Volltext: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1881)

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Beil. 2., zur 9. Versammlung 
(mit 1 Zeichnungsbeilage). 
Vortrag, gehalten am 14. Mai 1881: 
Hteber Wer Lin und seine Wcruten 
von Professor Laisüe. 
Eine im Spätjahr 1880 ausgeführte Reise führte mich über 
Frankfurt, Düsseldorf, Hannover nach Berlin oder richtiger Pots 
dam, wohin ich von einem Regierungsbeamten, Herrn Regierungs 
und Banrath Dieckhoff eingeladen worden war, dessen 
Bekanntschaft ich ganz zufällig in Italien im Jahr 1879 
gemacht hatte. Herr Dieckhoff zeigte mir in liebenswürdigster 
Weise auf einer mehrere Tage in Anspruch nehmenden Reise 
die Wasserbauten seines Bezirks, wobei ich Gelegenheit hatte, die 
verschiedenartigsten Kanalanlagen — fertige und im Bau begriffene 
zu sehen — sowie namentlich auch die vielgeschmähte Sandbüchse, 
genannt die „Mark" (Brandenburg), in ihrer landschaftlichen 
Scenerie kennen zu lernen. Zurückgekehrt widmete ich mich einige 
Tage den Bauten Berlins, worüber ich heute einige kurze Mit 
theilungen machen will, die Schilderung der Wasserbauten der 
Mark auf spätere Zeit verschiebend. — Einige Notizen über die 
Hinreise mögen vorausgehen: Frankfurt hat in den letzten 
10 Jahren sich sehr verschönert, was wohl jeder findet der die 
Stadt längere Zeit nicht gesehen; beini Eintreten fällt die prächige 
Kaiserstraße auf, der Palmengarten strahlt wieder im alten 
Glanze, außerdem sind zu nennen das neue Opernhaus, die 
Börse rc. 
Aus der Weiterreise von Frankurt ab fällt im Gegensatze 
zu württembergischen Verhältnissen der sehr lebhafte Eisenbahn 
verkehr auf. Man hat häufig die Wahl zwischen verschiedenen 
Atomen, um von einer Stadt zur andern zu kommen, und ist 
in Verlegenheit, welche mail zu lvählen hat und von welchem 
Bahnhof man abfahren soll. Es erinnert dieß mehrfach an eng 
lische Verhältniße. 
Sehr bequem ist dagegen, daß man meist III. Classe fahren 
kann, auch in den Eilzügen; die Fahrkosten werden hiedurch 
etwa auf die Hälfte reducirt, ohne daß Zeitverlust zu beklagen 
ist. Man findet neuererzeit auch in Preußen Wagen unseres 
(Durchgang) Systems, und können die längsten Routen in einem 
und demselben Wagen zurückgelegt werden. 
Von Köln habe ich diesmal nur die Gerüste des Domes 
gesehen, ich hatte in einer kleinen Station der rheinischen Bahn 
diesseits Düsseldorf zu thun und konnte den Weg nicht über Köln 
nehmen, weil merkwürdigerweise der rechtsrheinische Zweig der 
rheinischen Bahn nur in Koblenz, nicht aber in Köln mit dem 
linksrheinischen Zweig zusammenhängt. 
Die Ausstellung in Düsseldorf habe ich etwas kursorisch 
angesehen, hoffentlich überninnut Jemand anders eine Schilderung 
derselben. Interessant waren mir die neuen Normalwagen der 
Preußischen Staatsbahnen, sämmtlich mit Durchgang aus der 
Fabrik von van der Zypen in Deutz. Die Wagen III. Classe 
haben auf einer Seite des Ganges 2, auf der andern 3 Sitz 
plätze, die Wagen II. Classe resp. 1 und 3, diejenige I. Classe 
1 und 2 Sitzplätze. Sehr instruktiv sind ferner die, wenn ich 
nicht irre, im Auftrag der holländischen Regierung ausgeführten 
Festigkeitsproben von Harkort über vernietete Träger von 
Eisen und Stahl, wobei die merkwürdige Erscheinung sich ergab, 
daß bei Stahl der Bruch zusammengesetzter Konstruktionstheile 
schon bei einer Inanspruchnahme des Materials von 47—63 °/ 0 
der Zugfestigkeit, dagegen bei Eisen erst bei einer solchen von 
88—96 u / 0 eintrat, woraus geschlossen werden kann, daß das 
Material durch die Bearbeitung (Lochen) beträchtlich geschwächt 
wird, und daß ferner unser Flußeisen und Flußstahl bis jetzt 
noch nicht zu den ganz zuverläßigen Materialien gerechnet werden 
können. Bemerkenswerth erschien mir noch eine Vorrichtung 
zu vollständigem Weichenverschluß (System Galen); ob das System 
sich bewährt hat, ist mir nicht bekannt. 
