Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1879)

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Dieses wurde etwas besser als Herzog Karl 1761 die 
academie des arts gegründet hatte. Diese Stiftung entsprang 
keineswegs einer Begeisterung für die Kunst, sondern lediglich 
der Absicht, für die Hofbauten, glänzenden Hoffeste, Theater rc. 
zahlreichere und wohlfeilere Kräfte heranzuziehen, als die aus 
Frankreich oder Italien berufenen waren. In diese Schule 
wurden hauptsächlich Söhne von Unteroffizieren, Hofbedienten k., 
kurz Jünglinge von niederer Herkunft aufgenommen und ihre 
Zöglinge wurden auch nach der 1773 erfolgten Verbindung der 
academie des arts mit der Karls-Akademie den Schülern 
dieser letzteren nicht ebenbürtig erachtet. Als z. B. der später 
so berühmte Maler Wächter, der zuerst in der wissenschaftlichen 
Abtheilung war, in die Kunstabtheilung übertreten wollte, sagte 
ihn: der Herzog: „Schämt Er sich nicht. Er ein Regierungsraths- 
Sohn, ein Maler werden zu wollen?" Trotz dieser Gering 
schätzung war Karl aber doch besorgt, tüchtige Lehrer für 
diese Abtheilung aus dem Ausländ zu gewinnen. Es waren an 
ihr wirksam die Theatermaler Scotti und Colomba, der Land 
schaftsmaler Harper, der Historienmaler Guibal und der 
Bildhauer Le Jeune rc. 
Einer der frühesten Zöglinge dieser Kunst-Akademie war der 
1746 in Stuttgart geborene R. F. H. Fischer, der in der 
zweiten Hälfte der sechziger Jahre als Bau-Kondukteur bei de la 
Guepiere eintrat. Er scheint sich dabei sehr anstellig erwiesen 
und die Gunst des Herzogs in so hohem Maße erworben zu 
haben, daß er bald selbstständige Stellungen als Professor an 
der Karlsakademie und zuletzt als Oberbaudirektor erhielt. Als 
solcher hat er zwar sehr viel, doch nichts von größerer Bedeut 
ung, meist Ergänzungs- und Umbauten bei und in herzoglichen 
Schlössern, z. B. auf der Solitude, in Hohenheim, Stuttgart, 
Ludwigsburg und an anderen Orten auszuführen gehabt. Seine 
Entwürfe waren, wie die späteren Guepiere's, im Styl 
Ludwigs XVI. gehalten, doch etwas matter als diese. 
Ein zweiter aus der academie des arts hervorgegangener 
württembergischer Hofbaumeister war Nikolaus Thouret, ge 
boren in Ludwigsburg 1767 als Sohn eines Hofdieners. Er 
trat 1779 in dieselbe ein, um Maler zu werden. 1788 wurde 
er als Hofmaler mit 400 fl. Besoldung aus derselben entlassen 
und zur weiteren Ausbildung nach Paris geschickt. Auch dort 
studirte er noch als Maler, ging dann 1791 nach Rom, wo er 
mit dem nur 1 Jahr älteren Weinbrenner aus Karlsruhe 
zusammentraf und durch dessen anregendes Beispiel hingerissen, 
nun ebenfalls ausschließlich architektonischen Studien sich hingab. 
1796 kam er wieder nach Stuttgart zurück, wo er sofort mit 
Vollendungsbauten in Hohenheim beschäftigt wurde. Gleich 
darauf wurde er durch Göthe veranlaßt zum Wiederaufbau des 
abgebrannten Schlosses nach Weimar zu kommen, wo er 2 Jahre 
blieb, dann aber wieder nach Württemberg zurück mußte, um 
auf Befehl des damaligen Herzogs, späteren Königs Friedrich, 
das Favoritschlößchen bei Ludwigsburg neu einzurichten und zu 
dekoriren. 1799 wurde er Hofbaumeister. 
Als solcher war er, so lange König Friedrich regierte, 
also bis 1816, gezwungen mit einer ganz unglaublichen Hast zu 
arbeiten. Man ließ ihm für die Ausführung seiner meist deko 
rativen und Festin-Arbeiten nicht immer so viele Tage als andere 
Wochen nöthig gehabt hätten, und er war der Mann dazu dieser 
Königlichen Ungeduld willfahren zu können. Es kam ihm dabei 
der Umstand zu Hilfe, daß er ursprünglich Maler werden wollte 
und Architektur erst nachträglich, etwas äußerlich, ohne tieferes 
Eingehen auf Konstruktionen und strenge Prinzipien studirt hat. 
Wenn z. B. ein neuer Saal in ein paar Wochen fertig sein 
mußte, so brachte er ihn auch wirklich fertig: Wände und Mauern 
wurden von Holz gemacht, mit Leinwand bespannt und tapeziert, 
Marmortäfelungen wurden mit Glasplatten hergestellt, auf deren 
Rückseite Marmornialerei war. Statt der Vergoldungen ver 
wendete man allenfalls Goldpapier rc. Auch die Durch 
führung aller übrigen Arbeiten wurde ähnlich bewerkstelligt. 
