Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1879)

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berufen wurde. Als solcher hatte er das Haus des jetzigen 
Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten in ein Palais 
für den damaligen Kronprinzen, späteren König Wilhelm, um 
zuwandeln, wobei er <iber nicht immer den Sinn dieses Fürsten 
errathen zu haben scheint, weil er gleich nach dessen Thron 
besteigung, noch vor Klinskp, vom Hofe entfernt, und zuerst 
als Landbaumeister nach Hall und dann als Baurath nach Ell- 
wangen versetzt worden ist. Schon in Stuttgart hatte er sich 
mit der Ausbildung jüngerer Architekten befaßt. Bereits 1815 
traten da Zanth und Heigelin in sein Atelier ein, von wo 
sie ihm 1816 nach Hall und Ellwangen folgten. Dort sammelten 
sich bald noch andere Jünglinge um ihn, von denen ich nur Ga ab 
und Rllpp nennen will, und es scheint sich, nach den Erzähl 
ungen dieser Herren, ein ächt künstlerisches, von jugendlichem 
Feuer getragenes Streben entfaltet zu haben. Vieles von 
dein, was lange Zeit in der württembergischen Architektenwelt 
von großen: Einfluß war, hat dort gekeimt und sich später zu 
einem Baum entfaltet, der weit über die engeren Grenzen Würt 
tembergs hinaus seine blüthenreichen Zweige trieb. — 1834 
wurde Fischer Vorstand der Gewerbeschule, die unter ihm zum 
Polptechnikum sich entfaltete. 1852 trat er von diesem Amte 
zurück, und 1860 war sein Todesjahr. Er war ein Architekt von 
seltener Bildung und insbesondere ein ganz vorzüglicher Zeichner, 
der die Durand'sche Richtung stets hoch hielt, und von seinen 
älteren Studiengenossen sowohl, als auch von seinen Schülern 
hochgeschätzt und geehrt worden ist. 1817 schrieb Weinbrenner 
an Wächter: „Es ist eine Schande, daß man den jungen 
Fischer so zurücksetzt," und Heigelin schrieb in der Widmung 
seines Werkes über höhere Baukunst an Zanth ungefähr: „Wir 
würden der Schule Ferdinand Fischers wenig Ehre machen, 
wenn wir die Kunst nicht über alles heilig hielten." Fischer 
hat nicht das Glück gehabt, Bauaufgaben zu erhalten, die auf der 
Höhe seiner Bildung standen. Mit Schul- und Pfarrhäusern, 
Gefängnissen u. dergl. mußte er sich begnügen, und mancher 
spricht heute geringschätzig von ihm, der nicht würdig wäre, ihm 
die Schuhriemen aufzulösen. 
Mit Thouret, Klinskp und Ferdinand Fischer sind wir 
(obschon alle drei von König Wilhelm nach dessen Thron 
besteigung entlassen wurden) in die Regierungszeit dieses Mo 
narchen eingetreten. Die architektonischen Ideale dieses Fürsten 
waren, wenn man von dessen mehr zufälligen Liebhabereien für 
arabische (maurische) Bauten absieht, diejenigen der ersten fran 
zösischen Kaiserzeit, also hauptsächlich die römische Architektur. Die 
genannten drei Baumeister paßten also in der That auch weniger 
für ihn als der Florentiner Salucci, ein in Italien geschulter 
ehemaliger Stabsoffizier des ersten Napoleon, und der Engländer 
Papworth. Beide scheint er bald nach seiner Thronbesteigung 
kennen gelernt zu haben und beide hat er sofort mit seinem 
ersten großen Bauvorhaben, dem Landhaus auf dem Rosenstein, 
beschäftigt. Die Projekte beider liegen vor, die des letzteren 
sind überraschend schön aquarellirt, doch sind die, sauber und 
solid, aber weit weniger künstlerisch gezeichneten Pläne des 
ersteren zur Ausführung genehmigt, und in: Laufe der zwanziger 
Jahre (Vollendung 1828) auch wirklich ausgeführt worden. 
Zwischenhinein baute Salucci auch die Grabkapelle auf dem 
rothen Berg, das Landhaus Weil und nachher das sog. Prin 
zessinen- oder WilhelmS-Palais in Stuttgart. 1840 oder 1841 
wurde Salucci, weil sich der Schwamm in: Rosenstein zeigte, 
entlassen, wonach er sich wieder in seine Heimath Florenz zurück 
begab. Papworth hat iu Württemberg, außer seinen Ent 
würfen für den Rosenstein nichts hinterlassen. In London hat 
er den Titel Architekt des Königs von Württemberg fortgeführt 
und eine sehr ehrenvolle Stellung unter den dortigen Architekten 
eingenommen. Vom Royal Institute of British Architekts er 
hielt er in den vierziger Jahren ein Ehrengeschenk. 
Keiner von beiden hat aber die Weiterbildung der Archi 
tektur in Württemberg wesentlich beeinflußt. 
Eine sehr große Wirkung in dieser Richtung haben dagegen 
die zwei Hauptschüler F. Fischer's, Heigelin und Zanth 
ausgeübt. 
