ommen, das ganze Bedürfnis zu decken. Auch drüben ist das bei
den Häusern so wenig eingetreten wie bei den Kraftwagen.
Nun wird gesagt — und es ist sogar sehr scharf gesagt worden:
„In diesen genormten und getypten Häusern kann ein Mensch
mit Gefühlsansprüchen niemals leben, er wird zur Maschine, er
verblödet. Darin liegt eine Gefahr. Wer ein solches Haus bewoh—
nen muß, leidet sofort an seiner Seele Schaden.“ Diese Bedenken
sind kaum irgendwo schöner zusammengefaßt als in folgendem
Ausspruch über die Fabrikarbeit: „Ein Mensch, der sein ganzes
Leben in der Verrichtung weniger Funktionen ausgibt, hat keine
Gelegenheit, den Verstand zu üben, er wird gewöhnlich so stumpf
und unwissend, wie es für ein menschliches Wesen nur denkbar ist.
Die Einförmigkeit des wechsellosen Lebens lähmt natürlich auch
seine geistige Energie überhaupt“ usw. Es sind die gleichen Ge—
danken, die man gegen die Fabrikarbeit an Stelle der Handwerks—
arbeit vorbrachte und die man gegen das rationalisierte Haus vor⸗
bringen kann. Nun diese Worte stammen von einem der Klassiker
der Volkswirtschaft, von Adam Smith, und sind jetzt gerade
150 Jahre alt. So lange also dauert die Entgeistigung und Ver—
zdung schon an. Was müssen doch die Arbeiter vor 200 Jahren
für Leute gewesen sein!
Für die allermeisten Menschen trifft es durchaus nicht zu, daß
sie individuell hergestellte Dinge für ihr Geld haben können und
daß sie das wollen. Denken Sie an die Renaissance. Jeder bessere
Mann in der Renaissance hatte einen Dolch, der eine so, der
andere so und jeder Landsknecht kleidete sich wie er wollte. Das
war alles individuelle Arbeit. Steht unser modernes Heer geistig
oder seelisch niedriger, obwohl wir darnach streben, möglichst uni—
form alles herzustellen, die Teile sogar der Waffen austauschbar.
In all diesen gleichen Röcken stecken verschiedene Köpfe und Her—
zen, und jedenfalls die etwas taugen, werden nicht verflacht und
entgeistigt durch die Uniform. Der Rock ist uns aber näher als die
Wand.
Oder denken Sie an die Tätigkeit des Uhrmachers. Vor 150
oder 200 Jahren saß ein Uhrmachermeister M Jahr an einer
guten Taschenuhr, tagelang an jedem Rädchen, um es auszufeilen.
Und wenn er die Taschenuhr fertig hatte, dann gravierte er den
Deckel. Das waren damals reizende Uhren, wie wir sie heute nur
noch in den Museen und in den Schaukästen der Sammler haben.
Inzwischen sind die seelenlosen Maschinen gekommen, und die
durch sie hergestellten Uhren sind erstens viel billiger und zweitens
laufen sie besser. Mit der Uhr verband uns ein Gefühl; es waren
hochgeschätzte Geschenke, besondere Andenken an Verstorbene, Erb⸗
tücke vom Vater auf den Sohn. So ist's mit den Häusern auch.
Auch wir lieben die prachtvollen alten Schlösser, aus denen wir
tammen — unsere Großväter wohnten noch darin — die präch—
tigen alten Patrizierhäuser, die behäbigen Bauernhöfe, aus denen
wir auch alle stammen, und die sich von einer Generation zur
anderen vererben. Aber inzwischen hat sich ein großer Teil unserer
Bevölkerung doch in den Mietskasernen verkrochen. Haben die auch
individuelle Häuser, Erbstücke durch viele Geschlechter, gefühls—
detonte Häuser, die nach besonderen geistigen Veranlagungen ge—
baut wurden? Der Durchschnitt der Umzüge in Berlin vor dem
Kriege beweist, daß der Durchschnitt der Berliner Familien jedes
Jahr zweimal umzog. Wo ist hier das vom Vater und Großvater
ererbte Haus mit hohen Gefühlswerten? Das gibt es. Aber
wer von uns hat noch all diese Dinge und wer hat noch die Uhr
seines Großvaters mit dem gravierten Deckel? Sie sind sehr selten
zeworden. Also: die Gefühlswerte, die uns mit den Häusern ver—
bhinden, wären sehr schön, wenn wir sie hätten. Aber unser Volk
im ganzen hat sie nicht. Wenn uns gesagt wird, es gehen Gefühls—
werte verloren, wenn Häuser fabriziert werden, so ist darauf zu
sagen: Die Kreise, denen Gefühlswerte verloren gehen, gehen
nicht in die genormten und getypten Häuser hinein, sie haben ja
ihr vom Vater ererbtes Haus heute noch und können sich jeden
Tag wieder ein solches bauen. Die Rede ist nur davon: 86 5 der
däuser sind, wie man so sagt, für das gewöhnliche Volk. Aber ge⸗—
ade auf dieses gewöhnliche Volk kommt es an, und für dieses
jaben wir einfach keine solchen Häuser. Es fehlen uns nach den
nappsten Rechnungen 600000 bis 800000 Wohnun—⸗
Jen in Deutschland, vielleicht ist es über 1 Million. Für alle diese
däuser müssen wir eine Herstellungsweise suchen, die der tech⸗
nischen Vernunft, der Ratio entspricht, d. h. wir müssen das voll—
ommenste Erzeugnis mit dem geringsten Aufwand herzustellen
uchen. Genau so entstehen die Tausende von Häusern drüben.
