Volltext : Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1877)

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sofortige  Anwendung  nur  der  größeren  Kosten  wegen  unterblieb. ­

Hieran  schließt  sich  eine  lebhafte  Debatte,  an  der  sich  besonders ­
  die  Herren  Rheinh  ardt,  Güntter,  v.  Schlierholz,
v.  Hänel  und  Laißle  betheiligen.
Rheinhardt  empfiehlt  die  gewählte  Konstruktion  aus
Pflöcklingen  nicht,  da  selbst  bei  Verwendung  von  Eichenholz
der  Belag  nur  eine  Dauer  von  15  Jahren  habe;  die  Untersuchung ­
  der  Pflöcklinge  sei  umständlich  und  finde  in  der  Regel
erst  dann  statt,  wenn  die  Fahrbahn  an  einer  Stelle  einbreche,
was  nicht  selten  mit  Unfällen  verbunden  sei.  Wenn  man  einmal ­
  Chaussirung  anwende,  so  sollte  man  doch  lieber  auch  gleich
zu  Zoreseisen  greifen,  bei  welchen  eine  niangelhafte  Beaufsichtigung ­
  wenig  schade.  Bei  Brücken  von  so  untergeordnetem
Verkehr  wie  die  Kirchentellinsfurther  und  die  eben  im  Bau
begriffene  Lustenauer  Neckarbrücke,  sei  übrigens  eine  Fahrbahn
von  Holz  ihrer  Billigkeit  halber  vorzuziehen.  Das  Holz  sei
von  vielen  Technikern  mit  Unrecht  als  ungeeignet  bezeichnet:
was  häufig  nur  von  der  unrichtigen  Wahl  des  Materials  herrühre. ­

Es  sei  z.  B.  ein  großer  Unterschied  zwischen  dem  Fichtenholz, ­
  das  auf  buntem  Sandsteinboden  wachse  und  dem  auf
nassem  Molasseboden  wachsenden  (wie  im  Oberschwaben).  Gutes
Forchenholz  aus  dem  Enzthal  habe  die  doppelte  Dauer  von
dem  aus  den:  Weingarter  Forst.  Von  einer  Menge  von  Beispielen ­
  führe  er  nur  an,  daß  bei  frequenten  Brücken  wie  in
Höfen  der  Pflöcklingsbelag  eine  Dauer  von  über  12  Jahren
habe.  Für  gewöhnliche  tannene  Dielen  könne  man  6--7  Jahre
rechnen,  für  forchenes,  splintfreies  auf  magerem  Sandboden
gewachsenes  Holz  10  Jahre.  Bekannt  sei,  daß  auf  einer  der
frequentesten  Straßenbrücken  Deutschlands  über  den  Rhein  in
Köln  sich  ein  Buchenholzbelag  an>  besten  bewährt  und  eine
durchschnittliche  Dauer  von  4  Jahren  gezeigt  habe.  In  Mühlhausen. ­
  Mannheim  und  andern  Orten  theile  man  die  Abneigung
gegen  Holzbelag,  der  jederzeit  leicht  zu  untersuchen  sei,  nicht.
Redner  hat  bei  der  von  ihm  erbauten  Neckarbrücke  in
Lustnau  den  unteren  Bohlenbelag  von  kyanisirtem  Forchenholz
herstellen  lassen  und  verspreche  sich  hievon  eine  wesentlich
längere  Dauer  der  Konstruktion.  Die  oberen  Dielen,  theils
aus  altem  aber  noch  ganz  gesundem  Eichenholz,  theils  aus
Forchenholz  seien  auf  ihrer  unteren  Seite  getheert,  damit
die  in  der  Regel  von  den  Berührungsstellen  ausgehende  Fäuluiß
  verzögert  oder  beseitigt  werde.  In  die  Kostcntabelle  des
Vortrags  von  Herrn  Professor  Laißle  würden  bei  Annahme
einer  längeren  Dauer  des  Bohlenbelags  sich  die  betreffenden
Zahlen  weit  günstiger  gestalten.  Laißle  hat  in  Rußland  nur
einjährige  Dauer  der  oberen  Bohlenlage  beobachtet  und  spricht
sich  mit  Güntter  auch  aus  dem  Grund  gegen  Bohlenbelag
aus,  weil  die  Unterhaltung  von  Gemeindebrücken  nicht  sehr
sorgfältig  sei  und  deshalb  die  Gefahr  vorliege,  daß  die  Gemeinde ­
  später  zur  Verminderung  der  Unterhaltungskosten  auf
den  Bohlenbelag  eine  Chaussirung  aufbringe,  wodurch  die  Belastung ­
  bedenklich  gesteigert  werde.
v.  Schlierholz  spricht  sich  zunächst,  wenn  nicht  wie  hier
aus  Gründen  der  Oekonomie  eine  Holzfahrbahn  „oder  Pflöcklingsunterlage"
  mit  Chaussirung  angezeigt  sei,  gegen  Holzvedwendung
  bei  eisernen  Brücken  aus.  Zoreseisen  können  in
solchen  Abständen  gelegt  werden,  daß  dazwischen  gelegte  Rollschichten ­
  von  Backsteinen  entweder  zum  Wasserabzug  dienen,
oder  überbetonirt  werden  können,  was  Letzteres  besonders  für
Eisenbahnüberfahrtsbrücken  zu  empfehlen  sei.  —  Im  übrigen
bemerkt  er,  daß  bei  Dielenbelag  nicht  selten  in  den  Zwischenflächen ­
  der  Schwamm  entstehe  und  die  obere  Dielung  durch
hereingeschleppten  Schotter  am  meisten  beschädigt  werde.  Immerhin ­
  habe  aber  reiner  Bohlenbelag  den  Vorzug  vor  Pflöcklingen
mit  Chaussirung,  daß  die  einzelnen  Hölzer  leichter  zu  unter-  !
suchen  seien;  nur  inüsse  man  dem  Wasser  möglichst  leichten
Abzug  durch  die  Dielen  verschaffen.
Rh  ein  Hardt  empfiehlt  zur  Verhütung  der  Schottereinschleppung ­
  eine  Pflasterung  auf  8  in.  Länge  an  beiden  Brückenenden; ­

