Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1876)

der Villa Clason. Als weitere Beispiele wird die Umhüllung 
der Locomotivkessel mit Holz, die Heizung der Eisenbahnwagen, 
die Umhüllung von Dampfleitungsröhreu mit brennbaren 
Stoffen und selbst die Bettwärmflascheu angeführt, gegen die 
noch Niemand ein Verbot habe ergehen lassen. 
Herr v. Schlierholz beklagt auch, daß man in dem 
§. 11 alles zusammenwirft und bezeichnet als Grundlage jener 
Bestimmung das Londoner Baugesetz, das selbst aber schon sehr alt 
sei und woselbst man für Heißwafferheiznngsröhren nur die Halde 
Entfernung der für Dampfheizungsröhren vorgeschriebenen ver 
lange , sowie die Mittheilung von 3 Fällen von Entzündung 
von Holz durch Dampfröhren, in der Wiener Bauzeitung pro 
1865 beschrieben; übrigens sei ihm bekannt, daß der §.11 in der 
Praxis neuerdings so angewendet werden wolle, daß der Abstand 
der Röhren vom Holz nur gleich ihrem eigenen Durchmesser 
sein soll, wie dieß schon nach genannter Bauzeitung in London 
- aber gegenüber der Perkinsen'schen Dampfheizung mit Hoch 
druck — Regel gewesen sein und für unsere neueste Heizmethode 
mit niederem Druck sicher nicht mehr passe und zu viel Abstand 
betrage. Herr Professor Beyer macht darauf aufmerksam, 
daß durch jene Verfügung geradezu eine weniger feuergefährliche 
Heizung verdrängt und gefährlicheren Eingang verschafft feie. 
Herr Professor Walter bestätigt, daß die in der Villa 
Clason getroffene Einrichtung, die Haag in Augsburg, der 
mehr als 50jährige Erfahrung besitze, ausführte, auch bean 
standet worden sei, ebenso ähnliche Einrichtungen in den 
neuen Gebäuden der Lebensversicherungsbank und der Krippe, 
Haag's Einrichtungen haben Feuersgefahr beseitigt, Versuche 
in der Villa Clason haben gezeigt, daß bei 120" nicht ein 
mal Streichzündhölzer entzündet wurden; man habe die Ver 
minderung auf 5 cm. Abstand zugeben wollen, aber auch da 
mit würde die Heizung mit Dampf nicht durchführbahr fein, 
man müßte zu feuergefährlicheren Einrichtungen greifen. 
Herr Professor Baumgärtner ist einverstanden, daß 
solche Dampfheizung nicht gefährlich ist, wahrt aber die Be 
rechtigung der betr. Beamten, dem §. 11 gemäß zu urtheilen; 
es sei nicht gegen die Beamten, sondern gegen den §. zu kämpfen, 
von dem nur in besonderen Fällen dispensirt werde; übrigens 
seie der §. 11 nur einer der beanstandeten des neuen Gesetzes, 
das Ministerium gehe selbst mit einer Revision um; der Verein 
solle die ganze Vollziehungsverordnung einer Prüfung unter 
werfen. 
Herr Bauinspektor Reinhardt erinnert an die Heizung 
mit höherer Temperatur in Spinnereien und Webereien, 
stimmt Hrn. Baum gärtner bei und trägt auf eine Kommission 
an, welche die Prüfung vornehmen soll. Nachdem noch die 
Herren Baurath Leibbrand, Professor Walther, Baurath 
Güntter, Oberbaurath Binder, die Herren Kroeber, 
v. Seeger, Schmidt weitere Bemerkungen gegen die Be 
stimmungen des §. 11 gemacht haben, dankt der Herr Vor 
sitzende dem Herrn Stotz für die Veranlassung zur Prüfung 
der Vollzugsversügung zur neuen Bauordnung, um so mehr, 
als dem Verein die Ehre gebühre, eine der ersten Anregungen 
zu Aufstellung eines neuen Baugesetzes gegeben, ja selbst eines 
gefertigt zu haben, fordert zur Wahl einer Kommission auf und 
bittet den Herrn Banrath Leib brand als Referenten im 
K. Ministerium veranlaßen zu wollen, daß nicht allein den 
Herren Oberamts- und Privatbaumeistern, sondern auch Be 
hörden wie der K. Eisenbahnbaukommission, Eisenbahndirek 
tion, Domänendirektion rc., welche in umfassender Weise bauen, 
Gelegenheit gegeben werde, Gutachten abzugeben. Durch 
Akklamation werden in die Kommission gewählt: 
die Herren v. Schlierholz, 
Baumgärtner, 
Beyer, 
Bok, 
Brokmann, 
Kaiser, 
Kroeber, 
Teich mann,. 
Walter. 
