Volltext: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1881)

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Beim Grcmitpflaster liegen die Pflasterreihen meist unter 
45°, nur bei Pferdebahnen und bei ansteigenden Straßen (mehr 
als 272 %) normal zur Straßenachse. Als Unterbettung dient 
eine Vorlage 20 cm stark, abgewälzt darüber 2—3 cm Kies. 
Von Pflastersteinen hat man 3 Sorten (die erste Sorte reine 
Würfel mit 7-i cm Toleranz in der Dicke, desgleichen in Breite 
und Höhe 1 cm, Länge 3 cm), die Fugen werden mit hydr. 
Mörtel ausgegossen rmd soll eine vollständige Wasserdichtheit des 
Pflasters hiedurch erreicht sein (s. Fig. 3). Die Asphalt 
straßen (meist Abhalte comprime) sind sehr schön, deren 
Anwendung dehnt sich immer mehr aus. Profil sehr flach, Wölbung 
7ioo—-Vi4o. Die Unterlage Beton 20 cm dick, Asphaltpulver 
6 cm, das sich bis 5 cm komprimirt. Das aufgeschüttete auf 
120 — 140'' erwärmte Pulver wird mittelst eines eisernen Lineals 
glatt gestrichen, mit einer Walze mit eingehängtem Kohlenbecken 
abgewalzt und erst dann mit heißen Stämpfeln abgerammt, so 
daß eine ganz gleichmäßige Verdichtung und vollständig ebene 
Fläche entsteht. Die Pferdebahngeleise liegen in der Asphalt 
straße auf Holz- (oder Stein-) schwellen, neben welchen Pflaster 
reih en (s. Fig. 5 und 6) angebracht sind. Es sind die schönsten 
Straßen, die ich bis jetzt gesehen (Uotsäarnerstr. s. Fig. 4), nicht 
die geringste Unregelmäßigkeit nnrd sichtbar (Gegensatz Stuttgart). 
Die Randsteine des Trottoirs bestehen aus Granit von °%o cm stark 
und liegen aus 4 Backsteinschichten (s. Fig. 2). Als Trottoirs findet 
nian, namentlich in äußern Straßen, Granitplatten und daneben 
rauhes Pflaster s. Fig. 7. Zu erivähnen sind auch noch die mit 
Mosaik in hübschen Mustern ausgeführten Wege bei der Sieges 
säule, aber ebenso muß der Schwindelstraßen erwähnt 
werden, welche an verschiedenen Orten fix und fertig angelegt sind, 
Häuser stehen aber nicht daran oder sind es nur Ruinen, und 
der Sand übernimmt wieder die Herrschaft über die Bauquadrate 
so z. B. in Charlottenburg neben dem Bahnhof. — Der Be 
schlag der Pferde wird neuerer Zeit geändert, sie erhalten flache 
Eisen ohne Stollen, das leichte Rutschen auf der Asphalt 
straße soll durch geeignete Führung der Pferde mit leichtesten 
vermieden werden können. In der Umgebung der Stadt finden 
sich auch chaussirte Straßen (int Thiergarten). Man verwendet 
als Unterhaltungsmaterial Basalt ä 17,5—22 Jk pro cbm. Zur 
Befestigung der Fahrbahn dienen Dampfwalzen von 14,700k 
(294 Ctr.), leichter als die Stuttgarter, aber ebenso kolossal in 
den Dimensionen (vergl. Fig. 8). Alan überfährt jede Stelle ca. 
100 mal. 
2. Entwässerung von Berlin. 
Diese hängt mit der Neuherstellung der Straßen in so fern 
zusammen, als erst 1—2 Jahre nach erfolgter Kanalisation die 
Reupflasterung aufgebracht wird. In Berlin ist die Schwemm- 
kanalisation eingeführt, nur liegen die Kanäle weniger tief als 
sonst, weil eine natürliche Entwässerung in die Wasserläufe nicht 
möglich ist, sondern der Gesammtinhalt der Kanäle durch Auf 
pumpen entfernt werden muß. Es ist das ganze Stadtareal in 
5 Radial syst eme getheilt, welche ihr Wasser einer Pumpstation 
zuführen. Radialsystem II t ist vollständig ausgebaut und int Be 
triebe. Die Pumpstation enthält 4 Pumpen mit 360 Pferde 
kräften, sie entwässert ein Areal von 3,150,000 (Um mit ca. 
