Full text: Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart (1885/86)

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damals Münsterbaumeister in Ulm, seit etwa 1398 von Ulm aus i 
die Oberleitung des Frauenkirchenbaus besorgte, und auch beibehielt 
als er um 1399 als Baumeister des Münsters in Straßburg dort 
hin zog; c) daß 1425 der zehnte Altar in die Frauenkirche ge 
stiftet wurde, welcher in der östlichen Schiffhälfte keinen Platz mehr 
hatte, also in der westlichen stehen mußte. Somit mußten die 3 
westlichen Schiffjoche spätestens um 1425 fertig und mit Ansnahnie 
des Feldes unter dem Turm auch schon gewölbt sein. Die unteren 
Teile des Turmplanes entsprechen den sonstigen Türmen der En- 
singer (Ulm und Bern) und es ist also wahrscheinlich, daß der Plan 
dieser ganzen Westhälfte von Ulrich herrührt und der wirkliche Bau 
beginn erst etwa um 1400 stattfand. Die äußersten Grenzen der 
Bauzeit dürften also 1400 und 1425 sein. Wenn man aber berück 
sichtigt, daß an diesem westlichen Schiffbau mehr als sechzigerlei 
verschiedene Steinmetzzeichen vorkommen, so ist klar, daß daran sehr 
rasch und, wegen des damaligen Friedens, auch ohne Unterbrechung 
gebaut wurde. Die wirkliche Bauzeit wird also wohl nicht länger 
als 10 bis höchstens 15 Jahre gewährt haben. Damit harmoniert 
die Notiz, daß 1412 die „neue große Thüre" schon fertig gewesen 
ist, wonach mindestens 2 / 3 der Schiffhöhe schon erreicht sein mußten. 
Es ist also anzunehmen, daß die 3 westlichen Schiffjoche samt der 
ganzen Westmauer und dem unteren Turmstockwerk einschließlich der 
Wölbung und Bedachung, zwischen 1400 und 1420, also noch unter 
Ulrichs Oberleitung, der 1419 starb, erbaut worden sind. Auch 
über diesem Teil ist der alte, von dem der westlichen Hälfte ver 
schiedene Dachstuhl noch vorhanden. Die Architekturformen 
entsprechen dieser Bauzeit. Die Fenstermaßwerke zeigen zwar schon 
sog. „Fischblasen" oder „Fischformen", sind aber im ganzen doch 
noch viel strenger komponiert als die Fenster am Ostgiebel. Auch 
die Fialen am schönen südwestlichen Portal sind noch merklich strenger 
als diejenige» an den oberen Turmstockwerken oder gar am Ostgiebel. 
Die figürlichen Bildwerke sind ersichtlich jünger als diejenigen vom 
südöstlichen Portal, aber immer noch schön. Weitere Unterschiede 
zwischen der westlichen und östlichen Schiffhälfte erkennt man an der 
verschiedenen Bildung der Strebepfeiler-Tragsimse und an der Profi 
lierung der Gewöllischeidebögen. Endlich ist auch eine Ansatzfuge 
neben dem 4. Strebepfeiler der Nordseite deutlich zu erkennen; we 
niger augenfällig ist die entsprechende Anschlußfuge an der Südseite. 
Das zweite Turmstockwerk (das erste über der Dach 
galerie) ist mutmaßlich ums Jahr 1430 begonnen und ganz schmuck 
los. An den Doppelfenster-Stürzen des dritten Turmstockwerks, 
welche etwas reicher behandelt sind als die übrigen Teile, und etwa 
um 1434 ausgeführt worden sein mögen, kommt zum erstenmal 
Hans Böblingers Zeichen als Gesellenzeichen vor. Im darauffol 
genden vierten Stockwerk sieht man wiederholt das Gesellenzeichen 
des Mathias Ensinger, der zwischen 1436 und 1438 Balier des 
Frauenkirchenbnues unter Oberleitung seines Bruders Matthäus 
Ensinger war, welcher damals in Bern als Münsterbaumeister lebte. 
