Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1877)

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die Zweigstation Evere, etwa 6 Kilometer non Brüssel entfernt, ! 
geführt und daselbst nochmals sortirt werden. 
Für das Kehren und Begießen der Straßen ist in dem j 
Budget der Stadt für 1877 die Summe von 500,000 Fr. 
unter die Ausgaben aufgenommen, wogegen für den ver 
kauften Dünger 150,000 Fr. als Einnahme figuriren, so daß 
noch eine jährliche Auslage von 350,000 Fr. verbleibt. Dabei 
ist aber hervorzuheben, daß wenigstens über die Zeit der Aus 
stellung, die Reinhaltung der Straßen in der Nähe des Aus 
stellungsplatzes so weit getrieben wurde, daß auch die ganz 
unbedeutende Morastmasse, welche durch das Begießen sich ge 
bildet hatte, mittelst der Kehrmaschine sofort wieder abgekehrt, 
auf Haufen gebracht und abgeführt wurde, wobei in den 
breiteren Straßen 5 Maschinen gleichzeitig thätig waren, welche 
durch ein einmaliges Durchfahren die ganze Breite der Fahr 
bahn reinigten. 
Nach einer solchen Reinigung waren die Straßen so sauber, 
wie ein gekehrter Zimmerboden. 
Im Allgemeinen zeigen die Straßen Brüssels einen hohen 
Grad von Reinlichkeit, was neben dem Fleiß, der auf ihre 
Reinigung vewendet wird, seinen Grund noch darin findet, 
daß sowohl zu den chaussirten als gepflasterten Straßen ein 
sehr hartes Material verwendet wird, das sich nur wenig ab 
nützt, und daß ferner der Untergrund ein sandiger ist, der das 
Wasser leicht durchsickern läßt und keinerlei Veranlassung zur 
Morastbildung gibt. 
Die Fahrbahnen der Straßen im Innern der Stadt sind 
gepflastert, dagegen diejenigen der Boulevards beschottert und 
die Reitwege und Alleen für Fußgehende bekiest. 
Als Material zur Pflasterung wird vielfach Porphyr ver 
wendet, der sehr hart ist, aber bei seiner etwas rauhen Ober 
fläche die Fuhrwerke rc. stark abnützt. 
Außerdem finden noch einige Sorten von harten Kalk 
steinen, welche theils per Schiff, theils per Eisenbahn beige 
führt werden, vielfache Verwendung, namentlich auch zur An 
lage der Trottoirs, wozu Steine mit einer vollständig ebenen 
Oberfläche ausgelesen werden, auf welchen das Gehen nicht 
unangenehm ist. 
Etwas neues war mir die Verwendung künstlicher, d. h. 
gegossener Pflastersteine, welche unter dem Namen pave de 
Laitier bekannt sind und aus den Schlacken eines Hüttenwerks 
genommen werden. 
Die Form und Größe der Pflastersteine ist im allge 
meinen ähnlich den sogenannten Parisersteinen, ihre Höhe ist 
in der Regel 15—16 cm. im Haupt, 14—15 cm. im Geviert, 
sie sind aber nicht vollständig winkelrecht bearbeitet; der Preis 
für die Lieferung beträgt 135—180 Fr. pro 1000 Stück. 
Zur Unterhaltung der beschotterten Straßenflächen werden 
größtentheils auch Porphyrsteine verwendet, von welchen der 
Kubikmeter auf 12 Fr. zu stehen kommt. 
Ehe wir nun einige der bedeutenderen Werke etwas näher 
betrachten, soll zuvor noch darauf hingewiesen werden, daß 
Brüssel, das hinsichtlich seiner Bauart, Straßenanlage k. schon 
als Klein-Paris bezeichnet worden ist, andrerseits viel Aehn- 
lichkeit mit Wien hat, namentlich ist dieses der Fall in Betreff 
der Abgrenzung der Altstadt gegen die neueren Stadttheile; 
wie in letzterer Stadt die Ringstraße und der Wiener Donau 
kanal, so bilden in Brüssel die Boulevard und der Kanal 
Charleroi eine vollständige Grenzlinie der alten Stadttheile, 
und der sich daran anschließenden neueren Theile und Quartiere; 
eine sehr zweckmäßige Einrichtung ist die direkte Verbindung 
der beiden Hauptbahnhöfe, nämlich des Süd- und Nordbahn 
hofs durch breite Boulevards, die den Verkehr sehr erleichtern. 
Wenn wir nun unter den Boulevards uns etwas um 
sehen wollen, so ist in erster Linie der Boulevard Waterloo 
mit einer Länge von 1400 m. und einer Breite bis zu 80 m. 
hervorzuheben, von welchem die Figur I. einen Querschnitt 
darstellt; von der obigen Gesammtbreite kommen etwa 7,3 m. 
auf die an den beiden Häuserreihen sich hinziehenden Trottoirs; 
entlang derselben liegen 2 gepflasterte, zusammen 22 m. breite 
! Fahrbahnen, wovon die eine, und zwar die südliche 2 Pferde- 
j bahngeleise enthält; ferner 1 bekiester 10,0 in. breiter 
Reitweg mit 2 Baumreihen, eine bekieste 30 m. breite Prome 
nade mit 4 Baumreihen, und eine 10 in. breite beschotterte 
Fahrbahn. 
