Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1893-97)

Die Entfernung und Verwertung der Malstoffe in Stuttgart. 
Vortrag, gehalten von Stadtbaurat Kölle am 17. März 1894. 
Meine Herren! Wie Sie wissen, ist unsere Stadt Stuttgart 
bezüglich der Beseitigung ihrer Abfallstoffe (Straßenkehricht, Haus 
kehricht, Fäkalien) in einer sehr schwierigen Lage. 
Zur Durchführung der Schwemmkanalisation fehlt es 
ihr durchaus an dem nötigen Wasser. Auf 3 Stunden im Umkreis 
ist jeder Tropfen Quellwasser zur Wasserversorgung der Stadt gefaßt, 
auch die Seen im kgl. Park dienen letzterer. 
Man wäre sonach zur Beschaffung des zum Spülen der Kanäle 
nötigen Wassers nur auf künstliche Hebung des Wassers vom Neckar 
herauf angewiesen und dies würde enorme Kosten verursachen. 
Es besteht aber noch ein anderer Anstand gegen die Schwemm 
kanalisation. Der Neckar, der den Inhalt unserer Kanäle aufzu 
nehmen hätte, führt, wie Ihnen bekannt ist, in trockenen Zeiten sehr 
wenig Wasser. Seine Wassermenge geht bis auf 7 cbm per Sek. 
zurück. Infolge dessen ergäbe sich bei direkter Einführung des 
Kanalwassers in solchen Zeiten ein so geringer Verdünnungsgrad, 
daß hieraus notwendigerweise sich sanitäre Uebelstände ergeben müßten. 
Es wäre mit Sicherheit anzunehmen, daß von den Medizinalbehörden 
die direkte Einleitung in den Neckar nicht gestattet, vielmehr die Vor 
nahme einer Klärung der Abwässer vorgeschrieben würde, tvie dies 
ja auch anderwärts verlangt wird. Wie wenig eine solche Klärung 
nützt und wie viel sie kostet, das sieht man am besten an den An 
lagen in Frankfurt a. M. und Wiesbaden. Bei uns wäre eine 
derartige Anlage bei dem Mangel an ausgedehnten Grundflächen im 
Neckarthal und bei den zahlreich:n daselbst vorhandenen Ortschaften 
noch mit weit größeren Schwierigkeiten und Mißständen verbunden. 
Auch das System der Berieselung erweist sich für unsere 
Stadt als nicht durchführbar. Es fehlt uns in der Umgebung an 
den hiezu nötigen Flächen mit leichtem, durchlässigen Boden (Kies 
und Sand). Wir haben mit Ausnahme der Flächen im Neckarthale 
selbst durchweg lauter schwere Bodenarten in der Umgebung, ins 
besondere auf den Fildern, die für Berieselung durchaus ungeeignet 
sind. Und diejenigen Flächen mit durchlässigem Boden im Neckar 
thale bei Cannstatt und Mettingen liegen so innerhalb des Verkehrs 
und der menschlichen Ansiedlung, daß deren Benützung zum ange 
gebenen Zweck ausgeschlossen erscheint. 
Nun bliebe noch das System der natürlichen Com- 
postirung, das namentlich in den Niederlanden häufig und mit 
gutem finanziellen Erfolg angewendet wird. Es besteht in der An 
häufung und Mischung der verschiedenartigen Abfallstoffe unter ein 
ander, welche eine Zeit lang im Freien gelagert, ein vorzügliches 
Düngmittel abgeben sollen. Die Anwendung dieses Systems hat 
das Vorhandensein ausgedehnter Lagerflächen und billigen Trans 
ports zur Voraussetzung, wie dies in den holländischen Städten 
zutrifft. 
So bleibt also für Stuttgart nur die getrennte Abfuhr 
der Abfallstoffe übrig, wie sie auch thatsächlich seit etwa 20 Jahren 
durchgeführt wird. Der Straßen- und Hauskehricht wird in be 
sonderen Wägen regelmäßig jeden Tag abgeführt und auf Lager 
plätze außerhalb der Stadt verbracht. Die Fäkalien werden in 
möglichst wasserdichten Gruben an den Häusern gesammelt und diese 
nach Bedürfnis, längstens alle 4 Wochen einmal, geleert. 
Anfangs besorgten die Bauern und Weingärtner der Stadt und 
Umgebung und einige Privatunternehmer das Leeren der Abtrittgruben 
durch Ausschöpfen derselben bei Nacht und verbreiteten dabei viel Lärm 
und Gestank. Dabei waren einzelne Gruben mit besonders kräftigem 
Inhalte wie z. B. vom Hotel Marquardt besonders gesucht; nicht 
selten erhielten Hauseigenthümer noch eine Bezahlung für ihren 
Fäkalstoff. 
