Full text: Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart (1885/86)

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(1474 ober 1477) und 1654. Letztere Jahreszahl ist über dem 
obersten Turmknopf in die Eisenstange eingeschlagen, welche den 
häßlichen Windfahnen-Engel trägt. Klemm hat sich zu seiner irr 
tümlichen Angabe, daß hier die Jahreszahl 1494 sich befinde, durch 
eine fehlerhafte Notiz im 8. Heft des W. Altertums-Vereins ver 
leiten lassen und daraus gefolgert, der Turm sei erst 1494 vollendet 
worden. 
Ferner findet sich an einem Baldachin im südlichen Seiten 
schiff, unter dem früher mutmaßlich ein Altar stand, die Jahres 
zahl 1479; sodann an einer durchaus frei stehenden Fiale auf dem 
südwestlichen Halbgiebel neben dem Turm das Steinmetzzeichen und 
der Name Marx Beblinger nebst der Jahreszahl 1484, endlich am 
Ostgiebel die Jahreszahl 1494. 
Steinmetzzeichen finde» sich am ganzen Bau, und zwar 
meistens so reichlich, daß sie Anhaltspunkte für die Bestimmung der 
Bauzeit gewähren können. Nur an wenigen stellen, namentlich an 
der Chorgalerie und an der nördlichen Seitenschiffgalerie, ist dieses 
nicht der Fall, weil sie dort teils infolge starker Abwitterung, teils 
infolge von Ueberarbeitungen und Erneuerungen, besonders in den 
Jahren 1839 und 1842 bis 1849, größteuteils verschwunden sind. 
Im übrigen kann man 5 zeitlich und örtlich von einander getrennte 
Steinmetzzeichen-Gruppen unterscheiden und zwar: 1) die Gruppe 
an den unteren Teilen des Chores bis zur Höhe der Chorgewölb- 
scheitel; 2) die Gruppe an den drei östlichen Schiffjochen bis hin 
auf zu den Strebepfeilerschlüssen; 3) die Gruppe der drei westlichen 
Schiffjoche, der ganzen Westfront und des uiileren Turmgeschosses, 
bis zum Deckgesims der westlichen Seitenschiffgiebel; 4) die Gruppe 
bller oberen Turmgeschosse; 5) die Gruppe des Ostgiebels von der 
Seitenschiffgalerie an aufwärts. — Diese 5 Gruppen sind je derart 
in sich abgeschlossen, daß sich die einzelnen Zeichen einer Gruppe in 
keiner der anderen Gruppen wieder vorfinden. Schon hieraus muß 
man schließen, daß je nur an dem betreffenden Hauptteil des ganzen 
Baues gearbeitet wurde, und daß zwischen der Vollendung eines 
jeden dieser Hauptteile und dem Baubeginn des nächsten ein mehr 
jähriger Baustillstand liegen muß. Außerdem ist der Formencharakter 
der Steinmetzzeichen der ersten 3 Gruppen ein merklich verschiedener. 
Die Formen der ersten Gruppe (Chor) sind entschieden die alter 
tümlichsten; die der zweiten Gruppe (östliche Schiffhälfte) sind nur 
um ein Geringes weniger altertümlich; sehr groß ist dagegen der 
Formenuntcrschied zwischen der zweiten und dritten Gruppe (west 
liche Schiffhälfte). Hieraus muß man also folgern, daß der Bau 
stillstand zwischen der Errichtung des Chores nnd der östlichen 
Schiffhälfte nur ein kurzer, dagegen derjenige zwischen der Er 
richtung der letzteren und der westlichen Schiffhälfte ein langer 
war. Der Unterschied im Fornlencharakter der Steinmetzzeichen der 
dritten, vierten und fünften Gruppe (westliche Schiffhälfte, Turm 
und Ostgiebel) ist nicht besonders augenfällig, doch rührt dieses da 
her, daß iu dem betreffenden hundertjährigen Zeitraum sich der 
Charakter der Steinmetzzeichen überhaupt wenig geändert hat und 
beweist also nichts für die Länge der betreffenden Baustillstände. 
