Title:
Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart
Shelfmark:
1Ba 280-1888
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1466506725020_1888/12/
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erhalten können, daß cs aber auch die Art der Fragestellung ist, 
was eine klare Beantwortung ungemein erschwert. Der großen 
Dringlichkeit der Sache halber kann jedoch ans die von mehreren 
Seiten angeregte Verschiebung der Beratung nicht eingegangen 
werden. 
Bei der Einzelberatung, für die nur an der Hand der 35 
Fragen eine eingehende Berichterstattung möglich wäre. werden die 
Kommissionsanträge in alle» wesentlichen Zügen gutgeheißen. Es 
wird, entgegen der aus den Fragen herauszulesenden Anschauung, 
nach welcher in Norddeutschland eine obligatorische Meisterprüfung 
für nötig erachtet wird, fast allseitig anerkannt, daß der Bauhand 
werkerstand in Württemberg, abgesehen vielleicht von kleinen Ort 
schaften, zu keinen Klagen Veranlassung gebe. Geschickte und un 
geschickte Meister und Arbeiter habe es immer gegeben und werde 
es immer geben. Einzelne Stimmen sprechen sich allerdings dahin 
aus, daß zwar die Leistungen der Technik im ganzen bester ge 
worden, diejenigen aber der Gehilfen, der Arbeiter, entschieden im 
Rückgang begnffen seien. 
Bei Frage 32 wird anerkannt, daß eine selbständige Gerichts 
barkeit des Bauwesens in der Art der Handelsgerichte allerdings 
zu wünschen wäre. 
Der Vorsitzende spricht nach Schluß dieser Beratung und Ab 
stimmung der Kommission und deren Berichterstatter den Dank des 
Vereins für ihre Thätigkeit aus. 
Zn ziemlich vorgerückter Stunde erst gelangt als Gast des 
Vereins Herr Regierungsbaumeister Klett zum Wort, um 
„Ueber Konsolträgerbrücken u 
zu sprechen. Seine beifällig aufgenommenen lind durch eine reiche 
Zahl von Zeichnungen und Photographien unterstützten Ausführungen 
sind im Auszug die folgenden: 
Die Konsolträgerbrücken, auch kontinuierliche Gelenkträger ge 
nannt (engl, eantilovor driägos), haben viele Vorteile, besonders 
bei großen Spannweiten und zum Ueberbrückcn tief cingeschnittener 
Thäler oder tiefer Gewässer. 
Das Kennzeichnende des Systems sind besonders konstruierte 
Brückenträger, welche bei mehreren Brückenöffnungen über die Mittel- 
pfeiler hinausragen und freiliegende Stützpunkte den Mittelträgern 
bieten. 
Bei einer einzelnen Oeffnung liegen die Konsolträger auf den 
Widerlagern auf und sind gehörig verankert. 
Dieses Brückensystem ist früher schon angewandt worden, 
wieder in Vergessenheit geraten und in den 1860er Jahren von 
verschiedenen Ingenieuren von neuem erdacht und weiter ausgebildet 
worden. 
Nach einem Vortrage des englischen Ingenieurs Baker wurde 
schon vor 200 Jahren eine derartige Brücke von 30 m Spann 
weite in Tibet erbaut. 
Zur Ileberbrückung des East river bei Brooklyn arbeitete der 
Ingenieur Pope im Jahre 1810 ein Projekt nach dem Konsol 
trägersystem aus mit der bedeutende» Spannweite von 584 m; 
die jetzige Brücke ist bekanntlich eine Drahtseilbrücke, jedoch dürfen 
keine Lokomotiven dieselbe befahren. 
In Deutschland veröffentlichte Professor Ritter Berechnungen 
der Gelenkträgcrbrücken und der günstigsten Anordnung derselben; 
mährend der Ingenieur Gerber das System für die Praxis aus 
bildete, auch ein Patent in Bayern hierauf in den Jahren 1886/88 
erwirkte und mehrere Brücken hiernach ausführte. 
In England nahm O. I. Sedley ein Patent ini Jahre 1864 
auf Konsolträgerbrücken mit nur einer Oeffnung und führte gegen 
60 solcher Brücken aus. 
Tic größte Konsolträgerbrücke und zugleich die größte Fach 
werksbrücke der Welt ist seit dem Jahre 1882 bei Edinburg in 
Ausführung begriffen; cs ist dies die Brücke über den Meeres 
einschnitt (Firth) Forth. 
Der Mecrcseinschnitt hat an der Brückenbaustelle eine Insel 
unb die Brücke überseht in zwei mächtigen Oeffnungen je mit 518 m 
Weite diese Stelle. Die eingehängten Mittclträger sind 106 m 
lang. Der Mittelpfeiler auf der Insel selbst ist 80 m breit und 
hat 4 kreisrunde Pfeiler von 104 m Höhe und 3,60 m Lichtweite, 
die aus Stahlblechen zusammengesetzt sind. 
