Volltext : Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1879)

Lucius Burckard

Demokratie im Städtebau: Pavia

Der Artikel wurde aus der
„Basler Zeitung” übernommen

Weitblickende Italiener wollen die Regierbarkeit
 ihres Landes von unten,
von diesen intakten Teilen her wieder
aufbauen. Das bedeutet zunächst, im
Zentralstaat Italien, die Abgabe von
Kompetenzen an die lokalen Einheiten,
 also Dezentralisation, Föderalismus.
 Das Decentramento schafft neue
Entscheidungsebenen: unterhalb der
Nation die Region, unterhalb der
Provinz das Comprensorio (Stadt-Um-Jand-Verband),
 und unterhalb der Gemeinde
 das Quartier. Mit der Überschaubarkeit
 stellt sich auch Demokratisierung
 ein; die Artikulation der Alltagsbedürfnisse
 sollen das dunkle
Bündnis zwischen Bürokratie und
Wirtschaftsmächten durchbrechen, das
bisher den Massen das Gefühl der
Rechtlosigkeit vermittelte.
Lange Zeit war Bologna das Reiseziel
der Urbanisten und Denkmalpfleger.
In Bologna, in der seit zehn Jahren sozialistisch
 regierten Stadt, studierten
Stadtplaner, wie es möglich ist, eine
grosse Altstadt im Zentrum einer’ modernen
 Stadt zu erhalten ohne die
Wunderwerke zerstörerischer Verkehrsplanungen:
 ohne Durchbrüche,
Cityringe, «Entlastungs»-Strassen,
Fussgängerzonen, Tiefgaragen usw. In
Bologna ist Verkehrsplanung nicht
Selbstzweck, nicht einmal Stadtplanung
 wird für sich allein gemacht: alles
ist eingebettet in eine umfassende Sozialpolitik,
 in eine Politik für die jetzt
hier anwesende Bevölkerung. Das bedeutet:
 Die Stadterweiterung geschieht
nur im Rahmen des normalen Zuwachses
 und der Umzugsbedürfnisse
der Einwohner, nicht zugunsten von
Neuzuzügern, die irgend einmal kommen
 sollen. Die kontrollierte Erschliessung
 der neuen Aussenquartiere,
 ein gemässigter Nulltarif und der
Ausgleich der Versorgungslage zwischen
 Innenstadt und Stadtrand — das
sind die Eckpfeiler einer vernünftigen
Stadtplanung. Und damit diese auch
von der Bevölkerung getragen und
verstanden wird, schuf Bologna zwei
neue Beschlussebenen: Oberhalb der
Kommune das Comprensorio, den
Stadt-Umland-Verband, und unterhalb
 der Stadtebene die Quartiere mit
ihren ernannten Quartierräten, die das
Recht auf Orientierung durch die
Stadt haben.

Auch die Denkmalpfleger reisten
gerne nach Bologna und studierten
dort eine Denkmalpflege im grossen
Stile: Da geht es nicht mehr um einzelne
 Gebäude, nicht um die Rettung
von Kunstdenkmälern zwischen grauer

Alltagsarchitektur, sondern um die
Gesamtstadt. In den Zeiten der päpstlichen
 Herrschaft, die bis ins vorige
Jahrhundert gedauert hatte, war die
Stadtfläche von Bologna zu 30% von
geistlichen Gebäuden überbaut; der
Rest sind Bürgerpaläste, Bürgerhäuser
und Handwerker-Boutiquen, alle gleichermassen
 uniform durch den Zwang,
sich an den Trottoirarkaden zu beteiligen.
 Angesichts solcher Dimensionen
gelangt Denkmalpflege in die Nähe industrieller
 Baurationalisierung, will sie
sich nicht auf das Ausserordentliche
beschränken, sondern die Alltagsarchitektur,
 den historischen Rahmen und
gleichzeitig die nützliche und bewohnbare
 Bausubstanz der Stadt erhalten.
In den vergangenen zwei Jahren ist es
der kleinen Stadt Pavia gelungen, die
Aufmerksamkeit der Fachwelt auf sich
zu ziehen. Pavia setzt das Experiment
Bolognas fort, weicht aber in einer entscheidenden
 Nuance davon ab. Als
Nenni-Sozialist ist der Bürgermeister
Elio Veltri politisch weit risikofreudiger
 als die orthodoxen Technokraten
der Bologneser kommunistischen
Junta: Veltri vertraut der Volksmeinung
 und liebt die politische Auseinandersetzung
 ohne vorausgehenden
Konsens; er will eine Bürgerbeteiligung
 ohne Einschränkung und er schuf
deshalb von allem Anfang seines Wirkens
 an Quartierkomitees mit echter
Beschlusskompetenz. In Bologna sind
die Bürgerräte noch ernannt, in Pavia
sind sie jetzt gewählt. In Bologna nehmen
 sie die Beschlüsse des Stadtrates
zur Kenntnis und machen Anregungen
dazu; in Pavia verfügen sie über den
kommunalen Besitz in dem betreffenden
 Quartier sowie über denjenigen
Anteil des Gemeindebudgets, der in
einem bestimmten Zeitraum in diesem
Quartier ausgegeben werden soll.