Bald aber reichte das Abholen durch Weingärtner nicht mehr 
aus, auch traten eine Reihe von Unregelmäßigkeiten und Mißständen 
(Ueberlaufen der Tröge, heimliche Entleerung nach den Kanälen 
u. s. w.) ein, so daß es notwendig wurde, die Latrinenentleerung 
in städtische Regie zu übernehmen. Es geschah dies im Jahre 
1875, indem ein besonderer Geschäftszweig der städtischen Verwaltung, 
die sog. Latrineninspektion gegründet und nach und nach aus 
gebildet wurde. 
Die Entleerung erfolgte bis vor einigen Jahren mittelst Hand 
luftpumpen, neuerdings werden mehr Dampflnftpumpen ver- ; 
wendet; mittelst der Pumpen wird auch der feste Bodensatz in den 
Gruben beseitigt, nur ausnahmsweise ist noch Handarbeit dazu nötig. 
Die Hausbesitzer haben für die Beseitigung der Fäkalien eine 
Gebühr zu bezahlen, welche zur Zeit 3 A 30 $ für das Kubik 
meter entleerter Masse beträgt. 
Die tägliche Abfuhr an Fäkalmasse betrug im vergangenen i 
Jahre durchschnittlich 200 Fässer mit ungefähr 260 cbm Inhalt, I 
der gesammte Anfall betrug nahezu 80 000 cbm im ganzen Jahr. I 
Die Steigerung des Anfalls von Jahr zu Jahr ist am deut- I 
lichsten aus der beigegebenen graphischen Darstellung ersichtlich, i 
Während noch im Jahre 1881 der jährl. Anfall 50 000 cbm kaum 1 
überstieg, betrug er im Jahre 1891 schon 75 000 cbm. Es ergießt 1 
sich sonach unter gewöhnlichen Umständen eine Zunahme von ca. l 
2400 cbm im Jahr; durch die bereits angeregte bezw. beschlossene k 
Einbeziehung der Vorstädte in den Bezirk der Regie-Reinigung wird 1 
ein sofortiger Zuwachs von ca. 6000 cbm entstehen. 
Nach unsern Berechnungen entfällt auf den Kopf der Ein- I 
wohnerschaft ein jährlicher Anfall von 0,6 cbm. 
Auf Grund dieser Erfahrungen ist mit Sicherheit in Aussicht j 
zu nehmen, daß im Jahre 1900, also schon in 6 Jahren, der An- j 
fall nahezu 100 000 cbm erreichen wird. 
Während nun der Anfall von Jahr zu Jahr ziemlich rasch 
steigt, gestalten sich die Absatzverhültnisse für den Fäkaldünger mit i 
der Zeit immer ungünstiger. 
Die Gewinnung des richtigen Absatzes ist die schwierigste Auf- ! 
gäbe der Latrinenverwaltung. 
Der Bedarf der Markung Stuttgart und der anschließenden 
Markungen beträgt kaum 1 U des gesamten Anfalles. Die coupierten I 
Terrainverhältnisse beschränken die direkte Beifuhr auf die Güter ! 
in der Umgebung Stuttgarts sehr, außerdem fehlt es an größeren 1 
landwirtschaftlichen Gütern in der näheren Unigebung unserer Stadt. 
Die Ungunst der örtlichen Lage für den Absatz ließ daher von 
Anfang an den Ferntransport der Fäkalstoffe mittelst der 
Eisenbahn als notwendig erscheinen. 
Anfangs wollte die k. Eisenbahnverwaltung nicht recht an die , 
Beförderung der Latrinen heran, insbesondere nicht an die Verladung 
bezw. Umfüllung auf den Bahnhöfen. Schließlich überzeugte man 
sich aber, daß das Umfüllen mittelst einer Dampfpumpe sehr rasck J. 
und mit wenig Belästigung bewerkstelligt werden kann und es wird I 
seit dem Jahre 1875 in ausgedehntem Maße vom Bahntransport I 
Gebrauch gemacht. 
Von denjenigen Absatzstellen, nach welchen die Fäkalien auf der t 
Eisenbahn verfrachtet werden, sind manche recht weit von Stuttgart | 
entfernt, wie z. B. Waldenburg bei Oehriugen mit 88 Um Entfernung, fl 
Der Transport geschieht auf eigens dazu ausgerüsteten Eisen- ! 
bahnwagen, auf welchen je 3 große Holzfässer mit zusammen ca. I- 
90 bi Inhalt angebracht sind. 
In den letzten Jahren wurden nahezu 50 000 cbm nach ca. I 
90 Stationen verfrachtet. Ein Eisenbahnwagen mit 9 cbm Fäkal- i 
masse kostet neben der Eisenbahnfracht von 27 $ per km, der j 
Expeditionsgebühr von 6 A per Wagen und der Wagenmiete von 1 
1 Ji. je nach der Zeit des Bedarfes 6—18 Jl.\ auf Stuttgarter I 
Markung bezw. bei direkter Beifuhr per Achse kostet ein Wagen mit f 
1,3 cbm Fäkaldünger 2—7 Jl. je nach Zeit und Entfernung k 
des Platzes. 
Es kostete der städtischen Verwaltung viel Mühe und Arbeit, ( 
bis sie sich diesen großen Absatz verschafft hat; die Stadt hat in jj
	        
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