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hydraulische Drehbohrmaschine von Brandt. Jene, sowie die
Stoßbohrmaschinen überhaupt, ahmen bekanntlich in ihrer Wirk
ungsweise die Handbohrung nach und werden durch Luft ge
trieben, welche vor den Tunnelmündungen mittelst Wasser- oder
Dampfkraft auf 5—6 Atmosphären Ueberdruck komprimiert, und
in Röhren vor Ort geleitet wird. Sie haben sich zwar am
Mt. Cenis und Gotthard praktisch bewährt, leiden aber immer
hin an gewissen, dem Prinzip des Stoßes anhaftenden Uebel
ständen ; sie geben nämlich sehr geringen Nutzeffekt (am Gotthard
nach Dolezalek nur 16°/<> in der Maschine selbst, und, mit
Berücksichtigung der Verluste in den hydr. Motoren, den Kom
pressoren und der Leitung, sogar nur 3,2 % von der zur Luft
kompression verwendeten absoluten Wasserkraft); sie erfordern
häufige Reparaturen, und arbeiten mit betäubendem Lärm.
Sie haben daher eine gefährliche Konkurrentin gefunden in der
Brandt'schen Maschine, deren ringförmige, zackige Bohrkrone
aus gehärtetem Stahl durch Wasserdruck von 10—12 t ans
Gestein gepreßt und gleichzeitig durch eine kleine hydraulische
Zwiüingsmaschine langsam — 5 bis 10 mal per Minute —
umgedreht wird, wodurch das Gestein scheiben- oder splitter
förmig abspringt. Der Nutzeffekt dieser Maschine wird zu 70°/a
bezw. — mit Einrechnung aller Verluste im Motor, der Hoch
druckpumpe und der Leitung — zu 40 °/o angegeben; auch sind
dabei die Jnstallationskosten wesentlich geringer, und doch die
täglich zu erzielenden Stollenfortschritte, wie sich erst am Arl
berg klar herausgestellt hat, nicht kleiner als bei den Stoß
maschinen.
Ein relativer Nachtheil der hydraulischen Maschinen ist
freilich der Wegfall der Ventilation, welche bei pneumatischem
Betriebe durch Ausströmung der Arbeilsluft in den Tunnelraum
entsteht. Allein dieser Umstand ist deswegen unerheblich, weil
die so bewirkte Ventilation nach den Erfahrungen am Gotthard
entfernt nicht ausreicht. Man hat daher auf der Ostseite des
Arlbergs neben der Hochdruckluftleitung für die Ferro ux-
Maschinen (22 cm Durchmesser) noch eine besondere Ventilations
leitung von 40 cm für Gebläseluft von höchstens Vs Atm.
Ueberdruck vor Ort geführt. Auf der Westseite, wo die Brandt-
maschinen arbeiten, ist eine ebensolche Ventilationseinrichtung
vorhanden, nur etwas kräftiger, mit 50 cm Röhrenweite, weil
hier die Bohrmaschinen nicht mitwirken. An jeder Tunnelseite
werden vertragsmäßig pro Minute mindestens 150 cbm Ven
tilationsluft, auf atmosphärischen Druck reduziert, geliefert,
und ist dadurch hinlänglich und weit besser gesorgt als am
Gotthard, wo diese Luftmenge meist nur 50—100 cbm betragen
haben soll und oft unzureichend gewesen ist.
Die an der Westseite des Arlbergs im ganzen benützte
Wasserkraft wird zu nahe 1000 Pferden angegeben, und kann
bei großer Trockenheit durch eine Reservedampfmaschine ergänzt
werden. Davon werden etwa 500 Pferdestärken zur Ventilation
verwendet; der Rest liefert das Betriebswasser für die Brandt
maschinen, mit 100 Atm. Ueberdruck, welches in zwei Leitungen
von 7 und 8 cm Durchmesser vor Ort gelangt. An der Ost
mündung sollen Wasserkräfte von 1000 bis 1700 Pferden ver
wendet sein, welche teils die Hochdruckluft für die Ferroux-
Maschinen, teils die Ventilationsluft liefern. —
Um vom Richtstollen aus, dessen Querschnittsfläche 5—8 qm,
etwa Ve bis Vie vom ganzen auszubrechenden Tunnel-
profil beträgt, dieses herzustellen und mit der schützenden
Mauerung auszukleiden, giebt es bekanntlich verschiedene Methoden,
welche von den Ländern, in denen sie aufgekommen oder aus
gebildet worden sind, als belgische, englische, österreich
ische re. bezeichnet werden. Am Mt. Cenis und Gotthard kam
die belgische, am Arlberg eine der englischen verwandte Methode
zur Anwendung. Welche auch gewühlt werden mag, so fehlt
es dabei nicht an Angriffspunkten wie beim Stollenvortrieb,
denn dieselben können der ganzen Stollenlänge nach verteilt
werden; daher die theurere Maschinenbohrung hier weniger ge
boten ist. Hingegen macht die Förderung, nämlich der
Transport der gewonnenen Gebirgsmassen nach außen, sowie
der Mauer- und anderen Materialien nach innen, bei der
