Full text: Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart (1888)

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Vierte ordentliche Versammlung, am 7. April 1888. 
Vorsitzender: Göller; Schriftführer: Weyrauch. 
Anwesend: 33 Mitglieder und 4 Gäste. 
Der Vorsitzende begrüßt die erschienenen Gäste sowie das neu 
eingetretene Mitglied Baurat Philippi und macht dann folgende 
Mitteilungen: 
Die vor 14 Tagen beabsichtigte gesellige Vereinigung mußte 
der Nationaltrauer wegen unterbleiben, die nächste soll am 21. April 
mit Damen stattfinden. Bauinspektor Mayer hat seinen Austritt 
zum 1. Juli erklärt. Als neue Mitglieder sind angemeldet: Re- 
gierungsbaumeister Pantle hier, vorgeschlagen durch Oberbaurat 
v. B o k und Regierungsbaumeister Steudel in Reutlingen, vor 
geschlagen durch Bauinspektor Leib brand daselbst. Zur Ansicht 
liegen auf: 
1. Eine Anzahl Programme und Formulare für die große aka 
demische Kunstausstellung in Berlin; 
2. Indian blngineoring Heft IX., März 1888; 
3. Verhandlungan des Schwedischen Jngenieurvereins, 32. Band, 
Stockholm 1887. 
4. Lulletin de l’association dos Ingenieurs sortis des ecoles 
speciales de Gaud Nro. 3 u. 4. Januar u. Februar 1888. 
5. Broschüre über das neue Rathaus, Stuttgart 1888. 
Die Aeußerung des Vereins in der Rathaussrage ist seitens 
des Vorstands dem Herrn Oberbürgermeister übergeben worden. 
Derselbe hat durch ein Schreiben seinen Dank ausgedrückt und bei 
gefügt, daß die Broschüre an die Mitglieder der bürgerlichen Kol 
legien verteilt worden sei und bei Beratung der Frage berücksich 
tigt werden solle. Das Komite für die Erbauung eines Rathauses 
auf dem Marktplatze hat dem Vereine durch eine Deputation an 
den Vorstand seinen Dank für die unparteiische und sachgemäße 
Beleuchtung der verschiedenen Projekte ausdrücken lassen und 100 
Exemplare der Schrift zum Kostenpreise übernommen, während 
iveitere auf Kosten des Komites gedruckt und an die Bürgervereine 
verteilt werden. Dem Beschlusse des Vereins entsprechend sind 
100 Exemplare dem Buchhändler Wittwer zum Verkaufe über 
geben. Von dem Rechte, das Wochenblatt für Baukunde künftig 
nicht mehr zu halten, haben 70 Mitglieder Gebrauch gemacht. 
Der Vorsitzende richtet an den Verein die Frage, ob die Be 
richte über die Vereinsthätigkeit künftig an das Wochenblatt zum 
Abdrucke in der Beilage oder an die Deutsche Bauzeitnng gegeben 
werden sollen, v. Hänel ist für letzteres, da die Abonnenten des 
Wochenblatts die Berichte dann doch erhalten und auch die nord 
deutschen Kollegen etwas über den Verein erfahren, v. Schlier 
holz und Baurat Rheinhard schließen sich dem Vorschlage 
v. Hänels an, welcher genehmigt wird. Im Anschlüsse daran 
bittet der Vorsitzende um Anmeldung weiterer Vorträge für die 
künftigen Vereinsversammlungen. 
Es sind folgende Schriftstücke vom Verbandsvorstande einge 
gangen : 
1. Mitteilung vom 17. März, daß der Verbandsvorstand als 
Zeichen der Trauer des Verbandes um den entschlafenen Kaiser 
einen Lorbcerkranz mit Palmblättern und schwarz umflorter 
Vandschleife an das Hofmarschallamt in Berlin übergeben 
habe. Die weiße Bandschleife trägt die Inschrift: 
Deni Andenken 
an Seine Majestät 
Kaiser Wilhelm I. 
Der Verband 
Deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine. 
2. Mitteilung vom 21. März, daß der Vorsitzende des Vereins 
für Niederrhein und Westphalen, Herr Regierungs- und 
Baurat Jü ttner, Mitglied des Vcrbandsvorstandes, am 20. 
März gestorben sei. 
3. Ersuchen vom 22. März an die Vereinsleitung um Ein 
ziehung der Abonncmentsgelder für die im Vereine gehaltenen 
Verbandsmitteilungen. 