Karl Marcell Heigelin wurde am 9. Juni 1798 in 
der Nähe von Stuttgart geboren, erhielt eine gute humanistische 
Bildung und trat dann, wie schon erwähnt, ins Atelier Fischer's 
ein, in welchem er mehrere Jahre blieb. 1821 ging er nach 
Paris, wo Durand noch lebte und zu Heigelins Freude, 
der ihn zu hören nicht versäumte, auch noch lehrte. — Im 
Frühling 1822 wanderte er weiter nach Italien, wo er aber 
nur ungefähr ein Jahr verweilte. Nach seiner Rückkunft ließ er 
sich in Tübingen nieder, hielt dort Privatvorlesungen an der 
Universität, gründete ein Atelier zur Heranbildung von Archi 
tekten und empfing im September 1823 das Diplom eines Br. 
der Philosophie. Gleichzeitig publizirte er seine Schriften über 
Heizungswesen und ökonomische Bauarten und begann er sein 
großes „Lehrbuch der höheren Baukunst", das er seinem Freund 
und ehemaligen Mitschüler Zanth widmete. 1823 machte er 
auch das Staatsexamen als Baumeister und in der betreffenden 
Urkunde bezeugten ihm seine Examinatoren Etzel, Thouret 
und Barth, daß er sich als „ein talentvoller und vor 
züglich gebildeter Künstler erwiesen habe." Hiedurch 
hatte sich Heigelin bereits so bekannt gemacht, daß, als 1829 
die zunächst noch mit der Realschule verbundeue Kunst- und 
Gewerbeschule zu Stande kam, er als Professor an dieselbe 
berufen wurde. 1832 erhielt die Gewerbeschule eine selbständige 
Stellung und Heigelin das Amt ihres Vorstandes. Unter 
ihm wirkten als Lehrer an derselben Weitbrecht, Degen 
und Kiefer. Thouret blieb Vorstaud der nun ebenfalls 
selbständigen Kunstschule. Mit Heigelin kamen auch die Schüler 
seines Tübinger Ateliers nach Stuttgart und diesen gesellten sich 
sofort noch weitere bei, die in ersprießlicher Weise den Schul 
unterricht mit dem Atelierunterricht verbanden. Heigelin kam 
dadurch in einen seinem geistigen Wesen vorzüglich entsprechen 
den Wirkungskreis. In glänzendem, ebenso feurigem als klarem 
Vortrag wußte er seine Hörer mit sich fortzureißen; heute noch 
sprechen diese mit Begeisterung von der mächtig befruchtenden 
Wirkung dieser Vorträge, und es ist kein Wunder, daß fast alle 
von ihnen über das gewöhnliche Niveau sich erhoben 
haben. Es genügt, die Namen Etzel, Leins, Elsäßer, 
Pfeilsticker zu nennen; aber neben diesen studirten noch viele 
andere, die, obschon sie weniger berühmt wurden, doch ein war 
mes Herz für alles Edle und Schöne in der Architektur und 
im Leben sich bewahrt haben, trotz der gewaltig abkühlenden 
Wirkung ihres meist nüchternen kleinlichen Wirkungskreises. — 
Leider hat Heigelins so erfolgreiche Wirksamkeit nur kurze 
Zeit gewährt. Schon am 5. August 1833 erlag er einem hef 
tigen Nervensieber nach kaum vollendetem 35. Lebensjahr. 
In den ersten Jahrzehnten nach den Napoleonischen Kriegen 
waren alle Kassen so erschöpft, daß Staaten und Korporationen, 
ja selbst die Privatleute auf die äußerste Sparsamkeit hingewiesen 
waren und zum Bauen weder Geld noch Lust hatten; darunter 
hat, wie Fischer, auch dessen Schüler Heigelin gelitten. 
Auch dieser hat nur ein paar unbedeutende Kirchen in Korb 
und auf dem Hohenstaufen gebaut und außerden: einen Plan 
zu einer Kathedrale für Rottenburg entworfen. Aber nicht deß 
halb, sondern trotz dessen, hat er sich eine allgemeine Achtung 
als Architekt verschafft und Ehrenzeichen von vielen Seiten, selbst 
aus der Schweiz und Frankreich erhalten. Nebst seiner Lehr- 
thätigkeit bleibt sein Hauptverdienst sein Lehrbuch über höhere 
Baukunst und vor allem die darin niedergelegten kerngesun 
den Grundsätze, die ich hiemit allen, namentlich aber den 
jüngeren Fachgenossen, aufs wärmste empfehlen möchte. Man 
hat in den verflossenen 50 Jahren viel über Architektur geschrie 
ben und die Kunstwissenschaft sehr gefördert. Aber Niemand 
hat seither die ewigen Grundwahrheiten klarer und schöner aus 
gesprochen. 
In der Lehrthätigkeit an der Gewerbeschule ist auf Hei 
gelin zuerst, wie schon gesagt, sein Lehrer Fischer, dann 
1839 Mauch und bald darauf auch B rep manu gefolgt, fast 
gleichzeitig wurde diese Schule zur polytechnischen Schule, ich 
muß sagen „ernannt", denn thatsächlich blieb sie noch Ge 
werbeschule bis 1845, wo durch die Gründung der Baugewerke 
schule erst eine Ausscheidung der Gewerbeschüler und damit der 
Uebergang zu einer wirklichen polytechnischen Schule möglich 
war. 1862 erhielt diese Schule die Stellung und den Rang 
einer technischen Hochschule. Mauch und Brepmann
	        

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