Fast alle Königlichen Schlösser und sonstigen Hofbauten sind 
reich an Beispielen dieser Art und man kann die Menge dessen, 
was er schuf, nur anstaunen. — Daß übrigens diese, für die 
Bauthätigkeit unter König Friedrich charakteristische Art, gleich 
wohl Thourets Liebhaberei nicht war, das bewies er mit 
seinen späteren Bauten aus der Regierungszeit König Wilhelms, 
namentlich mit denen in Wildbad, woran man ein liebevolles 
Eingehen auch auf Einzelheiten und selbst eine pünktliche Voll 
endung nicht vermißt. 
Thourets künstlerische Richtung war diejenige der fran 
zösischen Republik, wie sie im letzten Jahrzehnt des vorigen 
Jahrhunderts überall, und in Deutschland auch noch im ersten 
Jahrzehnt dieses Jahrhunderts herrschend war. Es war eine 
Richtung, welche nicht blos mit dem ausgelassensten Styl 
der Zeit Ludwigs XV., sondern mit allen früheren Schat- 
tirungen der Renaissance in den schroffsten Gegensatz trat; 
eine Richtung, der auch der derbste Dorismus noch nicht derb 
und einfach genug war, deren Ideal eigentlich die ägypti 
schen Pyramiden in ihrer vollendeten Kahlheit waren. 
Sie negirte in formaler Richtung alle traditionellen Ueberliefer 
ungen und knüpfte, so weit ein Anknüpfen gar nicht umgangen 
werden konnte, überall an den ällereinfachsten Formen solcher' 
j Kulturperioden an, welche über die obere Grenze des Bronce- 
; Zeitalters kaum sich erhoben hatten; ihre Typen fand sie also außer 
im Dorismus des 6. Jahrhunderts v. Chr. hauptsächlich in den 
altägyptischen uud etruskischen Bauwerken. Die spätere Durand'- 
sche Richtung ist eine hohe Veredlung dieses Styles der Republik 
unter möglichster Abstreifung seiner derbsten Herbigkeiten. 
Thouret hörte erst 1817, im Jahr nach Friedrichs Tode, 
auf, Hofbaumeister zu sein. Damals ernannte man ihn zum 
Professor einer projektirten, aber nicht zur Ausführung ge 
kommenen Akademie der schönen Künste. (Die frühere 
Academie des arts war nämlich bald nach Karls Tode 1794 
mit der Karls - Akademie aufgelöst worden.) Als Akademie- 
Professor ohne Akademie mußte er am Gymnasium und 
der Realschule Zeichenunterricht geben, bis 1829 endlich eine 
Kunstschule wirklich zu Stande kam, deren Vorstand er wurde. 
! Seine ursprüngliche stylistische Richtung hatte er inzwischen ver 
lassen, uni sich theils der italienischen Renaissance (Palais des 
Herzogs von Urach in der Neckarstraße und Bazar), theils der 
Romantik, wie sie von Hübsch in Karlsruhe und von Gärtner 
in München gepflegt wurde, sich zu nähern (Bauten in Wildbad). 
Am 17. Januar 1845 starb er. Eine „Schule" hat er nicht 
gebildet. 
Der gleichen Richtung wie Thouret huldigte der 1765 
zu Neustadt bei Dresden geborene, also zwei Jahre ältere Joh. 
Gottfr. Klinsky, welcher auf der Akademie in Dresden studirend, 
ursprünglich Bildhauer werden wollte und ebenfalls erst in spä 
teren Jahren der Architektur sich zuwandte. Er baute anfäng 
lich in Böhmen, verlebte dann einige Jahre in Rom und wurde 
1811, also bereits in vorgerücktem Alter, von König Friedrich 
als Hofbaumeister nach Stuttgart berufen. Nach dem Regier 
ungsantritt König Wilhelms wurde er 1816 als Landbau 
meister nach Hall und 1818 als Baurath nach Ulm versetzt, wo 
er 1829 starb. In Ulm hat er das Ebner'sche Haus und auf 
der Solitude das sog. Bärenschlößchen erbaut. Er war ein 
vortrefflicher Zeichner und hat in seinem Atelier in Hall 
und Ulm mehrere unserer älteren Baumeister, namentlich den 
verstorbenen Oberbaurath von Bühl er und den Baurath 
Gabriel, geschult. Seine trefflichen Zeichnungen vom Ulmer 
Münster sind ein werthvoller Schatz in der dortigen Münster 
sakristei und eine größere Anzahl von Entwürfen aller Art mit 
vorzüglich gezeichneten landschaftlichen Staffagen (früher Eigen 
thum der Freiherren von König) sind ini Besitz des Vor- 
I tragenden. 
Eine viel ausgiebigere und sehr hoch zu schätzende 
Wirkung auf die Ausbildung württembergischer Archi- 
! tet'ten übte Ferdinand Fischer, der 1784 geborene Sohn 
: des schon erwähnten Oberbaudirektors R. F. Fischer. Seinen 
ersten Fachunterricht erhielt er bei seinem Vater, ging aber schon 
frühzeitig, 1802, nach Paris, wo er mehrere Jahre, hauptsäch 
lich unter Durand studirte und zuletzt noch kurze Zeit an 
Percier sich anschloß. Von dort ging er nach Italien, wo er 
mit unermüdlichem Fleiße seine Studien, die' in einer großen 
Menge überraschend schöner Zeichnungen niedergelegt sind^ fort 
setzte, bis er 1812, nach zehnjähriger Abwesenheit, zur Ueber 
nahme der Stelle eines dritten Hofbaumeisters in seine Heimath
	        

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