Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

39 
In Universitätskreisen wurde hier öffentlich und an hervor 
ragendster Stelle der grundsätzliche Unterschied aufgestellt, daß der 
Universität die wissenschaftliche Forschung gebühre, den tech 
nischen Hochschulen aber die Rolle von aufblühenden Fachschulen 
zufalle. Ich halte mich für verpflichtet, auf diese Auffassung näher 
einzugehen; wenn sie zutrifft, so werde ich der erste sein, der die 
damit ausgesprochene Kritik unserer Hochschulen dankbar anerkennt, 
und ich werde das Wort dafür erheben, daß wir uns aus dieser 
Rolle emporarbeiten; trifft sie aber nicht zu, so muß sie richtiggestellt 
und abgewehrt werden. 
Der Begriff einer Fachschule ist nicht feststehend. Jedenfalls 
müßten sich ihre Kennzeichen bemerkbar machen: äußerlich durch das 
Ueberwiegen von Fachgegenständen zum Schaden der allgemein 
bildenden, innerlich durch die Art des Wissenschaftsbetriebes. 
Zunächst die Außenseite: da bieten Borlesungsverzeichnisse und 
Prüfungsgegenstände Anhaltspunkte für die Einschätzung. 
Danach wäre die am engsten begrenzte Fachschule die für 
Rechtsgelahrtheit an den Universitären. Sie umfaßt keine all 
gemein bildende Disziplin, pflegt nichts von marhematischer und 
naturwissenschafllicher Bildung,.sonder» umfaßt und verlangt nur 
Fachgegenftände. 
Aber auch die uns am nächsten stehende vielseitigere Fakultät 
für Heilkunde ist eine Fachschule strengster Art. Selbst die 
Naturwissenschaften sind auf das unmittelbar Fachliche gerichtet. 
Unter den Lehrgegenständen fehlt z. B. die Mechanik, ohne welche 
volles Verständnis von Naturvorgängen, auch der physiologischen, 
unmöglich ist; es fehlen graphische und analytische Mathematik, sowie 
jede Disziplin zur Uebung der Raumvorstelluung und im zeichnerischen 
Ausdruck hierfür, und überall herrscht die Beschränkung auf das be 
sondere Fach. Nicht das bloße Vorhandensein einer Vorlesung ent 
scheidet, sondern die Thatsache, ob und wie von ihr Gebrauch ge 
macht wird. Deshalb muß auch noch besonders erwähnt werden, 
daß die vielseitige philosophische Fakultät im wesentlichen nur eine 
Spezialfachschule für Lehrerausbildung ist, daß das Sonderstudium 
dort nach Fachrichtungen vollständig getrennt ist, daß die philologische 
Richtung mit der naturwissenschaftlichen oder mathematischen in keinem 
Zusammenhang steht. 
Die technischen Hochschulen können niemals solche Be 
schränkung auf die Fachwissenschaften anstreben; sie werden trotz der 
großen Schwierigkeit und Fülle der Fachwissenschaften immer eine 
weitgehende allgemeine Bildung zu vermitteln suchen. Noch sind 
unsere Wünsche in dieser Richtung nicht vollständig erfüllt, aber schon 
das Vorhandene hebt unsere Abteilungen weit über den Rahmen 
von Fachschulen hinaus. 
So legen wir besonderen Wert auf die Ausbildung aller unserer 
Studierenden in den grundlegenden Naturwissenschaften, insbesondere 
in Mechanik, Statik und Dynamik, sowie in höherer Mathematik und 
den verschiedenen Zweigen der Geometrie, also in allgemein bildenden 
Disziplinen, welche zu den höchststehenden Bildungsmitteln gehören, 
jedoch im Universitälsbereiche mit Ausnahme der Spezialfächer für 
die Lehrerausbildung gar keine Rolle spielen, somit der überwiegenden 
Mehrheit der an den Universitäten Gebildeten völlig fremd bleiben. 
Wir verlangen von allen Studierenden gründlichste Uebung im 
zeichnerischen Ausdruck für die Raumvorstellung und Beherrschung 
nicht nur der analytischen, sondern auch der graphischen Methoden, 
die für den gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb unentbehrlich sind und 
wahrscheinlich für das medizinische Studium ebenso große Bedeutung 
haben wie für uns. 
In der Abteilung für Maschineningenieurwesen z. B. sind im 
ersten Studienjahre 78°/« der Vorlesungen allgemein wissenschaft 
licher Natur, im zweiten Studienjahre noch 50°, o, und erst im dritten 
Jahre überwiegen die Fachvorlesungen mit 75°/„. In dieser Ab 
teilung pflegen wir insbesondere Physik, Mechanik, Wärmemcchanik 
und Elektromechanik in größter Vertiefung, außerdem Volkswirtschafts 
lehre, Volkswirtschaftspolitik, Finanzwiffenschaft, Hygiene und moderne 
Sprachen, und wir bedauern lebhaft, daß unsere Kräfte und Mittel 
in dieser Hinsicht so knapp bemessen sind, daß wir nicht ausgiebiger 
von den allgemeinen Bildungsmitteln Gebrauch machen können. 
Die äußeren Kennzeichen einer bloßen Fachschule sind daher 
auf unserer Seite nicht vorhanden. 
Untersuchen wir nun den Wissenschaftsbetrieb. 
