Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1874)

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wiegtesten Kenner der kirchlichen Baukunst divergirten. Endlich 
lautete das Verdict auf totalen Abbruch, in Folge dessen das ur 
sprüngliche Grundgemäuer so unverrückt und unverändert zu Tage 
trat, daß es buchstäblich nicht eines Sandkorns bedurfte, um für 
die wiedererstehen sollende Apsis zu fundamentiren. Sie steht nun 
da und selbst frühere Gegner dieses Modus können nicht umhin, 
den gethanen Schritt nun auch gut zu heißen. 
Dieser Schritt, so gewagt er war, war nothwendig, denn 
ohne ihn hätte die Kirche jedes schönen Bildes nach außen wie 
nach innen ermangelt. Aber nicht bloß aus ästhetischen und styli- 
stischen Gründen war er nothwendig, sondern noch mehr, aus bau 
lichen und constructiven. Die allein noch gerettete höchst interes 
sante Westfayade war 5—6" aus dem Blei gewichen. Der Gie 
bel mußte mit 7 Schlaudern gefaßt werden, um ihn unversehrt 
der Nachwelt zu erhalten. Das konnte nur durch den neuen, eigens 
hiezu construirten Dachstuhl geschehen, welcher noch wesentliche Ver 
steifung durch den östlichen Gegengiebel auf Grund des Chorbogens, 
der auf seinen 9' breiten Pfeilern sicherlich ursprünglich einen ähn 
lichen Ostgiebel getragen hatte, erhielt. 
So hat denn über dem altehrwürdigen, weithin bekannten 
Gotteshause zu Ehren des h. Johannes des Täufers ein glück 
licher Stern gewaltet. In seiner der Staufenzeit entstammenden 
naiven Gestaltung repräsentirt es die Kindheit der kirchlichen Bau 
kunst in unserer Gegend. Jedes Fenster weicht von seinem Nach 
bar mehr oder weniger ab; keines der Nebenschiffe theilt die Breite 
des vorder»; das eine vorn 12' hinten 13'; das andere hinten 
16' vorn 14'; ja selbst als eigenes Charakteristikon liegt selbst 
sein Hauptportal nicht in der Achse. 
War die Wiederherstellung des Aeußern mit Schwierigkeiten 
verbunden, so ist die Ausstattung des Innern noch schwieriger. 
Dort boten sich doch da und dort sichere Anhaltspunkte, hier aber 
findet sich auch nicht die leiseste Spur aus früherer Zeit. Die 
paar unbedeutenden Wandgemälde über den Arkadenpfeilern im 
Mittelschiff datiren von 1644. Zur Vollendung des so schwierigen 
Werkes hat Herr Architekt Steindorff in Stuttgart freundlich 
seine Hand geboten. Nach seinem Plan und Entwurf ist die Em 
pore der Vollendung nahe und wird die flach gehaltene, cassetirte, 
reich polychromirte Holzdecke im Laufe dieses Sommers an den 
Ort ihrer Bestimmung kommen! 
Für all das Ausgeführte beziffern sich die Ausgaben in run- 
Summe an 30,000 fl. Das Jahr 1874 war für unsere Bau 
kasse ein reich gesegnetes; die Freunde und Gönner unseres alt 
ehrwürdigen Gotteshauses haben sich gemehrt; mögen sie auch im 
neuen Jahre zur völligen Vollendung des angefangenen Werkes 
ihre liebende Hand bieten!
	        

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