vierung
genannt wird, näherhin an den beiden Endpunkten des Querbak-
kens des Kreuzes, fanden sich nemlich nach Wegnahme der alten,
schadhaften Platten die Fundamente der ehemaligen beiden Thürme.
Von hier aus, also dem Innern der Kirche, vor der Sacristei
einer- und der Taufkapelle andererseits erhoben sie sich, um das
Gewölbe und das Dach zu durchbrechen und in ganz mäßigem
Umfange und ganz bescheidener Höhe ihr Haupt wohl kaum über
den First des Daches zu erheben, auf welchem jetzt ein ganz or
dinärer Dachreiter den beiden kleinen Glocken zur Behausung dient.
Gerade aber diese Fundamente dieser beiden Thürmchen weisen in
Verbindung mit der ganzen Grundanlage auf Einen Hauptthurm
an der Westfa?ade hin, wie bei den Münstern in Ulm, Frei
burg rc. rc.
Zur Wiederherstellung des Aeußern wurden etwas über
60,000 fl. aus den Mitteln der Kirchenpflege verwendet; 35,000 fl.
für das Innere einzig und allein aus den milden Beiträgen der
edlen Bürgerschaft der Stad Gmünd.
2) Zur Restauration der S. Johanniskirche.
Trotz dieser vielen und großen Opfer und der nicht abge
schlossenen Vollendung der Restauration der Kreuzkirche wurde den
noch auch an eine Wiederherstellung der zweihundert Jahre mehr
zählenden Johanniskirche gedacht. Glich die Kreuzkirch einer bild
schönen Jungfrau mit geschmackloser, alterthümlicher Gewandung,
so bot die Johanniskirche das betrübende Bild eines an seinen
edelsten Gliedern verstümmelten Organismus. Ende des zwölften
Jahrhunderts begonnen und somit im Rundbogen als dreischiffige
Basilika erbaut, hat sie bis zu ihrer jetzigen Wiederherstellung zwei
Hauptperioden durchgemacht: sie wurde im Laufe der Zeit gothisirt
und sodann verzopft in des Wortes vollstem Sinne. Durch die
Gothisirung wurden die Sargwände der niederen Nebenschiffe er
höht; neben die kleinen kaum eine Spanne breiten, schießscharten
artigen Lichtöffnungen traten große, hohe und breite Spitzbogen
fenster mit Maßwerken; die den alten Basiliken so charakteristische
Apsis ward verdrängt durch einen gothischen Chor; an Stelle'der
ebenso zierlichen als höchst einfachen Lichtgaden über den Arkaden
bögen des Hochschiffes waren unschöne, ochsenaugenartige Lichtlöcher
angebracht; die Pultdächer der Nebenschiffe, welche das Ganze so
lebendig gliedern, hatten einem großen, allgemeinen, alle 3 Schiffe
zugleich deckenden Satteldache Platz gemacht und so dem so reich
gegliederten Bau die Gestalt einer alten Zehentscheuer gegeben.
Nur an der Westfayade fanden sich noch einige Spuren von den
originellen plastischen Thier- und Menschengebilden.
Noch mehr aber seines ursprünglichen Charakters beraubt war
das Innere dieses altehrwürdigcn Gotteshauses. Von oben bis
unten, vom Altar bis zum Portal war Alles mit einem Stuck
mantel überzogen, in dessen aufgewirbeltem Gefälte der Wind
der damaligen Tage sich festgesetzt hatte. Der erste Versuch,
den bösen Geist zu bannen, wurde mit Entfernung eines aus
Stuck und Latten gebildeten Pseudocapitäls auf Veranlassung
des verstorbenen Landesconservators, Herrn Professors und Ober-
Studienrathes Häßler in Ulm gemacht. Doch der erste
lebensfähige Impuls zur Inangriffnahme einer Wiederherstellung
der Johanniskirche verdankt seine Quelle einer Aufnahme und Dar
stellung der Kirche in ihrer ursprünglichen Formation von Seite
des Württembergischen Alterthumsvereins und gebührt dieses Ver
dienst Herrn Oberfinanzrath Paulus und dessen Herrn Sohn,
Dr. Eduard Paulus, Nachfolger des Herrn Dr. Häßler als
königlicher Landesconservator. Kaum war das höchst interessante
Bild, durch Herrn Architekt H e t t i ch aufgenommen und entworfen,
vor Augen getreten und der schon so lange Zeit glimmende Funke
ward zur Flamme angefacht! Die bürgerlichen Collegien gaben
ihre Zustimmung; Stadtbaumeister Stegmaier unterzog sich mit
anhaltendem Fleiße der mühevollen und gewagten Arbeit; Kirchen
pfleger Kraus hat durch sein amtliches Interesse und seinen regen
Eifer seinen Namen als Vorstand der fabrica eeclesiae für immer
mit dem schönen Baumonument verbunden. Aber auch die beiden
Steinmetzen, die Gebrüder Oechsle, Lorenz und Franz
Josef, sowie Steinmetz Paul Wagner, welcher die Thierge
stalten entwarf und meisterhaft stylgcmäß fertigte, sollen hier nicht
ungenannt bleiben, besonders ersterer als Quasipaliers.
Die erste Versuchstation war die Oeffnung eines Lichtgaden
des mittleren Hochschiffcs an der nordwestlichen Ecke, 24. Mai
1869. Alles geschah ohne Vorlage eines ausgearbeiteten Plans,
Alles nur schrittweise, um imnier nur auf dem Elfund des Ur
sprünglichen zu fußen, wie solches nach Entfernung des Fremd
artigen auch nur schrittweise zu Tage trat. Je tiefer jedoch die
Restauration griff, desto mehr stieß man auf bauliche Schäden,
welche der Stuckmantel dem Auge entzogen hatte. Vor allem be
durfte es eines ganz neuen Dachstuhls an Stelle des alten, der
durch seine Construktion die Wände eher auseinander geschoben, als
zusammengehalten hatte. Ueberdieß war er so wurmstichig und
morsch, daß er keinem Nagel mehr Festigkeit bot.
Die schwierigste Frage war jedoch der in baulicher Beziehung
ganz gut erhaltene gothische Chor. Soll er bleiben? Soll auch
mit ihm tabula rasa gemacht werden? Die Ansichten der ge