Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1879)

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Das Bild der ehemals so belebten Kärnthnerstraße ist 
total verändert; früher durcheilten die Wagen in undurch- 
brochenen Reihen diese Straße, so daß die Kreuzung der Fahr 
bahn für Fußgänger nichts leichtes war, heute herrscht Stille 
in der Straße, die aber nicht von der Geräuschlosigkeit des 
Asphaltpflasters, sondern von dem Fernbleiben der Wagen 
herrührt. 
Die Fahrbahn wird, weil sie leer ist, von den Fußgängern 
benützt, und die Anhänger des Asphalts sagen, das Publikum 
gehe deshalb auf der Fahrbahn, weil es lieber auf Asphalt, 
als auf dem gepflasterten Trottoir gehe, das ist aber nicht 
richtig, denn das Publikum geht nur deshalb auf der Fahr 
bahn, weil diese leider frei ist, und die Trottoirs sehr schmal 
sind. Das Alles haben die fortwährenden Fälle des Stürzens 
der Pferde verursacht; ein Equipagenbesitzer mit theuren 
Pferden meidet absolut die Kärnthnerstraße, und mir selber 
ist es wiederholt vorgekommen, daß ein Fiaker oder Einspänner 
sich weigerte, mit mir durch die Straße zu fahren. 
Der Rückschlag des Werthes der Geschäfte in der Kärnth 
nerstraße ist gegenwärtig schon sehr fühlbar, und er wird sich 
leider noch steigern, denn der Verkehr sucht und findet von 
Tag zu Tag neue Bahnen auf. 
Diese Erscheinung ist übrigens nicht neu, sie hat sich in 
ganz gleicher Weiser vor einigen Jahren in Buda-Pest, in der 
ehemals von Fuhrwerken stark frequentirten Waizengaffe ab 
gespielt. 
Das ist der gegenwärtige Stand der Sache. 
Dieser Ingenieur ist der Ansicht, daß die weitere Durch 
führung der Asphaltstraßen in dem Wagenverkehr einer Stadt 
einen totalen Umschwung nach sich zieht. Vor Allem muß 
der Hufbeschlag der Pferde ein anderer werden, und zwar 
nicht wegen der Schonung des Asphalts, sondern wegen der 
Sicherheit der Pferde. Die Hufeisen müssen, wie in Paris, 
flach gehalten werden, und bedingt eine derartige Umgestaltung 
überhaupt ein langsameres Tempo im Fahren auf allen 
Straßen, also auch auf solchen, die nicht mit Asphalt belegt 
sind. Ich habe dabei in erster Linie Wien vor Augen, wenn 
ich sage, daß dieses das Aufgeben einer eingelebten Gewohn 
heit ist; in Wien fährt man rasch und konnte dies thun, geht 
man aber auf einen anderen Hufbeschlag über, so muß man 
in Zukunft langsamer fahren, wie dieses in Paris auch der 
Fall ist; ein Uebergang, der aber den Wienern schwer fallen 
und das Straßenleben in unserer Großstadt arg schädigen wird. 
In einer kleinen Stadt, welche keinen so riesigen Verkehr hat, 
wird dieses nicht so einschneidend sein, und das Beispiel 
von unserer Kärnthnerstraße wird allenfalls in Stuttgart nicht 
vorkommen können. Zum Schlüsse spricht er seine Ansicht 
dahin aus, daß eine allgemeine Einführung der Asphaltstraßen 
in Wien, nach den gemachten Erfahrungen kaum gewärtigt 
werden könne. 
Ebenso interessante, dabei aber günstiger lautende Mit 
theilungen sind uns aus Berlin zugekommen. In dem Bericht 
über das städtische Straßenreinigungswesen pro 1878 
wird bezüglich der Asphaltstraßen gemeldet: Eine ganz be 
sondere Sorgfalt muß den asphaltirten Straßen zugewendet 
werden, deren Oberfläche fast bei jedem Witterungswechsel 
eine so gefährliche Glätte gewinnt, daß dem Stürzen der 
Pferde nur durch schleuniges Sandstreuen vorgebeugt werden 
kann. Zu diesem Zweck gehen die Tagesposten ununterbrochen 
jene Straßen, um im Nothfall sofort bei der Hand zu sein. 
Auch sind mehrere Gutachten an den Magistrat im Monat 
März und April im „Berliner Fremdenblatt" veröf 
fentlicht worden, und zwar: 
Von dem Kgl. Hofmarschallamt, welches lautet: 
„In Bezug auf Schonung des Fuhrmaterials ist das 
Asphaltpflaster das beste; diesem fast gleich kommt das sog. 