Größe dieser Massen und der Beschränktheit des Raumes be
sondere Schwierigkeiten, deren Ueberwindung am Arlberg in
sehr sinnreicher, zweckmäßiger, noch nirgends dagewesener Weise
erreicht worden ist. Diese Schwierigkeiten sind weniger be
deutend, soweit der Tunnel bereits fertig gestellt ist, da in
dessen freiem Hohlraume kräftige Luft- oder Dampflokomotiven
Platz finden, die wie beim definitiven Eisenbahnbetriebe lange
Wagenzüge befördern können. Hingegen ist dieses nicht möglich
im beschränkteren Raume der noch unvollendeten sogen. Bau
strecken des Tunnels, woselbst die Wägen nur einzeln durch
Menschen oder höchstens in kurzen Zügen durch Pferde befördert
werden können, und wo die Ausbruchs- und Maurerarbeiten
leicht dadurch gestört werden. Man hat daher großes Interesse,
diese Baustrecken möglichst abzukürzen, also die eben genannten
Arbeiten auf eine minimale Länge zu kontzentrieren, welche bei
regelmäßigem Baufortgange ungefähr die gleiche bleibt, und
unabhängig ist von der ganzen Tunnellänge. Diese Baulänge
ist im allgemeinen um so kleiner, je günstiger die Gebirgsver-
hältnisse, je besser die Arbeiten organisiert sind und in einander
greifen. Am Arlberg war sie trotz des teilweise sehr ungünstigen,
druck- und wasserreichen Gesteins durchschnittlich erheblich kürzer
als am Gotthard; am Durchschlagstage, den 19. November
1883, betrug sie, wie das Längenprofil Fig. 4 zeigt, westlich
2000 m, östlich bei günstigerem Gestein nur 1 400 m, während
die „Fertigstrecken" gleichzeitig 2770 m, bezw. 4100 m lang
waren.
Auf die Förderung in der Baustrecke hat hauptsächlich die
Höhenlage des Richtstollens Einfluß. Da der Vollaus
bruch, nach welcher Methode er auch betrieben werden möge,
am besten an der Tunnelfirste begonnen, und nach unten fort
gesetzt wird, so erscheint es naturgeniäß, den Richtstollen als
Firststollen anzulegen (Fig. 3), wie es bei der belgischen
Methode gewöhnlich geschieht, auch am Gotthard geschehen ist.
Allein dem kleinen Vorteil steht dabei der viel wichtigere Nach
teil gegenüber, daß die Förderbahn mindestens einmal, nämlich
aus dem Firststollen auf die Tunnelsohle verlegt werden muß,
wodurch die Förderung um so mehr erschwert wird, als die
Uebergangsstellen dabei immer ihre Lage ändern. Am Gott
hard hat sich deshalb der Firststollenbetrieb als großer Fehler
erwiesen, infolge dessen die Vollendung des Tunnels erst volle
21 Monate nach dem Stollendurchschlag erfolgt ist, während
am Arlberg bei Sohlstollenbetrieb (Fig. 2) diese Zeit kaum
6 Monate betragen wird *). Freilich muß vom Sohlstollen durch
einzelne Aufbrüche erst die Tunnelsirste erreicht werden, um
von da in einen stets nur kurzen Firststollen überzugehen, wo
selbst der Vollausbruch begonnen wird. Die schwierige Auf
bruchsarbeit kann aber auf verhältnismäßig sehr geringe Massen
beschränkt werden, und kommt daher wenig in Betracht gegen
über dem wichtigen Umstand, daß die Bahn von Anfang an
auf der Tunnelsohle liegt, also während des ganzen Baues
nicht verlegt zu werden braucht. —
Besonders sinnreich und zweckmäßig ist am Arlberg die
Organisation des Förderungsdienstes, wodurch es
möglich geworden ist, im letzten Jahr vor dem Durchschlag auf
jeder Tunnelseite bei durchschnittlich 6 m Fortschritt, und 78,
bezw. 28 qm Querschnittsfläche des Vollausbruchs und der
Mauerung, eine Bruttomasse von rund 3 000 t, nämlich 1200 t
nach innen, 1800 t nach außen zu transportieren, auf einem
einzigen Geleise von nur 70 cm Spurweite. In den Fertig
strecken dienen dazu vierräderige Tenderlokomotiven von
Krauß in München, deren Blasrohr in der Weise abge
sperrt werden kann, daß der Abdampf nicht in den Schornstein,
sondern direkt ins Freie oder in die Wasserbehälter geleitet
wird. Dies geschieht, sowie die Schließung der Aschenkasten
klappen, sobald die Lokomotive in den Tunnel einführt, und
dauert, bis sie wieder ins Freie gelangt, so daß die Ausströmung
V In der That ist um Mitte Mai d. I. die Tunnelmauerung fertig
geworden und zu Pfingsten konnte der Oesterreichische Architekten- und In
genieurverein, sowie auch der Verfasser obigen Vortrags mit Stuttgarter
Polytechnikern den fertigen Tunnel auf der Rollbahn durchfahre».