Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1879)

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großer Eile durch die Straßen der Stadt fahren, und daß 
nach seinen Erfahrungen dieser Transport schwerer Maschinen 
viel gefahrloser und sicherer in den Asphaltstraßen als in den 
andern Straßen erfolge, abgesehen davon, daß es den Pfer 
den um vieles leichter fällt. 
Durch Cheapside passiren täglich 13,000 Pferde, westlich 
von Queenstreet 16,000, wöchentlich etwa 91,000; während 
einer Beobachtung von 36 Tagen fielen dort auf dem Asphalt 
201 Pferde oder eins von 2323, mithin ungefähr nur halb 
soviel als in Paris, doch ist die vergleichende Zahl für Stein 
pflaster nicht vorhanden. 
Aus diesen Thatsachen, schreibt vr. Meyn, geht jeden 
falls so viel hervor, daß das Verhältniß gegen Steinpflaster 
keineswegs ungünstig ist. Herr Ingenieur Leon Malo 
macht über diesen Punkt aus seiner vieljährigen Erfahrung 
folgende Bemerkungen: 
„Man hat den Asphalt-Chausseen vorgeworfen, daß sie 
durch Glätte ihrer Oberfläche das Stürzen der schnell laufen 
den Pferde begünstigen; es dürfte deßhalb nützlich sein, einige 
Aufklärungen zu geben, welche sich auf neuere Thatsachen stützen. 
Aus den mit großer Sorgfalt gemachten Er 
fahrungen über das Ausgleiten der Pferde geht 
hervor, daß dasselbe nur auf unreinen Asphalt- 
Chaussen stattfindet. 
Jedesmal, wenn ein Pferd in der Fahrt von einem Bo 
den auf einen anders gearteten übergeht, zeigt es ein gewisses 
Zögern. Dieses ist um so entschiedener, wenn dasselbe von 
einem harten und unebenen Pflaster auf die ebene und ela 
stische Oberfläche des Asphaltes kommt. Aber ein Unfall ist 
doch nur zu befürchten, wenn das Pferd vom Pflaster auf die 
Asphaltstraße bei feuchtem Wetter übergeht. In der That 
ist die Asphaltstraße von selber niemals kothig, 
sondern nur bei Nebelwetter oder Staubregen vereinigt sich 
das Gemenge von Staub und Pferdemist, welches auf der 
Oberfläche niedergefallen ist mit der Feuchtigkeit, und nimmt 
nach genauen Beobachtungen eines der zuverlässigsten In 
genieure von Paris das fünffache Volumen an. Dadurch ent 
steht ein seifenähnlicher Teig, welcher die völlig ebene Ober 
fläche des Asphaltes schlüpfrig machen muß. — Man hat 
vorgeschlagen, die Gefahren des Gleitens durch künstliche 
Rauhigkeiten zu vermeiden und die Frage gestellt, ob nicht 
eine tiefe Quadrirung oder ein veränderter Beschlag der Pferde 
das Hilfsmittel werden könne. Aber eine noch so tiefe Qua 
dratfurchung würde in weniger als 8 Tagen verschwunden 
sein, und eine Veränderung des Hufbeschlages, welche doch nur 
in einer Art der Schärfung bestehen könnte, würde nur dazu 
dienen, die Oberfläche des Asphaltes zu brechen und 
zu zerstören. 
Die Asphalt-Chaussee fordert, um sich in gutem Stande 
zu erhalten, daß sie beständig komprimirt wird, sie kann durch 
ein beträchtliches Fahren nur gewinnen. Proben, die man 
von 6 zu 6 Monaten auf dem Platze des Palais Royal vor 
genommen, haben gezeigt, daß mit der Zeit die Masse an 
Zähigkeit und Dichtigkeit gewinnt, während sie gleichzeitig an 
Dicke etwas verliert, was mehr der Zusamnicnpressung als 
der Abnützung zugeschrieben werden muß. (In der Rue Ver 
göre hat die 2" dicke Asphaltschichte nach 17 Jahren noch 
H Zoll Dicke gezeigt, also durch Preßung und Abnützung 
b/g Zoll oder 31,2°/,, der Dicke eingebüßt.) Daher muß die 
Oberfläche ununterbrochen bleiben und nur den gewöhnlichen 
Wirkungen von Rad und Hufschlag ausgesetzt werden. Wie 
groß auch ihre Härte werde, sie bewahrt stets einen gewissen 
Grad von Elasticität; unbedeutend zwar, besonders im Winter, 
aber doch groß und merklich genug, daß ein daran gewöhntes 
Pferd hinreichende Stützpunkte darauf findet. 
Daraus folgt, daß es nur ein einziges, aber auch das 
unfehlbare Mittel gibt, jedes Gleiten zu verhindern: das ist 
das Spülen mit vielen: Wasser, eine Operation, die jetzt zu 
den leichtesten gehört, da Paris und die meisten größeren 
Städte genügenden Wasserzufluß haben. 
