Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1876)

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eine in der Verlängerung des Bohrschachtes hinter dem Bohr 
loch an der Maschine aufgehängte starke Blechtrommel, die 
durch radialgeformte flache Gußeisengewichte beschwert werden 
kann. An der Verbindung des Kopfendes der beiden Ma 
schinenständer ist in der Mitte das Antriebrad zur Bewegung 
der Bohrspindel frei schwebend aufgehängt. Die hohle Bohr 
spindel hat außen eine senkrecht herablaufende Ruthe, in 
welche eine entsprechend vorstehende Feder des Antriebrades 
paßt, wodurch die Drehung und zugleich die vertikale Be 
wegung der Bohrspindel und des dieselbe tragenden Schlittens 
ermöglicht. Die durch die rasche Bewegung entstehende starke 
Reibung wird durch Schmiervorrichtungen vermindert und 
durch Wasserkühlung vor Erhitzung geschützt. Durch sinn 
reiche Vorrichtungen ist das Bohrgestänge in genaue senkrechte 
Richtung gebracht und vollkommen festgehalten. Deffen Ver 
bindung mit dem Gegengewicht ist durch starke flachgliedrige 
Ketten mit durchgehenden Bolzen befestigt und wird mittelst 
eines Zahnradgetriebes von 80sacher Uebersetzung mit Hilfe 
eines an der letzten Getriebswelle angebrachten Steuerrades 
und einer eingeschalteten Bremse vom handhabenden Bohr 
ingenieur regulirt. Das Gestänge selbst besteht aus genau 
gearbeiteten hohlen Stahlröhren von 6' engl. Länge, je an 
den Enden mit inneren Gewinden versehen, in welche ent 
sprechend hohle stählerne Verbindungsstücke eingeschraubt wer 
den. Zur Einführung des Hochdruckwassers in das hohle 
Bohrgestänge dienen hiezu besonders konstruirte Metallaussätze, 
welche durch starke Spiralschlänche mit der Hochdruckleitung 
verbunden sind. Rach jedem Niedergang eines Röhrenstücks 
d. h. nach beiläufig einer Stunde wird der Schlitten ge 
hoben, eine vorher bereit gehaltene Röhre ausgeschraubt und 
dann die Bohrarbeit fortgesetzt. Nach ungefähr 4 Aufsätzen 
wird zur Erlangung des erbohrten Steincylinders das ganze 
Gestänge aufgezogen und in Längen von 52' abgeschraubt. 
Der erbohrte Gesteinszapseu bricht in ver Regel auf dem 
Grund ab, sobald angezogen wird, und wird theils durch die 
Reibung in der Bohrkrone, theils dadurch festgehalten, daß 
er auf dem inneren Rand der Krone aufsitzt. Sobald aus 
gezogen ist und die letzte Röhrentour hängt, wird die Bohr 
krone abgeschraubt, mit einem Hammer an die letzte Röhre 
geklopft, in Folge dessen die, wie auf der Drehbank abge 
drehten, Bohrzapfen herausfallen. In diesen Bohrzapfen, 
welche das getreueste Abbild des durchsunkeneu Gebirgs wieder 
geben, liegt der ganz eminente Werth der Diamantbohrung. 
Es liegt vor den Augen des Geologen das natürliche Ge- 
birgsprofil des seither verborgenen Erdinnern und kann daran 
bis ins kleinste Detail die Aufeinanderfolge der Schichten, 
deren Lagerung und Struktur ganz zweifellos beobachtet 
werden. In Rheinfelden betrug nach den ausgehobenen Bohr 
zapfen, die, wie wir hören, in Aarau archivarisch deponirt 
werden, die Mächtigkeit des bunten Sandsteins 27b" — 78,5 M. 
(bei Waldshut 15 M., im Wutachthal 35 M., Donaueschingen 
100 M., Dunninger Bohrloch 142 M., Oberndorfer B. 159 M., 
Dettinger B. 166 M., Türrmenzer B. 446 M., Jngelfinger 
B. 401 M.). Hienach scheint die Mächtigkeit des bunten 
Sandsteins mit seiner Entfernung vom Centrum des Schwarz 
walds zuzunehmen. Folgten in Rheinfelden 2 M. Dolomit 
mit Bitterspatdrusen. Unter dieser den Zechstein vertretenden 
Dolomitbank wurden ganz regulär 263 M. Rothliegendes 
durchbohrt, ein Wechsel von rothen Landen und Thonsteinen 
von Gypsschnüren und nach unten von Kalkspatadern durch 
setzt; mitunter stellten sich Schichten eines gröberen Sandkorns 
ein. (Im Schramberger Bohrloch fanden sich 458 M., in 
Jngelfingen 286 M. Rothliegendes.) Da zeigte auf einmal 
der Bohrzapsen eine Art grauitischen Deckels aus Quarz und 
Felsspat, sehr fest durch Kalk cementirt, worunter 6,8 M. 
mächtig eine weiche, braunrothe Masse hervorkam, die wie 
verwitterter Glimmerschiefer ausschaut. Statt der festen Bohr 
kerne traten strangförmig gewundene Würste dieser weichen 
knetbaren Masse aus der Maschine. In den nächstfolgenden 
2 Metern wurde die Masse etwas solider, statt der rothen 
Farbe stellte sich ein dunkles Grün ein; der nächste Meter j 
bringt rothen, grobkörnigen Granit, wie er dem südlichen 
Schwarzwalde eigenthümlich ist. Dieß war bei 352,8 M. 