Dicht daneben und 13 m über dem Dachgalerieboden ist im Innern 
des Turmes die Jahreszahl 1438, das Todesjahr des Mathias, 
eingemeiselt. Eiuen Meter höher ist im Innern der südwestlichen 
Wendeltreppe das Meisterzeichen des Hans Böblinger mit der Jahres 
zahl 1440. In diesem Jahre wurde letzterer, der seit 1439 Balier 
war, auf Empfehlung des Matthäus Ensinger Meister des Frauen- 
kirchenbaues. Im fünften Stock (Oktogon) befinden sich an den 
Sturzkonsolen der Thüren zum nordwestlichen Wendeltreppentürm 
chen , 2 m über dem Boden der Galerie am Fuße des Oktogons, 
das Meisterzeichen des Hans Böblinger, das Wappen des Eßlinger 
Spitals und die Jahreszahl 1449. Soweit war also der Turmbau 
gelangt, als jener abscheuliche Krieg zwischen Eßlingen und Würt 
temberg im August 1449 begann, welcher in seinem iveiteren Ver 
lauf ein allgemeiner Krieg der Fürsten mit den Reichsstädten wurde, 
und nach mehr als anderthalbjähriger Dauer, ohne eine Unter 
werfung des einen oder anderen Teiles, mit einer unerhörten Ver 
wüstung beider Gebietsteile endete. Auf den Gefilden sah man nur 
noch abgehauene Bäume und Neben, verödete Gärten und Felder, 
und die rauchenden Ruinen von Häusern, Höfen und mehr als 
100 Dörfern. Trotz der vorausgegangenen fruchtbaren Jahre stell 
ten sich Hungersnot und Krankheiten ein. Die Geldmittel waren 
beiderseits gänzlich erschöpft und weder Fürst noch Stadt wußten, 
woher sie die Mittel nehmen sollten, ihre Söldnerscharen zu bezahlen. 
Jetzt endlich hatten beide Teile offene Ohren für die vorher miß 
achteten Friedensgebote Kaiser Friedrichs. Gleichwohl kam ein 
wirklicher Friede erst 1454 zu stände; aber Eßlingen vertraute nun 
seiner eigenen Kraft nicht mehr und stellte sich unter den Schutz des 
Markgrafen von Bade». Der Schaden der Eßlinger belief sich nach 
damaliger Schätzung auf über 100 000 fl., und nach heutigem Geld 
wert auf mehr als 3 Millionen Mark. — Daß hiernach der Kirchen 
bau einige Jahre liegen blieb, ist selbstverständlich; es erhellt dieses 
aber auch daraus, daß um jene Zeit Hans Böblinger im stände 
war, die 8 prachtvollen Kapitale unter dem Gewölbe des Oktogons, 
mit mehr als eines Jahres Arbeitsaufwand eigenhändig zu bear 
beiten, und daS die weitersolgenden Steinmetzzeichen von den vor 
herigen durchaus verschieden sind. Wahrscheinlich hat der Baubetrieb 
erst 1454 wieder ernstlich begonnen. — Angestellte Berechnungen 
haben ergeben, daß zur Ausführung aller Steinmetzarbeiten am 
Oktogon, von der Stelle an wo 1449 die Arbeiten eingestellt wur 
den, bis hinauf zum Boden der Helmfnßgalerie, einschließlich des 
mit ihm verbundenen nordwestlichen Treppentürmchens, aber aus 
schließlich des Baldachins und ausschließlich desjenigen Teils des 
Oktogongewölbes, welcher mit den Oktogonmauern nicht verwachsen 
ist, 4500 Steinhauerarbeitstage nötig waren. Nimmt man an, 
daß e i n Steinhauer jährlich (über Abzug von 80 Sonn- und Feier 
tagen, sowie von 85 Winter-, Krankheils- und Blaumontagstagen) 
nur 200 Tage wirklich gearbeitet haben wird, so ergibt dieses 
eine Arbeitszeit für eiuen Steinhauer von 22'/-Jahren. Es kann 
also dieser Bauteil bei einem durchschnittlichen Stand der Steinmetz 
hütte von bloß 4 Mann (man hat daran elferlei Steinmetzzeichen 
gefunden) in 5>/2 Jahren, somit von 1454 bis 1459, je einschließ 
lich, recht wohl fertig gestellt worden sein. — Von 1460 bis 1464 
gab es wieder einen Baustillstand, weil in dieser Zejt Hans Böb 
linger mit seiner Hütte den Kirchturm in Möhringen auf den Fil 
dern (dem Eßlinger Spital gehörig) im Akkord ausgeführt hat. 
