Volltext : Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1884)

in  welchem  Zustande  ein  gleichmäßiges  Trocknen  des  Torfes
ohne  Rissigwerden  leichter  vor  sich  geht;  auch  der  Torf  ein  bedeutend ­
  größeres  spez.  Gewicht  erhält.  Viele  derartige  Maschinen
arbeiten  teurer  als  die  Handarbeit,  liefern  aber  ein  um  so  besseres
Material;  und  sind  dadurch  meistens  dem  Handstichtorfbetrieb
überlegen.
Größere  maschinelle  Torfgewinnungseinrichtungen  sind  die
hannoverisch  -  oldenburg'schen  Breitorsmaschinen;  besonders  für
Massenproduktion.  Bei  denselben  findet  ein  Mischen  des  Torfes,
wie  bei  den  Weber'schen  Maschinen,  aber  unter  Wasserzusatz
statt.  Der  so  entstandene  Brei  wird  auf  dem  geebneten  Terrain
ausgebreitet,  nach  erfolgtem  teilweisein  Austrocknen  durch  Arbeiter, ­
  welche  Brettstücke  unter  den  Füßen  tragen,  glatt  getreten
und  dann  in  Soden  zerschnitten,  ©ine  derartige  Maschine  ist
die  der  Ingenieure  Mecke  und  Sanders  in  Ocholt  (Oldenburg), ­
  welche  auf  dem  Torfwerke  dieser  Herrn  arbeitet  und  in
der  Kampagne  (April—Juli)  mit  21  Mann  120000  Ztr.  Torf
erzeugt;  eine  weitere  Maschine  ist  bei  Lüneburg  im  Betriebe.
Der  Maschine  liegt  das  Bestreben  zu  Grunde  die  Hand,
arbeit  thunlichst  zu  reduzieren,  und  besteht  dieselbe  aus  einem
fahrbaren  Gestell  (Träger)  von  etwa  30  m  Länge.  An  einem
Ende  ist  ein  Bagger  angebracht,  welcher  den  Torf  aushebt,  in
die  Breimaschinerie  wirft,  von  wo  aus  er  dann  auf  das  Trockenfeld ­
  gelangt;  der  Bagger  kann  gehoben  und  gesenkt,  auch  beseitigt ­
  und  durch  Elevatoren  ersetzt  werden.  Eine  Pferdebahn
von  3  km  Länge  führt  nach  der  Station  Ocholt;  und  werden
4  Torfwagen  ü  40  Ztr.  von  einem  Pferde  gezogen.  Von  einem
5Vi  m  hohen  Gerüste  aus  werden  mittelst  einer  3  pferdigen
Lokomobile  die  Torfwagen  gehoben  und  durch  Oeffnen  des  Boden
in  den  Eisenbahnwagen  entleert.  Bkit  2  Mann  Bedienung
können  täglich  15  Eisenbahnwaggons  ä  200  Ztr.  beladen  werden.
Der  Verkaufspreis  des  Torfes  betrügt  33—35  Pf.  pro  50  kg.
Eine  der  interessantesten  Torfmaschinen  ist  das  Hodge'sche
Torfschiff.  In  den  60er  Jahren  wurde  dasselbe  zuerst  in  Kanada
angewandt,  und  1812  durch  eine  Aktiengesellschaft  in  Oldenburg
eingeführt;  deren  Geschäfte  übrigens  nicht  gut  ausfielen,  so  daß
die  Staatsverwaltung  daselbst  von  1877/79  das  Torfschiff  probeweise ­
  übcrnahnr,  um  eS  dann  zu  kaufen.  Ein  Schiff  von  etwa
40  m  Länge  6,0  m  Breite  ist  vorn  mit  2  großen  schneckenartigen ­
  Vorrichtungen  versehen,  mittelst  deren  es  sich  sozusagen
seinen  Kanal  selbst  gräbt  und  pro  Tag  50—100  m  vorschreibt.
Der  Torf  komnit  in  das  Schiff,  wird  hier  zu  einer  breiartigen
Masse  verarbeitet,  und  dann  seitlich  auf  dem  geebneten  Terrain
abgelagert  und  zwar  gewöhnlich  in  einer  Stärke  gleich  der  Dicke
der  Torfsoden,  um  hier  wie  bei  der  Sander'schen  Maschine
geebnet,  getrocknet  und  gestochen  zu  werden.  Der  hiebei  erzeugte
Torf  gehört  zu  dem  Besten  und  wird  zur  Heizung  in  den  Regenerativgasöfen ­
  auf  Hüttenwerk  Augusthöhe  mit  Vorliebe  verwendet. ­
  Dieses  Werk  braucht  jährlich  300—400000  Ztr.  Torf.
Beim  Hodge'schen  Torfschiff  sind  11  Mann  in  Arbeit  und
werden  bei  lOstündiger  Arbeitszeit  300—400  cbm  Torf  gewonnen ­
  und  verarbeitet.  Nachteile  desselben  sind  der  notwendige
gleichmäßige  Wasserstand  im  Kanal,  sowie  Empfindlichkeit  bei
vorkommenden  Holzmassen  und  sonstigen  Hindernissen.