Die Hoffnung auf Kohlenflötze war natürlich dahin, es fehlten 
die älteren Flötzgebirge zwischen Urgebirge und Rothliegendem 
vollständig. Um ja ganz sicher zu gehen, daß nicht etwa nur 
ein Gang e§ wäre, auf beit mau zufällig gestoßen, ließ man 
noch einige Tage bohren und durchbohrte wirklich auch noch 
54 M. Hornblendegneis und Granit, die in den prachtvollsten 
Zapfen von 2 Meter Länge an einem Stück heraustraten 
und das massive Schwarzwälder Urgebirge bekundeten. Daß 
die Diamantbohrung ihre Zukunft hat, steht fest. Herr 
Schmidtmann hat das große Verdienst, sie erstmals in 
Deutschland eingeführt zu haben. Daß die neue Methode 
nicht einfacher Art ist, wird Jeder aus der Beschreibung der 
Maschine ersehen haben. Ebenso ist der Verlust der aus 
brechenden Diamanten nicht gering anzuschlagen; daher kommt 
es auch, daß der lausende Fuß auf ca. 100 Frks. zu stehen 
kommt und die Aufstellung der Maschine sich überhaupt nur 
da rentirt, wo von Tiefbohrungen auf mehr als 1000" es 
sich handelt. 
Ein ungemeiner Vortheil der Methode ist, daß nicht blos 
die Dicke und Beschaffenheit der Schichten, sondern auch ihr 
Streichen und Fallen an den erbohrten Kernen mit größter 
Deutlichkeit zu sehen ist. Die Tiefe des Bohrlochs in 
Böhmischbrod soll nach neuesten Nachrichten 3100" betragen, 
wornach die Besorgnisse des Herrn Vorredners ungegrün 
det sind. 
Sechzehnte ordentliche Versammlung den 23. Dez. 1876. 
Vorsitzender: Oberbaurath v. Schlierholz. 
Schriftführer: Oberbaurath Binder. 
Anwesend 23 Mitglieder. 
Das Protokoll der 15. Sitzung kann nicht verlesen wer 
den, der Hr. Sekretär Teichmann läßt sich entschuldigen, 
daß er bei dessen Umfang noch nicht fertig geworden. 
Einläufe finden sich: 
Ein Antrag des Vereins deutscher Ingenieure, betr. die 
technischen Hochschulen und Einführung einer Reichsprüfung 
für Techniker. Derselbe wird bei den Mitgliedern cirkuliren. 
Von dem Jngenieurverein des Polytechnikums 1 Exemplar 
seines Jahresberichts; die Mittheilung wird verdankt. 
Von Prof. Unger in Wien ein Prospektus über Radi 
rungen nach den Gemälden der dortigen Gallerte. 
In Abwesenheit des Hrn. Prof. Walter, welcher heute 
ein Referat vortragen sollte, referirt Herr Binder über den 
Brand des Kaiserhofs in Berlin nach den Mittheilungen der 
deutschen Bauzeituug Nr. 33. 35. 37 u. 38 von 1876. 
Hienach ist die weite Verbreitung des Feuers und das 
rasche Umsichgreifen — über seine Entstehung ist nichts Siche 
res erhoben — folgenden Umständen zuzuschreiben: 
1) Dem hohlen Raume zwischen dem Deckengebälke des 
Speisesaals und dem Bodengebälke des Stockwerks dar 
über, und den damit in Verbindung stehenden 4 hölzer 
nen Ventilationskanälen. 
2) Den vielen auf dem Hohlen stehenden Wänden, welche 
aus einfachem Rahmenmerk bestanden und deren beider 
seitigen Lattenvertäferungen hohle Räume, ohne alle und 
. jede Unterbrechung, z. Th. durch 4—5 Stockwerke, bil 
deten. In diesen Räumen konnte das Feuer sich schnell 
in die Höhe verbreiten, oder von oben herab Brände 
fallen, die gleichzeitig unten entzündeten. 
3) Dem Mangel genügender feuerfester bis über Dach rei 
chender Scheidewände. 
Dabei soll die Gleichheit der Gänge im Innern einer 
Orientirung der Feuerwehr Schwierigkeiten bereitet haben, 
auch sollen die Verbindungstreppen schwer zu finden und zum 
Theil zu. enge gewesen sein.
	        

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