1465 wurden die Arbeiten an der Frauenkirche mit dem Beginn 
des Helmbaues wieder aufgenommen. Diese Jahreszahl befindet 
sich auf einen! Schild unter dem Risen der westsüdwestlichen Fiale, 
deren unterer Teil den Eckpfosten der Helmfußgalerie bildet. Der 
obere Teil dieser Fiale wurde zwar um diese Zeit bearbeitet, aber 
erst 5 Jahre später wirklich versetzt. An einer anderen der betref 
fenden 8 Fialen, welche mit dem Baldachin über dem nordwestlichen 
Treppentürmchen verwachsen ist, findet sich auf einem analogen 
Schildchen die Jahreszahl 1471. Endlich ist am Fuße des Wendel 
treppchens inmitten des Helms ebenfalls auf einem Schildchen eine 
Jahreszahl, von der heute nur noch die zwei ersten Ziffern 14 ganz 
deutlich, die zwei folgenden aber bis zur Unkenntlichkeit verwittert 
und zerschlagen sind. Vor 35 Jahren hat der Vortragende auch 
die dritte Ziffer noch deutlich als eine Sieben erkannt, von der 
vierten Ziffer aber war schon damals nur noch die Spitze ganz 
deutlich; er hat sie für eine Vier gehalten, will aber nicht verneinen. 
1>aß nian sie allenfalls auch als eine Sieben hätte deuten können. 
Sicher ist jedenfalls, daß diese Jahreszahl als 1474 oder 1477 zu 
lesen war. Diese 3 Jahreszahlen sind in gleicher Höhe, innerhalb 
einer Bauzone, die so klein ist, daß mit deren Bearbeitung auch nur 
ein Steinhauer keine volle 2 Jahre, geschweige denn 9 oder gar 
12 Jahre hätte beschäftigt werden können. Emen völligen Banstill 
stand schließt aber schon die Zahlenfolge (1465, 1471, 1474) ans, 
selbst wenn man annehmen wollte, daß die damaligen vielen Zänke 
reien und Reibereien der Stadt mit Württemberg, die aber in keinen 
ernstlichen direkten Krieg ausarteten, einen solchen veranlaßt haben 
könnten. Der Grund des örtlichen Beisammenseins dieser, einen 
erheblichen Zeitraum umspannenden Jahreszahlen wird dem Bau 
techniker indes aus einer genaueren Betrachtung eines sachgemäßen 
Baubetriebes sofort klar. — In dieser Beziehung empfahl es sich, 
schon bei der Aufführung des Oktogons, die überaus reichen und 
leicht zerbrechlichen Fialengruppen auf den östlichen Ecken der Platt 
form zwischen den viereckigen Turmteilen und dem Oktogon vorerst 
hinwegzulassen, weil sie beim Weiterbau durch herabfallende Stein 
stücke und Werkzeuge rc. unvermeidlich schwer beschädigt, auch beim 
Aufstellen von Gerüsten, und beim Baubetrieb überhaupt hinderlich 
gewesen wären. Das Gleiche gilt von den entsprechenden Fialen 
gruppen auf der südwestlichen Ecke und von dem daneben befind 
lichen Steinhelm des südwestlichen Treppentürmchens. Sodann hat 
man das Steinmaterial zur Versetzung aller oberen Turmstockwerke 
im Innern des Turmes aufgezogen, unter welchen es durch das 
westliche Portal (St. Georgsportal) gebracht wurde. Zu diesem 
Behuf hat letzteres nur eine einzige, aber breite Thüröffnung er 
halten und sind die Turmgewölbe erst nach Vollendung aller übri 
gen Turmteile eingesetzt worden. Diese Thatsache beweisen die
	        

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