Wenn an einzelnen Stellen die Natur des Ortes oder 
die Größe des Verkehrs ein Spülen nicht zuläßt, so kann man 
schon durch eine kleine Sandstreue sofort das Gleiten unter 
brechen. Dies Hilfsmittel hat zwar nur eine kurze Dauer 
und dient schließlich nur zur Vermehrung des Kothes, aber 
dennoch leistet es in der Praxis große Dienste, weil es zu jeder 
Zeit ohne Aufenthalt in Anwendung gebracht werden kann" 
— so Leon Malo. 
Die Beobachtungen in London haben ein ganz gleiches 
Ergebniß gehabt. Der Ingenieur Haywood, als Vorstand 
der städtischen Pflasterungskomwission erklärt ausdrücklich, daß 
die Sicherheit des Verkehrs von der Reinlichkeit abhängt. 
In der deutschen Bauzeitung Jahrgang 1877 Seite 304 
ist in einem ausführlichen Aufsatz über städtische Straßen- 
pflasterungen ein Resumö von Haywood folgenden Inhalts 
zu lesen: 
„Nach eingehender Erwägung der zu meiner Kenntniß 
gelangten Thatsachen und Ansichten, wie nach meiner persön 
lichen Beobachtung besteht für mich kein Zweifel darüber, daß 
komprimirter Asphalt im richtigen Reinlichkeitszustande im 
Durchschnitt nicht schlüpfriger ist als Granit, daß er jedoch zu 
Zeiten an größerer Schlüpfrigkeit (als dieser) leidet; daß 
Pferde beim Fallen sich in geringerem Maße beschädigen, je 
doch das Aufstehen schwieriger für sie ist, daß das Fahren in 
gewöhnlichem Tempo auf Asphalt, wenn derselbe in langen 
Strecken verwendet ist, leichter von Statten gehl als auf 
Granit, daß aber in Straßen mit starkem Verkehr ein schnel 
leres Tempo gemäßigt, oder, wo es nothwendig sein sollte, 
plötzlich gestoppt werden muß; daß schließlich die Asphalt 
bahnen für große Geschwindigkeiten, wie auch für Ausübung 
großer Kräfte beim Ziehen schwerer Lasten weniger als Granit 
pflaster geeignet sind." 
Die Uebereinstimmung so bedeutender Autoritäten kann 
nicht größer sein, und so zeigt sich denn, daß das Asphalt 
pflaster in dieser so sebr gefürchteten Beziehung vollkommen 
ungefährlich und vortheilhafter als Steinpflaster ist, wenn es 
nur sorgfältig rein gehalten wird. 
1)r. Meyn kommt dann auf einen andern nicht unwich 
tigen Umstand zu sprechen und sagt: 
Schon jetzt ist eine sehr bemerkenswerthe und willkom 
mene Thatsache die, daß die Pferde, welche auf Asphaltstraßen 
fallen, sehr selten beschädigt werden, während auf Steinpflaster 
sie selten frei davon bleiben, und auf Makadam-Chaussee, die 
freilich weniger Stürze zählt, sehr oft ein gutes Pferd durch 
einen einzigen Sturz völlig ruinirt wird. 
Als Beispiel dafür, in wie hohem Grade während des 
heißen Sommers das Granitpflaster den Pferden verderblich 
werden kann, erzählt Dr. Meyn ein von ihm selbst erlebtes 
Beispiel folgendermaßen: 
„Mitten im Hochsommer in glühender Mittagshitze sah 
ich in der Vorstadt zu Kiel die beiden Vorderpferde eines 
vierspännigen Landfuhrwerkes auf dem Granitpflaster gleiten 
und fallen, und zwar dergestalt, daß fast eine Stunde lang 
die Pferde nicht einen einzigen Schritt thun konnten, ohne 
sofort wieder beide am Boden zu liegen, bis fremde Leute 
dem völlig rathlosen, vor Kunnner weinenden Fuhrknechte durch 
Ausspannung, Trennung und Fortführung der Pferde zur Hilfe 
kamen. 
Das eine Pferd war gefallen und lehnte sich, nachdem es 
aufgekommen, ängstlich gegen vas andere; dadurch kamen 
beide in schräge Stellung im Sinne der beiderseits abfallen 
den Straßeuwölbung und lagen sofort beide, entgegengesetzt 
ausgleitcnd, an der Erde, und dasselbe Spiel begann bei jeder 
neuen Aufrichtung. 
Eine ähnliche Erscheinung könne auf stark gewölbten Pfla 
sterstraßen auch bei vielspänniger Artillerie leicht eintreten und 
dann sogar ansteckend auf die übrigen Pferde wirken. Welches 
Unheil daraus in Fällen der Noth resultireil mag, ist gar 
nicht zu ermessen. Jedenfalls ist auf der kaum gewölbten 
Asphaltstraße etwas Aehnliches gar nicht denkbar, und wenn 
gleich die völlig gestürzten Pferde auf Asphalt nicht leicht 
wieder emporkommen, so genügt doch zur Hilfe eine hingebrei- 
tetc Pferdedecke oder eine Hand voll Saud, die überhaupt
	        

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