Wiener Pflaster, aus quadratisch behauenen Granitsteinen mit 
Schotterunterbettung, jedoch verdient letzteres den Vorzug vor 
dem Asphaltpflaster in Bezug auf die Sicherheit des Fahrens, 
wenn das letztere nicht stets rein gehalten und bei Schnee 
und nassem Wetter mit Sand bestreut wird. Freilich ist das 
sog. Wiener Pflaster bedeutend theurer, denn es kostet der 
gm 26 <A, während beim Asphaltpflaster der gm nur 17—18 M. 
kostet; es kann jedoch nach erfahrnngsmäßiger Berechnung das 
Wiener Pflaster 12 Jahre liegen und dann umgelegt werden, 
wo es wiederum 12 Jahre benutzt werden kann, so daß dieses 
Pflaster nach sachverständiger Berechnung ungefähr 2 M. pro qm 
jährlich kosten würde. In Bezug auf die Haltbarkeit des As 
phaltpflasters, welche noch erprobt werden muß, ist man der 
Meinung, daß sie dem Wiener Pflaster nicht gleichkommen 
wird —" 
Die Kaiser!. Oberpostdirektion, welche sich aus 
Veranlassung einer seitens der städtischen Baudeputation an sie 
ergangenen Anfrage über das Asphaltpflaster äußerte, sagt, 
daß während des ganzen verflossenen Winters Fälle, in welchen 
Postpferde auf Asphaltpflaster gestürzt, nicht vorgekommen 
seien, und wenn auch dieses günstige Ereigniß theils darin 
seine Erklärung findet, daß Postillone und Pferde sich mehr 
und mehr an die Eigenthümlichkeiten dieses Pflasters gewöhnt 
haben, so hat dasselbe wohl hauptsächlich der zweckmäßigen 
Wahl und Verwendung von Streumitteln bei eingetretener 
Kälte zugeschrieben werden müssen. Bei trockenem Wetter sei 
danach das Asphaltpflaster jeder anderen Pflasterungsart un 
bedingt vorzuziehen, bei nassem Wetter, Frost, Schneefall und 
Glatteis sind Vorkehrungen empfehlenswerth, um den mit der 
Glätte der Fahrbahn verbundenen Gefahren rechtzeitig ent 
gegenzuwirken. 
Seitens zweier Autoritäten in Fahrangelegenheiten, nämlich 
des Hofwagenfabrikanten Siewert und der Berliner 
Reit-Jnstitut-Aktiengesellschaft wird geschrieben: Beide 
halten das Asphaltpflaster in Bezug auf Schonung der Wagen 
und Pferde für das beste, und sprechen sich auch dahin aus, 
daß das häufige Stürzen der Pferde nur darin seinen Grund 
habe, daß die Pferdeführer die Pferde nicht in der Hand be 
hielten und denselben nicht die gehörige Aufmerksamkeit schenken rc. 
Der Berliner Spediteurverein hat dem Magistrat 
mitgetheilt, daß, nachdem Kutscher und Pferde sich mittlerweile 
an das Asphaltpflaster mehr gewöhnt haben, sowohl im Herbst 
als im Winter, der diesmal besonders reich au Glätte war, 
von seinen 120 Pferden kein einziges auf dem Asphaltpflaster 
gestürzt sei. Der Verein ist der Ansicht, daß das Asphalt 
pflaster für Lastfuhrwerk unbedingt vor jedem andern Pflaster 
den Vorzug verdiene und daß es nur erwünscht sei, wenn 
recht viele Straßen mit diesem Pflaster versehen werden. 
Zum Schlüsse der Berliner Mittheilungen ist noch anzu 
fügen, was Herr Louth, Direktor der Neufchatel- 
Asphalte-Company, welcher die Ausführung der neueren 
Asphaltirung der Straßen in Berlin leitet, in einem Brief 
vom 29. v. M. schreibt: Eine Aenderung des Hufbeschlags 
habe in Berlin nicht stattgefunden, und sei seines Wissens auch 
niemals davon die Rede gewesen. Er würde einem glatten 
Hufbeschlag ohne Stollen den Vorzug geben, weil nach seinen 
Wahrnehmungen auf Asphalt die Stollen nichts nützen und 
der Huf des Pferdes eine große Reibungsfläche habe, wenn 
es auf platten Eisen gehe; die Stollen an den Hufeisen halte 
er für den Asphalt nicht schädlich, denn die Masse werde mit 
der Zeit so hart, daß die Stollen gar keine Vertiefungen mehr 
verursachen, und solche Vertiefungen, die Anfangs ziemlich ver 
einzelt entstehen, bald wieder verschwinden. So viel aus Berlin. 
Herr Dr. v. Rueff, Direktor a. D. an der Kgl. Thier 
arzneischule in Stuttgart, welcher um Mittheilung seiner Er 
fahrungen ersucht wurde, hat in zuvorkommender Weise neben 
mündlicher Auskunft einen von ihm verfaßten Aufsatz in dem 
österreichischen landwirthschaftlichen Wochenblatt vom 12. Ok 
tober 1878 Nr. 41 „französische Beschlagmethoden, hipotogische 
Briefe aus Paris" zur Verfügung gestellt, in welchem er die 
von ihm in Paris selbst angestellten Beobachtungen beschreibt 
und u. A. folgendes hervorhebt. 
„Die Pferde ohne Stollen gehen mit mehr Geschicklichkeit 
auf den schlüpfrigsten Straßen, und wenn sie auch ausgleiten, 
so fallen sie nicht so leicht wie bestollte Pferde. Wie oft 
mußte ich an den schweren Omnibus die Pferde bewundern, 
welche einen gepflasterten Berg herab oder bei raschem Pariren 
auf allen vier Füßen fortrutschten. Auch an den schweren zwei
	        

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