Weitere  Breitorfmaschinen  sind  die  von  Ruschmann  in
Varel  erdachte  Wandertorfmaschine,  ferner  die  Breitorfmaschine
von  Mahlstedt  (Beeck)  in  Oldenburg,  sowie  eine  Menge  verwandter ­
  Spsteme,  deren  Besprechung  hier  zu  weit  führte.  Für
Pferde  und  Handbetrieb  ist  eine  zweckmäßige  Maschine  von
Ing  ermann  in  Koldmos  konstruiert.
Der  Vortragende  ist  wegen  vorgeschrittener  Zeit  genötigt
die  Herstellung  des  Darrtorfes,  d.  i.  ein  künstliches  Austrocknen
des  lufttrocknen  Torfes  nur  kurz  zu  beschreiben,  ebenso  die  Herstellung ­
  von  Torfkohle,  welche  in  Meilern,  Ofen,  Retorten  vor
sich  geht,  zu  der  aber  bloß  aschenarmer  Torf  sich  eignet,  mit
8%)  Marimal-Aschengehalt.  Diese  Torfkohle  ist  sowohl  beim
Hüttenbetrieb  als  auch  zur  Heizung  z.  B.  der  Eisenbahnwagen  in
Oldenburg  u.  z.  Teil  auch  in  Preußen  im  Gebrauch.  Oldenburg ­
  braucht  jährlich  zur  Waggonheizung  etwa  25  000  kg  zum
Preis  von  5  M.  pro  100  kg.  Die  Gasheizungen  (Generatoren),
die  Verbesserungen  von  Siemens  und  anderen  (Regeneratoren)
werden  dann  beschrieben,  deren  Erfindung  den  Torf  für  Zwecke  der
Großindustrie  (Eisen-,  Stahl-,  Glas-,  Soda-,  Ziegelei-,  Kalkfabrikation»
  nutzbar  machte,  was  viele  Anlagen  in  Kärnthen,
Steyermark,  Hannover  und  anderen  Gegenden  ersehen  lassen.
Zuletzt  kommt  der  Vortragende  auf  die  wichtige  Torfstreu-  und
Torfmullfabrikation  zu  sprechen;  welche  von  großem  Werte,  sowohl ­
  für  die  Moorbesitzer,  als  auch  für  die  Landwirtschaft  und
Städtereinigung  geworden  ist.  Das  jüngste  Erzeugnis  der
Movrbildung,  der  Faser-  oder  Moostorf,  welches  reich  an  unvermoderten
  Pflanzenfasern  ist,  hat  in  trockenem  Zustande  ein
außerordentliches  Aufsaugnngsvermögen.  Ein  Gewichtsteil  Moortorf ­
  kann  das  neunfache  seines  Gewichtes  an  Wasser  aufnehmen,
infolge  hievon  eignet  sich  das  Material  vorzüglich  zu  Streu
in  Ställen  sowie  zur  Geruchlosmachung  von  Abtritten.  Die
neueren  Maschinen  zur  Herstellung  dieses  Fabrikates  werden
erläutert,  ebenso  die  Verpackung  desselben,  welche  nur  durch
Verdichten  mittelst  Pressen  (Hebelpressen),  Anbringen  von  Brettstücken ­
  und  Binden  mittelst  Draht  bewerkstelligt  werden  kann.
Ein  Zentner  Torfniull  kommt  in  Wagenladungen  200  Ztr.
frei  Station  Stuttgart  jetzt  auf  1  M.  70  Pf.  bis  2  Ji  (Preise  der
hannov.  Torswerke  bei  Neustadt  a.  N.);  nach  den  gesammelten
Erfahrungen  genügt  Vs—  Vs  Ztr.  pro  Person  und  Jahr  zur  Geruchlosniachung
  eines  Abtritts.  Uebrigens  sollen  Torfstreufabriken
auch  bei  uns  im  Steinhäuser  und  Psrunger  Ried  endlich  einmal
errichtet  werden.  Es  wird  erwähnt,  daß  vor  einigen  Jahren  bei
Einführung  des  Torfmulles  zur  Geruchlosmachung  von  Abtritten ­
  in  Hannover  die  Fäkalien  einer  Schule  im  offenen  Wagen
durch  die  Stadt  geführt  wurden,  ohne  daß  die  Leute  die  Natur
  des  Stoffes  ahnten.  Die  Anwendung  des  Stoffes  soll  in
Braunschweig  und  Magdeburg  obligatorisch  sein  und  wird  durch
die  Erfindung  selbstthätiger  Klosetstreuvorrichtungen  erleichtert,  von
denen  u.  A.  die  Konstruktion  der  Herrn  Bisch  leb  u.  Kleucker
sowie  von  Otto  Poppe  an  der  Hand  von  Patentschriften  vorgeführt ­
  wird.  Diese  Torfmullstreuung  ist  jedenfalls  als  ein  bedeutender ­
  Fortschritt  im  Städtereinigungswescn  zu  bezeichnen;
umsomehr  als  die  erzeugten  Dünger  als  gutes  Material  erprobt
morden  sind.
            
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