Volltext : Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1879)

Wer  die  Arbeiten  am  Gotthard  besichtigen  will,  geht  am
besten  von  Amsteg  bis  Göschenen  zu  Fuß,  ebenso  von  Airolo
wenigstens  bis  Dazio  grande,  über  den  Gotthardpaß  besser  mit
der  Post,  die  Gegend  ist  mit  Ausnahme  der  Schöllenen  hinter
Göschenen  nicht  interessant.  Die  Teufelsbrücke,  ca.  20  m  weit
aus  Quadern  solid  hergestellt,  macht  nicht  den  erwarteten  Eindruck; ­
  es  fehlt  die  Vegetation,  beiderseits  kahle  Felswände.
Vom  Hospitz  ist  der  Abfall  ins  Tessin  außerordentlich  steil  in
dem  engen  Thal  der  Tremola,  welche  bei  Airolo  in  den  von  der
rechten  Seite  kommenden  Tessin  fallt.  Airolo  ist  schon  eine  ganz
italienische  Stadt,  die  Gebäude  sauber  und  freundlich,  weil  erst
seit  einigen  Jahren  nach  dem  Brande  neu  aufgebaut,  die  Straßen

sind  aber  noch  nicht  fertig  und  sehen  sehr  unordentlich  aus.
Voni  Deutschen  muß  mau  sich  hier  verabschieden  (Post  noch
deutsch)  und  froh  sein,  wenn  man  Jemand  trifft,  der  ordentlich
italienisch  und  nicht  nur  den  Dialekt  der  Gegend  spricht.
Je  weiter  man  im  Tessinthale  herab  steigt,  desto  mehr
verändert  sich  die  Landschaft,  Kastanien,  Weinbau,  der  bei  Faido
beginnt.  Die  Kultur  ist  ganz  von  der  unsrigen  verschieden,  auf
Pfosten  van  Holz  oder  Granit  liegt  ein  horizontales  Gerüst  von
Stangen,  aus  welchen  die  Reben  sich  ausbreiten,  der  Boden
selbst  scheint  kaum  bearbeitet  zu  sein.  Feigen  und  Maulbeer
treten  ans,  bei  Biasca  beginnt  die  Bahn,  die  nach  Bellinzona
und  Locarno  zum  Lago  maggiore  führt.

B-il.  2,  zur  16.  Versammlung.
Vortrag,  gehalten  in  der  16.  Versammlung  am  6.  Dezember  1879
durch  Banrath  Leibtrrmrd:

Meber  den  dermaligen  Stand  des  Straßenbaues  und  der  Slraßenunlerhattung
in  Maden  und  Braunschweig.

Ich  habe  während  einiger  Wochen  des  Sommers  1879
etwa  500  Kilometer  Straßen  in  Baden,  Elsaß,  Hannover
und  Braunschweig  bereist  und  mich  über  die  in  den  genannten
Ländern  bezw.  Provinzen  derzeit  üblichen  Methoden  des  Straßenbaues ­
  und  der  Straßenunterhaltung  möglichst  eingehend  zu  orientiren
  versucht;  die  hiebei  gemachten  Beobachtungen  und  Erhebungen ­
  beehre  ich  mich,  in  Folgendem  in  Kürze  vorzutragen:
I.  Waden.
Das  Straßengesetz  vorn  14.  Januar  1868  bildet  die  Grundlage ­
  der  bestehenden  Einrichtungen;  nach  ihrn  zerfallen  sämmtliche ­
  öffentlichen  Wege  in  Gemeindestraßen  und  Landstraßen;  die
ersteren  werden  von  jeder  Gemeinde  in  ihrer  Markung  gebaut
und  unterhalten,  wobei  sie  den  Aufwand  in  der  Regel  allein  zu
tragen  hat;  die  Landstraßen  dagegen  werden  vom  Staat  unter
entsprechender  Mitwirkung  der  Gemeinden,  durch  deren  Gemarkung ­
  die  Straße  zieht,  und  des  zugehörigen  Kreisverbandes  gebaut ­
  und  unterhalten;  die  Vertheilung  der  Kosten  unter  die  Betheiligten ­
  ist  gesetzlich  genau  geregelt;  es  wird  jedoch  hier  auf
des  Näheren  nicht  einzugehen  sein.
Das  Straßennetz  umfaßte  Ende  vorigen  Jahres
3827  km  Landstraßen,  also  2,54  km  pro  1000  Einwohner,
oder  0,25  km  per  ^Kilometer,
5892  km  Gemeindewege,  also  3,91  km  pro  1000Einwohner,
oder  0,38  km  per  Kilometer,
zus.  9719  km  Wege  überhaupt,  also  6,45  pro  1000  Einwohner,
oder  0,63  per  m  Kilometer.
Dasselbe  ist  somit  weit  mehr  entwickelt  als  in  Württemberg, ­
  wo  vorhanden  sind:
2674  km  Staatsstraßen,  also  1,42  km  pro  1000  Einw.
oder  0,14  km  per  ll!  Kilometer,
988  km  Vicinalstraßen  mit  Staatsbeiträgen,  also  0,55  km
pro  1000  Einw.  oder  0,05  km  per
lH  Kilometer,
ca.  1657  km  inAmtskörperschafts-Unterhaltung  stehende  Vicinalstraßen, ­
  also  0,88  km  pro  1000  Einw.  oder
0,08  km  per  lH  Kilometer.
Ueber  die  Größe  des  Verkehrs  auf  Landstraßen  werden ­
  in  Baden  —  nach  französischem  Vorgänge  —  schon  seit
1850  Aufzeichnungen  gemacht  und  zwar  wird  durch  einzelne
Straßenwärter  je  an  einem  Wochentage  an  charakteristischen