4. Anfrage vom 22. März, wieviel Exemplare der Vcrbands- 
mitteilungen der Verein in Zukunft neben den Pflichtexem 
plaren zu beziehen wünsche; 
5. Mitteilung vom 17. März eines Schreibens des Breslauer 
Vereins, in welchem dieser sein Einverständnis mit den Zeilen 
des Antrages Rh ein h ard-Hän el betreffend die physikalisch- 
technische Reichsanstalt erklärt, die Stellung von Fragen je 
doch für verfrüht hält und eine Begrüßung der Anstalt im 
Namen des Verbands vorschlägt mit dem Wunsche, „daß 
es den Zielen der Reichsanstalt entsprechen werde, auch den 
aus dem engeren Gebiete der Bau- und Jngenieurwissen- 
schaftcn hervortretenden physikalisch-technischen Fragen eine 
wohlwollende Beachtung zuzuwenden und der Geneigtheit 
hierzu durch eine bezügliche Erwiderung an den Verbands 
vorstand Ausdruck zu geben." Der Verbandsvorstaud, wel 
chem trotz ergangener Aufforderung Frage» für die Reichs 
anstalt bis jetzt nicht übermittelt wurden, stimmt der Bres 
lauer Anregung zu und legt einen Entwurf der fraglichen 
Bcgrüßungsadresse vor. 
Baurat Rheinhard kann sich mit dem vorgeschlagenen Ver 
fahren nicht einverstanden erklären und stellt einen Bericht der vom 
Vereine niedergesetzten Kommission mit geeigneten Fragen innerhalb 
4 Wochen in Aussicht. Der Vorsitzende wird dem Verbandsoor 
stande die Einsendung von Fragen für jenen Termin anmelden. 
Damit ist der geschäftliche Teil der Versammlung erledigt. 
Vor Uebergang zum zweiten Teile der Tagesordnung bringt 
Baurat Rheinhard die verheerenden Ueberschwemmungen in Nord 
deutschland zur Sprache und appelliert an das Mitgefühl der 
Vereinsmitglieder. Es handle sich um eine Wassersnot, wie sie in 
diesem Jahrhundert noch nicht dagewesen sei. Nach überschläglicher 
Schätzung seien 35 Quadratmeilen unter Wasser gesetzt, 35 000 
Bewohner von Haus und Hof vertrieben, 100 000 groß geschädigt, 
der Gesamtschaden dürfte wohl 100 Millionen Mark betragen. 
Für diejenigen Mitglieder, welche nicht bereits anderwärts Bei 
träge zur Linderung der Not gegeben haben, wird sofort eine Liste 
in Unilauf gesetzt. 
Es erhalten nun das Wort Herr Ingenieur Lueger und 
Herr Baurat Reinhard zu Mitteilungen über Cementbauten. 
Der erstere bemerkt einleitend, daß es sich darum handle, ans 
deni Schoße der Versammlung selbst Ansichten zu hören über die 
Tauglichkeit von Beton zu Röhren und Kanälen für Wasserleitungen 
in Entwässerungsanlagen. Er weist sodann darauf hin, daß cs 
bei allen geschlossenen Profilformen Füllungsgrade gebe, in welchen 
das Wasser den Scheitel der Leitung nicht berühre und wobei trotz 
dem eine größere Wassermenge zum Abflusse gelange, als bei ganzer 
Erfüllung des Querschnittes, während bei dem nach oben offenen 
Kanalprofile stets eine gewisse Länge der Umfangslinie des Wasser- 
querschnittes nicht mit der Kanalwand in Berührung steht und 
dann, wenn die Kanalwand senkrecht oder von der vertikalen Sym 
metrieachse nach außen geneigt ist, jeder höhere Waflcrstand im Pro 
file nicht nur eine größere Geschwindigkeit im Strome, sondern 
auch eine dementsprechend größere Wassermenge im Abflusse her 
vorbringt. Offene und geschlossene Profile verhalten sich demnach 
sehr verschieden, obschon, wie Redner bereits in einem im Jahr 
1881 im Journal für Gasbeleuchtung und Wasserversorgung er 
schienenen Aufsatze nachgewiesen hat, kein Grund vorliegt, bei Ver 
gleichung der mechanischen Arbeit des Wassers während der Bewe 
gung mit der Arbeit der Reibung am benetzten Umfange eine Ver 
schiedenheit der fundamentalen Anschauungen anzunehmen. Herr 
Lueger meint, daß man sowohl für geschlossene als für offene 
Profile ein und dieselbe empirische Formel für die Bestimmung der 
Reibungswiderstäude, nämlich die Kutlersche, verwenden könne. 
An dem Beispiele eines rechteckigen Kanalprofils erläutert so 
dann der Vortragende, daß, soferne dieses Profil geschlossen ist, in 
dem Augenblicke, in welchem das Wasser den Sturzdcckel des Kanals 
berührt, die Geschwindigkeit sich im Verhältnisse von 71 : 58 ändere 
(sofern sich die Breite zur Höhe von 2 : 1 verhält). War dieselbe 
vorher z. B. 3 Meter (pro Sekunde), so wird sie bei volllaufen 
dem Profile 2,45 Meter und es entsteht aus dieser plötzlichen 
Aenderung überschüssige Energie, welche zur Deformation des Kanals 
bezw. zur Aufstauung des Wassers Verwendung findet. Das mit 
größerer Geschwindigkeit vorauslaufende Wasser reißt von dem auf 
gestauten Wasser ab und dieses letztere stürzt sodann in den leer
	        

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