Für eine ausgiebige Beleuchtung ist durch 6 Reihen Gas 
kandelaber, und für die Bequemlichkeit der Spaziergänger durch 
eine genügende Anzahl Sitzbänke gesorgt. 
Ein Vergleich dieses Boulevard mit der Ringstraße in 
Wien, Figur II., deren Gesammtbreite in der Nähe des Stadt- 
Parks 30 Klafter oder 57 m., also 23 in. geringer ist, zeigt 
auch noch eine Verschiedenheit in der Situirung der einzelnen 
Theile; so liegen beispielsweise in Wien die beiden Pferdebahn 
geleise in der Mitte der Straße, während sie im Boulevard 
Waterloo an der Seite liegen rc. 
Weitere Boulevards von hervorragender Breite sind der 
Boulevard du Midi mit 40 in. Breite und 2 Baumreihen, 
der nn seinem obern Theile ziemlich steile Boulevard Botanique 
mit 29,0 m. Breite und ebenfalls 2 Baumreihen, die 50 in. 
breite Avenue de Louise mit 4 Baumreihen und der neue 
Boulevard de la Senne mit 28,0 m. Breite ohne Baumreihen, 
aber mit sehr breiten Trottoirs. 
Das auf dem rechtseitigen Ufer der Senne ziemlich stark 
ansteigende Terrain machte nicht nur die Anwendung starker 
Steigungen für einzelne Straßen, sondern auch Straßenkreu 
zungen in verschiedener Höhe und eine großartige Treppen 
anlage am Congreßplatz — mit etwa 80 Stufen — nothwendig. 
An Pferdebahnen besitzt Brüssel ein ausgedehntes Netz, 
jedoch nur in den breiteren Straßen und den Boulevards. 
Die Schienen haben die Form der auch in andern Städten 
vielfach verwendeten Flachschieneu, deren Länge 6,0 m. und 
deren Breite 10 cm. ist, wovon 4 cm. auf die zur Aufnahme 
des Spurkranzes dienende Vertiefung kommen. 
Sie ruhen auf einem hölzernen Oberbau, aus Quer- und 
Langschwellen bestehend, welche mittelst eiserner Schienenstühle 
und Schraubenbolzen miteinander verbunden sind. 
In den Curven ist die Oberfläche des äußern Gtranges 
ziemlich eben und zeigt nur eine kleine Vertiefung, dagegen 
ist der Rand an der innern Schiene etwas stärker, um den 
Wagen ihre Richtung zu geben. 
Die Situirung der Geleise ist verschieden; auf den breiteren 
Boulevards, wie auf dem Boulevard Waterloo liegen die 
Geleise entlang der Trottoirs; es ist hiebei die zunächst dem 
erhöhten Trottoir liegende Schiene 60 cm. vom Randstein 
entfernt. 
Auf dem neuen Boulevard de la Senne dagegen, liegen 
die Geleise in der Weise gegen die Mitte, daß jedes Geleise 
gleichweit von der Achse der Fahrbahn absteht. 
Die Spurweite ist dieselbe wie bei den Lokomotivbahnen, 
nämlich 1,433 m. 
Wo zwei Geleise liegen, beträgt der Abstand der Geleise- 
achse^i 2,5 m. (also um 1 m. weniger als bei der Stuttgarter 
Bahn), was seinen Grund wohl darin haben mag, daß die 
Brüsseler Wagen etwas weniger breit sind als die Stuttgarter, 
und daß man in Brüssel nie beabsichtigte, Güterwagen von 
einer mit Lokomotiven betriebenen Bahn auf die Pferdebahn 
überzuführen. Bemerkenswerth sind zwei Thatsachen, nämlich: 
1) das Befahren von Straßen mit starken Steigungen und 
2) die versuchsweise Benützung eines Dampfwagens. 
Die Strecke vom Nordbahnhof über den Boulevard Botanique 
bis zur rue royale hat an ihrem obern Ende nahezu 
8°/, Steigung, und diese wird bergauf mit vier kräftigen 
Pferden und bergab mit gut konstruirter Bremsvorrichtung 
vorsichtig befahren. 
Auch wurden zur Zeit der Ausstellung auf der Strecke 
von Schaerbeck durch die rue royale rc. nach dem Bois 
de la Cambre Versuche mit einem Dampfwagen als bewegende 
Kraft angestellt, welche so lange fortgesetzt werden sollen, bis 
man sich an maßgebender Stelle über dessen endgiltige Ein 
führung aussprechen kann.
	        

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