Die Stadt Düsseldorf bietet nichts besonderes für den 
Ingenieur; dieselbe hat drei Bahnhöfe für die Rhein'sche, Köln- 
Mindner und Bergisch-Märkische Bahn, die beiden letzten liegen 
nebeneinander. 
Der Weg führte mich weiter nach Hannover, dem ich 
einen Tag widmete. 
Hannover ist eine sehr lebhafte und prächtige Stadt, neue 
Straßen sind im Bau begriffen, der neue Bahnhof ist bekannt 
lich über das Straßenniveau gehoben worden, der Zugang 
zu den Perrons erfolgt von einem Tunnel aus, eine jetzt häufig 
anzutreffende Anordnung; ebenso interessant ist aber auch die 
Altstadt mit vielen älteren Gebäuden. Von der Umgebung ist 
mir nur der abscheuliche Staub oder Sand erinnerlich, der nament 
lich in Herrenhausen sich unangenehm bemerklich macht. 
Das neue Polytechnikum sah ich nur von außen, es nimmt 
sich sehr imposant aus, liegt aber etwas außerhalb der Stadt 
am Weg nach Herrenhausen. Die Weiterreise nach Berlin führt 
erst durch ziemlich fruchtbare Gegenden über Braunschweig nach 
Magdeburg. Bei Magdeburg ans dem rechten Elbufer beginnt 
aber die große Sandebene der Mark, dementsprechend ist der 
Charakter der Gegend einförmig und bleibt bis Berlin ganz der 
selbe, — eigenthümlich sind bei Werder in der Nähe von Pots 
dam die Obstwälder im Sand liegend, welche Berlin mit 
Obst versorgen; dasselbe geht mit besonderem Schiffszug auf der 
Havel und Spree dorthin. Die Bahn (Berlin, Potsdam, Magde 
burg) erhält ein eigenthümliches Gepräge durch die noch überall 
angewandten unsymmetrischen Stuhlschienen. 
Berlin ist eine aufstrebende, aber keineswegs eine fertige 
Stadt wie Paris und London; es hat sich seit 10 Jahren sehr 
verschönert und verbessert; dies war auch höchst nöthig, wenn 
es seinen Rang als Hauptstadt eines mächtigen Reiches behaupten 
wollte. Alles ist noch in der Entstehung begriffen, Straßen, Be- und 
Entwässerung, sowie Bahucommunikationen, nur die Wasserstraßen 
sind schon mehr ausgebildet, als anderswo. Alle Baumaterialien, 
Steine, Backsteine, Sand, Kalk und Holz kommen per Schiff, 
und es wird behauptet, daß Berlin ohne seine Wasserstraßen gar 
nicht hätte gebaut werden können. Holz kommt theilweise aus 
der Mark, meist aber aus den polnischen Wäldern. Das russische 
Holz geht durch den Brombergerkanal von der Weichsel in 
die Oder und durch den Finowkanal in die Havel und ist ca. 
1 Jahr unterwegs. 
Kalk kommt aus den Rudersdorfer Kalkbrüchen, einem kleinen 
Kalksteingebirge ca. 30 Kilometer von Berlin entfernt, die Kanäle 
dringen mittelst Kan alt nun els in dieses kleine Gebirge vor, 
aber auch die Ostbahn hat dort einen besonderen Bahnhof. 
1. Die Straßen Berlins. 
Die Straßenpflasterung war bis jetzt in sehr schlechtem 
Zustande: ganz unregelmäßige Findlinge (nordische Gletscherge 
schiebe) bilden die Fahrbahn, kaum besser sind die Fußwege, 
Kandeln mit halsbrecherischen Querschnitten (Fig. I) vervollständigen 
die Anlage. Dieß wird in neuerer Zeit geändert: die Fahrbahn 
wird theils aus Granitpflaster, theils aus Asphalt hergestellt, die 
Fußwege aus Platten, Mosaikpflaster oder Asphalt, es wird aber 
noch lange Zeit hingehen, bis sämmtliche Straßen in dieser Be- 
' ziehung umgebaut sind.
	        

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