Bologna praktiziert das Null-Wachstum
 zugunsten der Bürger gewissermassen
 nolens volens: Wer zieht schon
nach Bologna? Pavia ist durch das
Wachstum Mailands ernsthaft bedroht:
unter der DC-Junta bot es sich an als
sicherer und angenehmer Wohnvorort
für die gehobenen Bevölkerungsklassen
 Mailands; der allmählich sich auflösende
 landwirtschaftliche Grossgrundbesitz
 stieg direkt in das Wohnungsbaugeschäft
 um. Kein Geringerer
als der finnische Architekt Alvar Aalto
hatte noch für einen lokalen Spekulanten
 eine Wohnüberbauung projektiert;
Elio Veltri ist sehr stolz darauf, diese
Wohnüberbauung trotz der finnischen
Prominenz verhindert und das Gelände
 in die Landwirtschaftszone zurückgestuft
 zu haben. Er tat dies getreu

 dem in Bologna gelernten Grundsatz,
 dass Stadtplanung eine Politik für
die heute hier anwesende Bevölkerung
sein muss, nicht zugunsten von Bevölkerungsgruppen,
 die erst durch die
Spekulation angelockt werden müsssen.

Eine solche Stadtplanung zugunsten
der Bevölkerung und im Rahmen einer
 gesamten Sozialpolitik bedarf es
einer Doktrin sowie der gesetzlichen
Instrumente. Das Problem von Bologna
 und Pavia ist das einer sozialistischen
 Stadtpolitik im kapitalistischen
Staat. Die Doktrin für beide Städte
stammt von dem italienischen Stadtplaner
 Prof. Giuseppe Campos-Venuti,
 wie er sie in mehreren Büchern
niedergelegt hat, unter anderem in
«Amministrare l’urbanistica» — die
Stadtplanung verwalten. Die industrielle
 Grosstadt unserer Zeit ist eine
Klassenstadt, sie besteht aus einer Altstadt,
 die sich in zwei Teile teilt, die
reiche Altstadt und die arme Altstadt,
und aus den reichen und den armen
Aussenquartieren. In der reichen Altstadt
 wird ständig abgebrochen und
gebaut: ein Geschäft steigert dem andern
 die Liegenschaft weg, die Bewohner
 werden verdrängt und der enge
Raum wird immer intensiver ausgenützt.
 In der armen Altstadt wohnt die
Unterschicht, die Gebäude verfallen,
die Besitzer interessieren sich nicht
mehr für die Rendite, sondern nur
noch dafür, wie sie die Liegenschaft
verkaufen können, das heisst, wie sie
das für sie interessante Stückchen
arme Altstadt der reichen Altstadt zuführen
 können. Von den aus der Innenstadt
 verdrängten Bewohnern ziehen
 einige in die reichen, andere in die
armen Aussenquartiere. Was spaltet
die Stadt in eine arme und eine reiche?
Campos-Venuti gibt die Antwort darauf:
 Der Wert des städtischen Bodens
besteht aus der Grundrente und der
Differentialrente. Die Grundrente entsteht
 dadurch, dass der Boden vom
agrarischen zum Stadtboden wird, Akkerland
 zu Bauland. Die Differentialrente
 entsteht durch die unterschiedliche
 Ausstattung dieses Bodens mit
Dienstleistungen. Nur selten besteht
die Differentialrente aus Unterschieden
natürlicher Art: etwa die Aussicht auf
einen See oder ins Gebirge. Meist sind
die Ausstattungen künstlich und gebaut:
 eine gute Versorgung mit Geschäften,
 Schulen, Transportmitteln,
Erbolungsstätten und Parks. Diese
Ausstattungen verteilen sich nach dem
Grundsatz «Wer da hat, dem wird gegeben».
 Die private Folgeleistung eilt
zu ihrer Kundschaft, also zur Stadtmitte
 oder in die reichen Aussenquartiere.

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