Der Herr Vorsitzende gibt noch, erläutert durch Zeich 
nungen an der Tafel, eine Mittheilung über die Construklion 
der Treppe in dem Schulhause zu Helikon in der Schweiz, 
durch deren Bruch an Weihnachten vorigen Jahres so großes 
Unglück verursacht wurde; hienach ist der Einsturz der Treppe 
auf den Bruch eines Wechsels zurückzuführen, in den nicht 
nur 3 Balken von 17' (= 5,1 m.) freier Länge eingezapft 
waren, sondern an den zum Anschluß der wahrscheinlich zu 
groß bemessenen Treppen so viel Holz weggehauen wurde, 
daß bei einer Höhe von 27 cm. seine Breite von 8" (— 
24 cm.) auf 5" (— 15 cm.) reduzirt wurde. Dabei brach 
denn nicht nur das Besteck der Zapfen aus, mit dem die 
Balken eingezapft waren, sondern auch wahrscheinlich die 
Zapfen, mit denen der Wechsel in die betr. Wandhölzer ein 
gezapft war. 
Nach 10 Uhr wird die Sitzung geschlossen und zu gesell 
schaftlicher Unterhaltung übergegangen 
Vierzehnte Versammlung vom 25. Novör. 1876. 
Anwesend: Vorsitzender: Oberbaurath v. Schlierholz, 
Schriftführer: Professor Silber. 
38 Mitglieder, und 
2 Gäste: 
die Herren Ingenieur Lebret aus Ludwigsburg, eingeführt von 
Herrn Baurath Bok d. Jüngern, und Ingenieur G. Morlok, 
eingeführt vom Herrn Vorsitzenden. 
1) Das von Herrn Oberbanrath Binder verfaßte Pro 
tokoll der vorigen Versammlung wird verlesen, anerkannt und 
für druckfähig erklärt. 
2) Der Herr Vorsitzende bringt die schon in der letzten 
Versammlung besprochene Frage betreffend die Aufnahme 
etwaiger jüngerer Mitglieder in den Verein, welch' 
Erstere damals auf heute vertagt worden, zur Debatte, und 
zwar in der Form des letzthin von Herrn Professor Walter 
gestellten Antrags: jüngere Fachgenossen ohne Weiteres auf 
zunehmen, und höchstens die Bedingung zu stellen, daß, wenn 
es sich um Polytechniker handle, diese wenigstens bis zu den 
obersten Klassen vorgerückt sein müßten. 
Herr Walter begründet seinen Antrag mit seinen in 
dieser Beziehung in Berlin seiner Zeit gemachten Erfahrungen. 
Dort sei man für den Architektenverein aufnahmsfähig ge 
wesen, wenn man nur ein Jahr lang die Bauakademie besucht 
habe. Fremde hätten nur ein Curriculum vitae und einige 
Zeichnungen vorzulegen nöthig gehabt. 
Keineswegs habe er in Berlin gefunden, daß solch' libe 
rales Aufnahme-Verfahren lähmend oder nur auch genirend 
eingewirkt habe, sondern im Gegentheil nur belebend. Die 
dort üblichen Monatsconcurrenzeu seien vorzugsweise von 
diesen jüngeren Mitgliedern geliefert worden; die Aelteren, die 
nicht Zeit fanden, sich dabei activ zu betheiligeu, hätten ihre 
große Freude und ein lebhaftes Interesse an diesen Arbeiten 
der Jüngeren gefunden. Alles in Allem sehe er nur Gewinn 
und nirgends einen Nachtheil in der Annahme seines Antrages. 
Herr Oberbaurath v. Egle äußert sich dahin, daß zu 
seiner Zeit selten mehr als 1 bis 3 Arbeiten bei den monat 
lichen Concurrenzen im Berliner Architektenverein eingelaufen 
seien und zwar säst ausschließlich von jüngeren Mitgliedern, 
für welche diese Concurrenzen auch antegend gewesen seien. 
Vorträge dagegen und eine vortrefflich ausgestattete Biblio 
thek, wie letztere der hiesige Verein weitaus nicht bieten' 
könne, seien für ihn und viele die hauptsächlich belebenden 
und förderlichen Elemente gewesen. Redner habe auch bei 
neueren Besuchen des Berliner Architekten-Vereines diese 
jüngeren Mitglieder numerisch nicht mehr so vorherrschend 
vorgefunden, wie früher. Vergleiche er die frühere Zeit mit 
der jetzigen, so sei darauf hinzuweisen, daß man jetzt einen 
Verband deutscher Architekten und Ingenieure habe, und daß 
da Fragen an die Vereine gestellt werden, unter Anderm auch 
soziale, bei denen er bezweifeln müßte, ob sie von solch 
jüngeren noch wenig erfahrenen Mitgliedern entsprechend ge
	        

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