Ich sah einen Fabrikanten, der ein Haus etwa 4500mal, ein an⸗
deres fast 9000mal gebaut hatte. Es waren die zwei Typen, aller⸗
dings immer weiter entwickelt, vervollkommnet.
Gewiß, in kultureller Beziehung ist es so, daß diese Häuser
nicht den hohen Rang haben wie ein Haus, das tatsächlich der kul—
urelle Ausdruck einer Persönlichkeit ist. Aber nicht jeder ist dazu
jeeignet, sein Haus zum Ausdruck seiner Persönlichkeit zu machen.
kin sehr bekannter Kunstverleger hat neulich sein eigenes Haus
n einem wundervollen Buch beschrieben und schrieb in die Er—
lärung hinein: Sage mir, wie Du wohnst, und ich will Dir
agen, wer Du bist! Jawohl, Herr Hofrat, Sie haben ganz recht,
aber nicht jeder kann so sein Haus sich schaffen und kann auch nicht
ille kulturellen Ansprüche erfüllen, die er vor sich stellt. Die Leute,
die das können, machen nur eine kleine Zahl der Bevölkerung
uus. Auch ist das Haus nicht der einzige Ausdruck einer Persön—
ichkeit — Sokrates z. B. hatte kein Haus, das ein Ausdruck dessen
var, was wir in Sokrates zu sehen haben. Er drückte sein Inne—
es eben auf seine Weise aus.
Es wird nun gesagt: Wir haben für die großzügige Bauerei,
vie sie die Amerikaner haben, kein Geld. Geld ist eine sehr merk—
vürdige Sache. Wir haben es ja alle erlebt, daß man Geld machen
tann, soviel man braucht, noch viel mehr, so daß es zuletzt kein
Mensch mehr haben will. Daran fehlt's wohl nicht. Auch gutes
held haben wir in Deutschland heute so viel, daß wir es billig
us tägliches Geld an das Ausland geben und in öffentlichen
dassen lagern gar 256 Milliarden. Im Notfall können wir auch
ihne eine neue Inflation Geld genug machen, nur nützt es uns
tichts, denn wir können niemals das, was das Geld repräsentieren
oll, nämlich die Arbeit, den Arbeitsgeist oder Energie oder Güter
der Rohstoffe — es ist ganz einerlei, in welcher Form wir das
Arbeitserzeugnis vor uns sehen — damit herbeischaffen, wenn
ins nicht klar wird, welche Aufgabe uns gestellt ist. Wir können
s auch nicht durch Gesetze. Sämtliche Gesetze, die der Reichstag
nachte, und die gegen den jeweiligen Geist des Volkes waren,
. B. das Kapitalfluchtgesetz, haben niemals ernsthaft gewirkt.
Man kann jedes derartige Gesetz umgehen; jeder derartige Zwang
auf die Wirtschaft hat sich bisher als vergebens herausgestellt.
Aber es gibt ein anderes Mittel, das Geld dahin zu bringen,
zaß es in vollem Umfange die Arbeit oder Güter oder Rohstoffe
ermittelt. Das ist eine geistige Umstellung, und für diese geistige
Imstellung ist nötig zu erkennen: Die Amerikaner haben die Auf⸗
jabe so gelöst, daß derjenige, der ein Haus haben will, ein
Ziertel oder ein Fünftel anzahlt. Im allgemeinen will
eder ein Haus, der eine Frau will. Dann bekommt er zwei Hypo⸗
heken darauf. Die erste Hypothek ist innerhalb von 10 oder 11
Jahren zu tilgen, und die zweite Hypothek ist in den ersten 4 bis
Jahren auch zu tilgen. Die Durchschnittseinkommen sind in
Imerika so abgestellt, daß während der ersten 4, vielleicht 5 Jahre
twa 35 vom Hundert des durchschnittlichen Einkommens
iuf die Wohnung gehen einschließlich der Grundsteuer. Die Ge—
neinden in Amerika haben keine andere Einnahmequelle als die
hrundsteuer. Wird nun noch die erste Hypothek getilgt, so sind
twa 22 v. H. zu zahlen (also vom etwa 5. bis 11. Jahr) und
ann nur noch 8 v. H., nämlich nur noch Steuer und Instand⸗
jaltung, Wasser u. dergl. Für diesen Aufwand hat der Amerikaner
ine Küche und 4 Wohnräume, die etwas kleiner sind als bei uns
Das ist der Unterschied.
Ich habe gesagt, wir haben das Geld-Kapital. Das haben wir
allerdings, aber noch wichtiger ist, daß wir auch Arbeitskräfte im
Aberfluß haben, wo gegenwärtig über 1 Million Arbeiter nicht
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