In untrüglichster Weise werden diese Schlüffe durch denBau- 
formen-Charakter und andere technische.Eigentümlichkeiten der 
den vorgenannten Zeichengruppen entsprechenden Hauptteile des Ge 
bäudes bestätigt. 
Die Bauformen am Chor sind die altertümlichsten. Die 
Sockel-, Kaff- und Tragsimse, sowie die Fenstermaßwerke, entsprechen 
durchaus dem Stil vom ersten Drittel des 14. Jahrhunderts. Ins 
besondere zeigt eine genauere Untersuchung der Maßwerke, daß die 
Baliere beim Vorreißen derselben noch unsicher tastend verfuhren. 
Das Hohlkehlenprofil der Fenstergewände könnte stutzig machen, doch 
kommen analoge Profilierungen in Eßlingen auch sonst an Arbeiten 
vom Ansang des 14. Jahrhunderts vor. Beachtenswert ist ferner, 
daß der Chor der einzige Teil der Frauenkirche ist, welcher keine 
Versetzzangenlöcher, dagegen einen sorgfältigen Verband der Strebe 
pfeiler und Fenstergewände mit dem Wandquaderwerk aufweist. 
Ebenso zeigt eine eingehende technische Untersuchung vom Innern 
des Chores, deiß das Chorgewölbe ebenso alt ist wie die Chorwände. 
Ein Temperagemälde (Tod des heilige» Alexius) auf der nördlichen 
Chorwand, jetzt durch den dortigen Chorstuhl verdeckt, stammt zu 
folge seiner stilistischen Behandlung, ebenfalls aus dem ersten Drittel 
des 14. Jahrhunderts. Der Stil des Sakramentenschranks in der 
nördlichen Chorwaud deutet auf das 13. Jahrhundert hin und ist, 
wie die umgebenden Fugen beweise», nachträglich eingesetzt; es er 
scheint somit wahrscheinlich, daß er von einem älteren Bauwerk, 
möglicherweise von der alten Kapelle hieher übertragen wurde, vor- j 
ausgesetzt, daß in dieser überhaupt ein Sakramentenschrank war. 
Sicher ist, daß alle sonstigen Architekturformen des Chores dem ' 
Banstil der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entspreche», derselbe 4 
also nicht die alte Kapelle sein kann. Beachtet man hiernach noch, i 
daß am Chor mindestens dreizehncrlei Steinmetzzeichen vorkommen, 1 
also lebhaft daran gebaut wurde, daß die Geldsammlungeu für den ; 
Bau erst 1321 begannen und schon 1335 die Stiftung eines zwei- I 
ten Altars in den Chor erfolgt ist, der Hauptaltar aber bereits 
vorher darin stand und im Gebrauch war, so wird man gewiß 
nicht weit fehlen, wenn man näherungsweise annimmt, der Chor ; 
sei zwischen 1324 und 1332 erbaut worden. 