120,000 Einwohnern. Die Abwasser der Kanäle mit den Fäkalien 
gelangen schon nach 2 Stunden in das Reservoir der Pumpstation, 
Geruch unmerklich, die Station selbst vollständig geruchlos. Bon 
hier aus befördern die Pumpen das Abwasser, welches täglich 
15,000—30,000 cbm beträgt in einem 0,75 m weiten Druck 
rohre mit 1 m Geschwindigkeit auf die ca. 13 lern entfernten 
Rieselfelder bei Osdorf. Die vertikale Förderhöhe beträgt 17 m 
und die effektive Druckhöhe (inet. Reibungsverluste) 25 m. Die 
Rieselfelder haben eine Ausdehnung von 824 Hektar, welche 
aber noch nicht vollständig im Betrieb sind. Die Vertheilung 
der Flüssigkeiten auf den Feldern geschieht auf einfachste Weise 
wie bei der Wiesenbewässerung. Man pflanzt auf den Feldern 
italienisches Raugras, das 6—7mal jährlich geschnitten werden 
kann. Der Ertrag wird als Grünfutter verkauft, auch Gemüse, 
Rüben werden vielfach angebaut und ca. 12,000 Stück Obstbäume 
sind angepflanzt. Die Vegetation ist ganz außerordentlich üppig 
(Sellerie von 12 ein Dicke). Tie Felder mußten sämmtlich drainirt 
werden, das aus den Drains fließende Wasser ist ganz klar und 
trinkbar. Es ist zu hoffen, daß es so bleibt, und der Boden sich 
nicht übersättigt. Es ist zwar nicht zu leugnen, daß unsere Ge 
ruchorgane von der Ausdünstung der Felder etwas affizirt werden, 
aber nicht so stark, als man glauben sollte; Krankheiten unter 
den Arbeitern sollen nicht vorkommen. Die Anlage erscheint bis 
jetzt als eine gelungene Schwemmkanalisation, es erheben sich 
zwar Stimmen dagegen, namentlich aus den Kreisen der Aerzte, 
die aber wohl zu schwarz sehen. — Allem nach scheint das System 
das für Berlin zweckmäßigste zu sein, da Felder zu Berieselungs- 
zwecken in der Umgebung in fast unbegrenzter Ausdehnung und 
mit geringem Vertikaltransport des Rieselwassers zu haben sind. 
3. Wasserversorgung Berlins. 
In der Stadt existiren noch viele Pumpbrunnen, absichtlich, 
um bei etwaigem Versagen der Leitung nicht ohne Wasser zu 
sein. In einer Tiefe von ca. 35 m ist Grundwasser in fast 
unerschöpflicher Menge vorhanden, dasselbe ist auch genügend 
rein. Die Hauptversorgung der Gebäude geschieht indeß durch 
eine Druckleitung, welche ihr Wasser aus einer Anzahl (von 
ca. 23) Brunnen erhält, welche neben dem Tegeler See (ca. 
I I Klm. von der Stadt) angelegt sind. Die Brunnen (s. Fig. 9) 
sind 1,6 rn resp. 1,9 m in Lichten weit, 20—25 rn tief, bestehen 
aus doppeltem Mantel mit zwischenliegenden Sandschichten, um 
das Eindringen des feinen Sandes in den Brunnen zu vermeiden; 
dieselben liefern zusammen 500 liter per Sekunde. Das Versenken 
der Brunnen geschah mit mancherlei Schwierigkeiten, einzelne 
große Findlinge mußten im Brunnen gesprengt und mit Tauchern 
herausgefördert werden. 2 Dampfmaschinen (I Reserve) von 
45 Pferden heben das Wasser ca. 6 in hoch in das zweitheilige 
Reservoir, wovon jedes etwa den Bedarf von 1 Stunde deckt. 
Zwei andere Maschinen pumpen das Wasser von hier nach Char 
lottenburg ca. 30 ui hoch, von wo aus es in die Stadt mit 
Hülfe von Pumpen und Standrohr geleitet wird. 
Als eine große Kalamität der Anlage ist es zu bezeichnen, 
daß in den Brunnen eine Alge (Krenothrix) sich in großer 
Menge bildet und in dcn Reservoiren und in den Stadtleitungen 
einen rothen, nach Schwefelwasserstoff riechenden starken Niever 
schlag erzeugt. Man reinigt die Reservoire alle 8 Tage, bis 
jetzt aber ohne Erfolg, es wird beabsichtigt entweder Filter 
einzuschalten, welche t ie Alge nicht durchlassen (Platz ist vorhanden), 
oder aber die Brunnen zu verlassen und das Wasser dem See 
zu entnehmen, welcher die Alge nicht enthält, da dieselbe nur 
im eisenhaltigen Wasser gedeiht. 
4. Berliner Bahnhöfe. 
Berlin besitzt ca. 9 Hauptbahnhöfe für 11 Bahnen (vergl. 
Skizze Fig. 11) sämmtlich Kopfstationen; dieselben sind verbunden 
durch die Ringbahn, welche in Ellipsenform von 8—12 Klm 
Achse die Stadt im weiten Bogen umzieht. Es leuchtet ein, daß eine 
so weit außerhalb der Stadtperipherie sich hinziehende Bahn für 
den Personenverkehr wenig oder keine Bedeutung hat, sie ver 
mittelt nur den Umschlag der Güter von einer Bahn zur andern 
und liegen die Rangirbahnhöfe der angegebenen Bahnen häufig 
noch außerhalb des Rings. Die Ringbahn und die auslaufenden 
Hauptbahnen schneiden sich selbstverständlich nie im Niveau, die 
Verbindung geschieht durch Rampen nach einer oder zwei Rich 
tungen (s. Fig. 10). Ein gegenwärtig in Ausführung befinv- 
liches, großartiges Unternehmen, die Stadtbahn, bezweckt nun zu 
nächst den genannten Nachtheil der jetzigen Ringbahn zu beseitigen 
und den Lokalpersonenverkehr der einzelnen Theile Berlins unter 
sich und mit den Vorstädten zu ermöglichen. ES geschieht dies 
dadurch, daß ein Durchmesser der Ringbahn gebaut wird, 
welcher die lebhaftesten Theile der Stadt mitten durchschneidet 
und dadurch es ermöglicht, jeden Punkt der Ringbahn mit dem 
Mittelpunkt der Stadt in Verbindung zu setzen. Dieser Durch 
messer soll an 5 Stellen mit Bahnhöfen und außerdem einigen 
Haltstellen versehen werden.
	        

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