In Universttätskreisen ist das Vorurteil weit verbreitet, wir 
fänden die Ergebnisse der Wissenschaft fertig vor und brauchten sie 
nur mühelos für eine mehr oder tveniger selbstverständliche Anwen 
dung zurechtzurichten. Allerdings finden wir viel wissenschaftliches 
Rüstzeug fertig vor; aber die allgemeine wissenschaftliche Erkenntnis 
versagt bei der erste» Berührung mit der vielgestaltigen Wirklichkeit, 
sodaß wir ungeheuere Lücken selbst ausfüllen müssen, indem wir selbst 
wissenschaftliche Forschung treiben Die überlieferte Einsicht genügt 
nicht, weil wir auch in verwickelten Fällen wissenschaftlich durchdringen 
müssen, wo uns keine Abstraktionen gestattet sind, sondern wo wir 
die Bedingungen so verwickelt hinnehmen müssen, wie sie gestellt 
sind. Deshalb müssen wir unsere Studierenden planmäßig zu wissen 
schaftlicher Forschung anleiten, denn nur auf dem Forschungswege 
sind Leistungen in unseren Fachwissenschaften möglich. 
Große Gebiete der Naturerkenntnis haben auf diesem Forschungs 
wege durch unsere Fachgenossen neuen Inhalt und neue Grundlagen 
erhalten: so die ganze Festigkeits- und Elastizitätslehre, die Hydraulik; 
andere Gebiete haben durch sie große wissenschaftliche Erweiterung 
erfahren, wie die Wärmemechanik, Elektromechanik, Statik und Dynamik. 
Auf unserem Boden sind wissenschaftliche Methoden ausgebildet 
worden, wovon u. a. wichtige Zweige der Geometrie und die gra 
phischen Methoden Zeugnis ablegen. 
Auf technischen Gebieten läßt sich nur das, was auf der Ober 
fläche liegt, mit den überlieferten wissenschaftlichen Hilfsmitteln ohne 
weiteres ermitteln und beherrschen; das ist aber längst abgebaut. 
Wer bei der jetzigen Entwicklung der Technik irgend Nennenswertes 
leisten will, muß in die Tiefe steigen, mit dem ganzen wissenschaft 
lichen Rüstzeug arbeiten, die Natur wissenschaftlich befragen und ihre 
Antworten richtig verstehen, muß die gewonnene wissenschaftliche 
Einsicht richtig anwenden, das heißt: in richtige Beziehung zur viel 
gestaltigen Wirklichkeit bringen; dann erst ist wissenschaftliche Be 
herrschung erreicht, die allein zum Können und veranwortlich richtigen 
Schaffen befähigt. Unsere Arbeit bedarf der strengen Wissenschaft 
lichkeit, und sie nruß immer verantwortlich geleistet werden, weil die 
Natur selbst sie unfehlbar richtet. 
Diese Notwendigkeit der wissenschaftlichen Forschungsarbeit für 
unsere ganze Thätigkeit hat dazu geführt, daß beispielsweise die 
Abteilung für Maschineningenieurwesen eine große Erweiterung ihrer 
Laboratorien erfahren hat. Sie muß, um in Materialienknnde, 
Maschinenlehre, Wärmemechanik und Elektromechanik überhaupt wissen 
schaftliches Verständnis zu ermöglichen, durch Laboratoriumsübungen 
richtige Beobachtung und Schlußfolgerung und wissenschaftliche 
Forschung lehren. 
Um die Bedeutung unserer wissenschaftlichen Thätigkeit gegen 
über der abstrakt wissenschaftlich arbeitenden Richtung zu kennzeichnen, 
mögen einige Thatsachen berührt werden. 
Seit mehr als zwei Jahrtausenden sind die Eigenschaften des 
Wasserdainpfes bekannt, seit zwei Jahrhunderten sind sie in der 
Hauptsache, seit einem Jahrhundert nach abstrakter Auffassung in 
allen Einzelheiten wissenschaftlich festgelegt; aber erst seit einigen 
Jahrzehnten verstehen wir sie in vollkommenen Dampfmaschinen 
richtig auszunutzen. Erreicht wurde dies durch eine gewaltige 
Jugenieurarbeit, welche neue wissenschaftliche Einsicht schaffen mußte 
und darauf fußend die vollkommene Anwendung zustande brachte. 
Aehnlich liegt cs auf dem ganzen Gebiete der Umsetzung der Energie. 
Ein Beispiel, das auch in Universitätskreisen gewürdigt werden 
durfte, ist die Nernst-Lampe. Wissenschaftlich lag alles klar, als 
Nernst an die Ausführung seiner Idee ging. Da aber begannen 
die Schwierigkeiten, und viele Mitarbeiter standen entmutigt von der 
Lösung der Aufgabe ab, bis sie endlich einer hervorragenden Mit 
arbeiterschaft gelang. Nernst selbst hat dies voll anerkannt und es 
hier in einem Vortrage vor Fachleuten ausgesprochni, er sei erstaunt 
gewesen, zu sehen, welche Geistesarbeit die Ausbildung der ursprüng 
lichen Idee erforderte. Welche Arbeit auf solchem Wege selbst nur 
bis zu einer brauchbaren Gestaltung liegt, kann nur der ermessen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.