  er  bezweifelt  ferner  die  absolute  Wasserdichtigkeit  der
Backsteingewölbe,  welche  von  Laißle  und  v.  Hänel  lebhaft
vertheidigt  wird.  Letzterer  erwähnt  insbesondere  die  günstigen
Erfahrungen,  die  hierüber  au  den  Brücken  der  Orleansbahn
gemacht  worden  seien.
Der  Vorsitzende  dankt  hierauf  Herrn  Professor  Laißle
für  seinen  interessanten  Vortrag,  zu  dem  er  erst  vor  3  Tagen
aufgefordert  worden  sei,  was  sein  Verdienst  noch  vermehre  und
fordert  zu  zahlreicher  Befolgung  des  guten  Beispiels  namentlich ­
  auch  die  Herrn  Architekten  auf.
Das  Programm  enthält  noch  „Mittheilungen  aus  der
Praxis."
Der  Vorsitzende  hebt  den  großen  Nutzen  hervor,  der
daraus  erwachse,  wenn  die  Vereins-Mitglieder  ihre  bei  den
einzelnen  Bauten  gemachten  Erfahrungen,  sollten  sie  auch  nur
in  ganz  kurzen  Notizen  bestehen,  der  Versammlung  mittheilen
und  beginnt  diesen  Zweig  der  Vereinsthätigkeit  mit  seinen
Erfahrungen  über  die  Molassesandsteine  der  Schweiz,  die  in
Oberschwaben  sehr  viel  Verwendung  finden.  Darnach  liefern
von  den  uns  zunächst  gelegenen  Rorschacher  Steinbrüchen  nur
diejenigen  von  Staad  ein  gleichmäßig  gutes  Material,  es  ist
jedoch  vor  ihrer  Anwendung  an  Stellen,  wo  sie  mit  dem
Erdboden  oder  mit  Feuchtigkeit  in  Berührung  kommen,  sowie
bei  Wasserbauten  und  für  Objekte  auf  welche  ein  rascher
Witterungswechsel  einwirkt  zu  warnen,  trotzdeni  ihre  Druckfestigkeit ­
  bis  zu  700  Kgr.,  gegen  300  bei  den  Maulbronner
und  550  pro  m  ein.  bei  den  Buntsandsteinen,  beträgt.  Ueberdies
  ist  eine  glatte  Bearbeitung  dauergewährender  als  eine
rauhe,  gestockte  oder  gespitzte  rc.  Außenfläche,  indem  ohne
Zweifel  die  Textur  durch  die  Bearbeitung  aufgelockert  wird
und  solche  Flächen  insbesondere  in  Tunneln  in  Folge  raschen
Temperaturwechsels,  Luftzugs  rc.  bald  abfanden.
Schließlich  werden  die  eingesandten  Baumaterialien  besprochen, ­
  zunächst  ein  Muster  der  neuen  Dachbedeckungsweise
aus  Dachpfannen  von  verzinktem  Eisenblech  von  I.  Hilgers
in  Rheinbrohl,  eingesendet  von  Münster  in  Friedrichshafen,
fertig  gedeckt  Preis  4,9  M.  pro  Dm.,  First  und  Kehlen
3,5  M.  pro  1.  in.,  sowie  ein  Neuster  der  Schieferplatten  von
der  Schieferfabrik  Engp  bei  Pfäffers,  die  sich  als  Bodentisch-
  und  Pissoirplatten,  auch  als  Dachschiefer  empfehlen  sollen.
Preis  pro  dm.  je  nach  Größe  3—12  Ji
Der  Vorsitzende  macht  auf  die  bisherigen  schlechten  Erfahrungen ­
  mit  anderen  Schweizer  Dachschiefern  aufmerksam,
die  allerdings  so  billig  seien,  daß  sie  nicht  selten  auf  dem
Umweg  über  Caub  und  Frachtscheinen  von  dort  als  Cauber
Schiefer  verkauft  werden,  will  jedoch  gegen  diese  neue  Gesellschaft ­
  kein  Vorurtheil  erwecken,  da  die  beigegebene  Brochüre
die  bisherigen  Fehler  unumwunden  anerkenne  und  eine  sorgfältige ­
  Auswahl  verspreche.
Schluß  der  Versammlung  gegen  11  Uhr.
Der  Schriftführer:
Baumeister  Lang.
Zwanzigste  ordentliche  Wersammknng
am  22.  Dezember  1877.
Vorsitzender:  Oberbaurath  v.  Schlierholz.
Schriftführer:  Bauinspektor  Knoll.
Anwesend:  20  Mitglieder  und  2  Gäste.
Der  Vorsitzende  eröffnet  die  Sitzung  und  stellt  die  Herren
Architekt  Ganzenhauser  und  Architekt  Lauser  als  Gäste  vor.
Sodann  wird  das  Protokoll  über  die  vorige  Sitzung  verlesen ­
  und  genehmigt.
Der  Vorsitzende  macht  die  Mittheilung,  daß  der  badische
Techniker-Verein  nunmehr  sich  bereit  erklärt  habe,  sich  mit
seinen  sämmtlichen  Mitgliedern  bei  der  neu  zu  gründenden
Zeitschrift  für  Baukunde  zu  betheiligcn,  während  der  Casseler
Verein  nur  mit  30  Mitgliedern  beitreten  wolle;  worauf  der
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