Alle Druckglieder, wie die untere Gurtung und die Druck 
diagonalen sind aus Röhren gebildet. 
Das Gesamtgewicht der Brücke von Stahl soll sich ans 
48 000 t belaufen und die Kosten die Summe von 60—70 Mil 
lionen Mark erreichen. 
Der Bau soll im Jahre 1889 dem Betriebe übergeben werden, 
und zwar einem 2spurigen Eisenbahnbetriebe. Das Eingehe» auf 
Einzelheiten des gewaltigen Baues, an dem 4 — 5000 Arbeiter be 
schäftigt sind, würde Stunden Zeit erfordern. 
In Amerika hat der Ingenieur Schneider verschiedene große 
Brücken nach dem Systeme zur Ausführung gebracht, worunter 
besonders die Brücke über den Niagara erwähnenswert ist. 
Diese Brücke führt 5 Kilometer unterhalb der Wasserfälle und 
ganz i» der Nähe der jetzigen Drahtseilbrücke über den noch sehr 
reißenden und tiefen Strom in 3 Oeffnungen von 277,z m Ge 
samtlänge. 
Die zwei Mittelpfeiler (eiserne Türme von 41m Höhe) stehen 
am Fuße des steile» Felseinschnittes, in Entfernungen von 150,8 m. 
Der eingehängte Mittelträger ist 36,8 m lang. Es ist ein doppeltes 
Fachwerkssystem mit Bolzenverbindungen, die gezogene Gurtung 
besteht aus Flachstäben mit wann angestauchten Augen (eye bars). 
Die untere Gurtung ist I | förmig. 
Die Enden der Konsolenträger sind verankert. 
Die Aufstellung der Brücke ging in der außerordentlich kurzen 
Zeit von 9 Monaten vor sich, und zwar wurden die zwei Landfelder 
mittels fester Gerüste montiert, die Mittelöffnung durch Hänge 
gerüste, welche an fahrbaren Gestellen befestigt waren. 
Die 2 geleisige Eisenbahnbrücke erforderte etwa 6000 t Stahl 
| und 15 000 t Schmiedeisen. 
Die Kosten belaufen sich auf etwa 2Va Millionen Mark 
(600 000 Dollarsi. 
In Deutschland sind hauptsächlich durch den Ingenieur Gerber 
viele Brücken zur Ausführung gelangt, von denen die Igeleisige 
Eisenbahnbrücke über die Luhe erläutert wird. 
Hinsichtlich der Theorie dieses Brückensystemes wird erwähnt, 
daß die Berechnung nach statischen Gesetzen vor sich geht, abgesehen 
von Zerlegungen bei doppeltem Fachwerkssysteme, wenn der Träger 
auf nur einem Punkte im Zwischenpfeiler auflagert. Sind wie 
z. B. bei der Niagarabrücke aber zwei Auflager auf dem Mittel- 
pfeiler vorhanden zur Druckocrteilung, so müssen die Diagonalen 
im Felde über dem Pfeiler wegbleiben, wenn das System statisch 
bestimmt bleiben soll. In diesem Fall werden nur Horizontalkräfte 
übertragen. 
Die Brücke über den Eirtb ok Eortb ist ein statisch unbe 
stimmtes Fachwerk, u. a. wegen der Diagonalen in den drei Pfeiler 
feldern. 
Nach diesen Erörterungen geht der Vortragende zur Brücken- 
konknrrenz in Mannheim über, welche leider die Nachteile des Kon- 
knrrenzwesens — die Schwierigkeit der gerechten Beurteilung — 
in hohem Maße mit sich geführt, dagegen auch viel Lehrreiches 
geboten habe. Er bespricht die Bedingungen der Konkurrenz, den 
bestehenden Zustand und die 11 eingegangenen Projekte im Ein 
zelnen. (Seine Mitteilungen über die Konkurrenz sind im Auszug 
erschienen in der Wochenschrift des östr. Ingenieur- und Architekten 
vereins 1887 S. 332 u. ff.) 
An den Vortrag, für den der Vorsitzende auch den offiziellen 
Dank des Vereins erstattet, knüpfen sich noch mehrfache Erörterungen 
über die Pseilcrstärken, den Bauvorgang, die Gerüste re. bei der 
Mannheimer Brücke, sowie über Berechnungsweisc für die Brücke 
über den Eirtb ok Eortb und die Konsolträger im allgemeinen, 
an denen sich Fischer, v. Hänel, Kölle und Weyrauch 
beteiligen. 
Nach 11 Uhr wird hierauf die Sitzung geschlossen. 
Der Schriftführer: 
L a i st n e r.
        

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