Straßenpunkten  die  Zahl  der  Zngthiere  beobachtet,  welche  sich
auf  der  Straße  bewegen;  Reitpferde  und  Zugthiere,  welche  nur
dem  örtlichen  Verkehr  zu  dienen  haben,  kommen  hiebei  nicht  in
Betracht.  Der  Verkehr  hat  nun  im  Jahr  1878  betragen
mehr  als  1000  500  100  50  30  a  ...
1000  —500  —100  -50  —30  weniger
auf  Kilometer:
20,5  71,4  1419,0  1062,0  751,2  503,9,
also  in  7 0  der  Gesammtlänge
0,5  2,0  37,0  ‘  28,0  19,5  13,0.
Der  mittlere  tägliche  Verkehr  per  Kilometer  berechnet  sich
hieraus  auf  143  Zugthiere  —  wie  in  Württemberg  im  Jahre  1875.
Ueber  die  Frequenz  auf  deu  Gemeindewegen  fehlen  Anhaltspunkte. ­

Auf  den  Straßenbau  werden  erhebliche  Summen  verwendet;
für  jedes  der  beiden  Etatsjahre  1879  u.  80  sind  beispielsweise
900,000  Mark  disponibel  gewesen.
Eine  Klassifikation  der  Straßen  nach  der  Größe  und  Bedeutung ­
  ihres  Verkehrs  ist  nicht  üblich;  auch  bestehen  bindende
Vorschriften  über  die  Gestaltung  der  Straßenquerprofile  bei  Neubauten ­
  nicht;  die  meisten  Landstraßen  erhalten  eben  6  m
Breite,  bei  wenig  frequenten  Routen  wird  selbst  auf  nur
5,4  m  herabgegangen;  die  Wölbung  beträgt  1 4(5  der  Breite,
der  Steinkörper  erhält  nicht  unter  4  m  Breite  und  wird  meist
in  sehr  kleinen  Dimensionen,  zuweilen  sogar  unter  Weglassung
des  Gestricks  oder  der  Vorlage  ausgeführt.
Bei  Thalstraßen  werden  Gegengefälle  unter  allen  Umstünden ­
  zu  vermeiden  gesucht.  Steigen  baut  man  in  der  Regel  mit
5  °/>,  Ansteigung;  bei  Straßen  mit  geringer  Frequenz  und  da,
wo  vorzugsweise  schiverer  Verkehr  zu  Thal  und  leichter  zu  Berg
geht,  scheut  man  sich  übrigens  auch  nicht,  Steigungen  bis  zu
8  7 U  für  zulässig  zu  erachten.
Das  System  der  basischen  Straßenunterhaltung
ist  bekannt;  nebenbei  bemerkt  hat  dasselbe  wohl  von  Frankreich  her
in  Baden  Eingang  gefunden;  denn  die  in  einem  Circulair  des
Min.  d.  öffentlichen  Arbeiten  in  Frankreich  vom  25.  April  1839
niedergelegten  Grundsätze  für  die  dortige  Straßenunterhaltung
sind  vollständig  identisch  mit  denjenigen  des  sog.  Flicksystems.
Man  hält  an  letzterem  in  Baden  strenge  fest  und  nur  da,  wo
mit  Flicken  überhaupt  nicht  mehr  auszukommen  ist,  bei  Karlsruhe, ­
  Mannheim  und  Freiburg,  woselbst  der  tägliche  Verkehr
            
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