Die Bauformen der 3 östlichen Schiffjoche sind 
nahezu ebenso altertümlich wie die des Chores. Dieses erhellt allein s 
schon aus einer genaueren Betrachtung der südöstlichen Hauptthüre ) 
mit ihren Profilierungen, Laubwerken, Tympanon-Bildwerken (Ge- 4 
schichte der Maria), Figuren-Baldachinen und Fialen. Am über- 1 
zeugendsten wird dieses aus einer näheren Besichtigung der über-H 
raschend schön gearbeiteten kleinen Giebellaube- und Giebelfeld-Ver 
zierungen des mittleren Fignren-Baldachins, sowie aus den Pro- | 
Portionen und dem Laubreichtum der Nisen von den übermäßig 1 
schlanken Wimperg-Fialen zu erkennen sein. Außerdem deuten aber 
auch die Fenstermaßwerke mit ihrer übersichtlichen Komposition und 
ihren, zwar völlig ausgezierten, doch immer noch einfachen Grund- s 
formen entschieden auf die Zeit um die Mitte des 14. Jahrhunderts 
hin. Daß aber die 3 östlichen Schiffjoche weder vor, noch gleich- j 
zeitig mit dem Chor, sondern erst nach dessen Vollendung erbaut 
morden sein können, das erhellt zum Ueberfluß und dazuhin in der 
untrüglichsten Weise aus einer Anschlußfuge in der Ostwand des 
südlichen Seitenschiffes, welche durch die ganze Schiffshöhe sichtbar 
ist, und oben gegen den Chor hin zurückweicht. Erinnert man sich 
hiernach noch, daß 1362, 1363 und 1366 der vierte, fünfte und 
sechste Altar für die Frauenkirche gestiftet worden sind und nur im 
Schiff Platz finden konnten, so ist klar, daß spätestens 1362 die 3 
östlichen Schiffjoche aufgebaut, gewölbt und auch schon bedacht sein 
mußten. Bis jetzt sind an nnd in der östlichen Schiffhälfte nur 
zivölferlei Steinmetzzeichen erhoben worden. Die Südseite, welche 
in früheren Jahren überarbeitet wurde, zeigt deren nur noch 2; 
an der Nordseite werden manche durch Abwitterung verloren ge 
gangen sein, und im Innern sind viele infolge der Ausweißnung 
unsichtbar geworden. Man kann also annehmen, daß ursprünglich 
wohl mehr als 20 verschiedene' Zeichen in dieser Osthälfte gewesen 
sind und daß die wirkliche Bauzeit schwerlich mehr als 10 Jahre 
gedauert haben wird. Berücksichtigt man noch ferner, daß 1335 
bis 1338 in Eßlingen, wie überall in Europa, Mißwachs, Teuerung, 
Huiugersnot und jene furchtbare unter deni Namen „der schwarze 
Tod" bekannte Seuche geherrscht hat, und daß 1359 in Eßlingen, 
während eines unter Karl IV. dort abgehaltenen Fürstentages, ein 
Aufstand der Zünfte ausgebrochen ist, wegen dessen die Stadt um 
100 000 fl. (nach heutigem Geldwert etwa 3 Millionen Mark) ge 
straft wurde, so ist es wahrscheinlich, daß der Bau nicht erst zwi- ^ 
scheu 1359 und 1362, sondern schon vor 1359 vollendet worden ist 
und daß er auch nicht vor 1340 bis 1345 begonnen sein wird, l 
Die Bauzeit liegt also sicherlich zwischen 1340 nnd 1358, dürfte 1 
aber mit Wahrscheinlichkeit nur die Zeit von 1345 bis 1355 wirk 
lich umfaßt haben. Der jetzige stehende Dachstuhl auf dieser Schiff 
hälfte ist mutmaßlich noch der aus dieser Bauzeit stammende. Die j 
inzwischen vorgekommenen Verstümmelungen und Neueinschaltungen 
sind leicht zu erkennen. 
Vorstehende Nachweise mußten deshalb so ausführlich begründet 
werden, weil bisher über die Entstehungszeit des Chores und der 
östlichen Schiffhälfte irrige Ansichten verbreitet und in alle ein- 1 
schlägigen Druckschriften aufgenommen worden sind. Z. B.: der 
Chor sei der jüngste erst um oder nach 1500 erbaute Teil, das 
Schiff sei älter; das Südportal sei ebenso wie das Südwest- und 
Westportal erst zwischen 1400 und 1425 entstanden, beide Schiffhälf 
ten seien also im wesentlichen gleichzeitig ; die Schiffwölbung sei erst 
nach 1494 erfolgt rc. Diese Irrtümer sind geeignet auch die allge 
meine Bauformengeschichte zu trüben und müssen deshalb beseitigt 
werden. 
Zur Be st immung der Bauzeit der 3we st lichen Schiff 
joche dienen die Notizen: a) daß zwischen 1390 und. 1400 ein 
Haus an der Stadtmauer behufs „Verlängerung" der Frauenkirche 
angekauft und abgebrochen wurde; b) daß Ulrich von Einsingen,
	        

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