Volltext : Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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In  Universitätskreisen  wurde  hier  öffentlich  und  an  hervorragendster ­
  Stelle  der  grundsätzliche  Unterschied  aufgestellt,  daß  der
Universität  die  wissenschaftliche  Forschung  gebühre,  den  technischen ­
  Hochschulen  aber  die  Rolle  von  aufblühenden  Fachschulen
zufalle.  Ich  halte  mich  für  verpflichtet,  auf  diese  Auffassung  näher
einzugehen;  wenn  sie  zutrifft,  so  werde  ich  der  erste  sein,  der  die
damit  ausgesprochene  Kritik  unserer  Hochschulen  dankbar  anerkennt,
und  ich  werde  das  Wort  dafür  erheben,  daß  wir  uns  aus  dieser
Rolle  emporarbeiten;  trifft  sie  aber  nicht  zu,  so  muß  sie  richtiggestellt
und  abgewehrt  werden.
Der  Begriff  einer  Fachschule  ist  nicht  feststehend.  Jedenfalls
müßten  sich  ihre  Kennzeichen  bemerkbar  machen:  äußerlich  durch  das
Ueberwiegen  von  Fachgegenständen  zum  Schaden  der  allgemein
bildenden,  innerlich  durch  die  Art  des  Wissenschaftsbetriebes.
Zunächst  die  Außenseite:  da  bieten  Borlesungsverzeichnisse  und
Prüfungsgegenstände  Anhaltspunkte  für  die  Einschätzung.
Danach  wäre  die  am  engsten  begrenzte  Fachschule  die  für
Rechtsgelahrtheit  an  den  Universitären.  Sie  umfaßt  keine  allgemein ­
  bildende  Disziplin,  pflegt  nichts  von  marhematischer  und
naturwissenschafllicher  Bildung,.sonder»  umfaßt  und  verlangt  nur
Fachgegenftände.
Aber  auch  die  uns  am  nächsten  stehende  vielseitigere  Fakultät
für  Heilkunde  ist  eine  Fachschule  strengster  Art.  Selbst  die
Naturwissenschaften  sind  auf  das  unmittelbar  Fachliche  gerichtet.
Unter  den  Lehrgegenständen  fehlt  z.  B.  die  Mechanik,  ohne  welche
volles  Verständnis  von  Naturvorgängen,  auch  der  physiologischen,
unmöglich  ist;  es  fehlen  graphische  und  analytische  Mathematik,  sowie
jede  Disziplin  zur  Uebung  der  Raumvorstelluung  und  im  zeichnerischen
Ausdruck  hierfür,  und  überall  herrscht  die  Beschränkung  auf  das  besondere ­
  Fach.  Nicht  das  bloße  Vorhandensein  einer  Vorlesung  entscheidet, ­
  sondern  die  Thatsache,  ob  und  wie  von  ihr  Gebrauch  gemacht ­
  wird.  Deshalb  muß  auch  noch  besonders  erwähnt  werden,
daß  die  vielseitige  philosophische  Fakultät  im  wesentlichen  nur  eine
Spezialfachschule  für  Lehrerausbildung  ist,  daß  das  Sonderstudium
dort  nach  Fachrichtungen  vollständig  getrennt  ist,  daß  die  philologische
Richtung  mit  der  naturwissenschaftlichen  oder  mathematischen  in  keinem
Zusammenhang  steht.
Die  technischen  Hochschulen  können  niemals  solche  Beschränkung ­
  auf  die  Fachwissenschaften  anstreben;  sie  werden  trotz  der
großen  Schwierigkeit  und  Fülle  der  Fachwissenschaften  immer  eine
weitgehende  allgemeine  Bildung  zu  vermitteln  suchen.  Noch  sind
unsere  Wünsche  in  dieser  Richtung  nicht  vollständig  erfüllt,  aber  schon
das  Vorhandene  hebt  unsere  Abteilungen  weit  über  den  Rahmen
von  Fachschulen  hinaus.
So  legen  wir  besonderen  Wert  auf  die  Ausbildung  aller  unserer
Studierenden  in  den  grundlegenden  Naturwissenschaften,  insbesondere
in  Mechanik,  Statik  und  Dynamik,  sowie  in  höherer  Mathematik  und
den  verschiedenen  Zweigen  der  Geometrie,  also  in  allgemein  bildenden
Disziplinen,  welche  zu  den  höchststehenden  Bildungsmitteln  gehören,
jedoch  im  Universitälsbereiche  mit  Ausnahme  der  Spezialfächer  für
die  Lehrerausbildung  gar  keine  Rolle  spielen,  somit  der  überwiegenden
Mehrheit  der  an  den  Universitäten  Gebildeten  völlig  fremd  bleiben.
Wir  verlangen  von  allen  Studierenden  gründlichste  Uebung  im
zeichnerischen  Ausdruck  für  die  Raumvorstellung  und  Beherrschung
nicht  nur  der  analytischen,  sondern  auch  der  graphischen  Methoden,
die  für  den  gegenwärtigen  Wissenschaftsbetrieb  unentbehrlich  sind  und
wahrscheinlich  für  das  medizinische  Studium  ebenso  große  Bedeutung
haben  wie  für  uns.
In  der  Abteilung  für  Maschineningenieurwesen  z.  B.  sind  im
ersten  Studienjahre  78°/«  der  Vorlesungen  allgemein  wissenschaftlicher ­
  Natur,  im  zweiten  Studienjahre  noch  50°,  o,  und  erst  im  dritten
Jahre  überwiegen  die  Fachvorlesungen  mit  75°/„.  In  dieser  Abteilung ­
  pflegen  wir  insbesondere  Physik,  Mechanik,  Wärmemcchanik
und  Elektromechanik  in  größter  Vertiefung,  außerdem  Volkswirtschaftslehre, ­
  Volkswirtschaftspolitik,  Finanzwiffenschaft,  Hygiene  und  moderne
Sprachen,  und  wir  bedauern  lebhaft,  daß  unsere  Kräfte  und  Mittel
in  dieser  Hinsicht  so  knapp  bemessen  sind,  daß  wir  nicht  ausgiebiger
von  den  allgemeinen  Bildungsmitteln  Gebrauch  machen  können.

Die  äußeren  Kennzeichen  einer  bloßen  Fachschule  sind  daher
auf  unserer  Seite  nicht  vorhanden.
Untersuchen  wir  nun  den  Wissenschaftsbetrieb.
In  Universttätskreisen  ist  das  Vorurteil  weit  verbreitet,  wir
fänden  die  Ergebnisse  der  Wissenschaft  fertig  vor  und  brauchten  sie
nur  mühelos  für  eine  mehr  oder  tveniger  selbstverständliche  Anwendung ­
  zurechtzurichten.  Allerdings  finden  wir  viel  wissenschaftliches
Rüstzeug  fertig  vor;  aber  die  allgemeine  wissenschaftliche  Erkenntnis
versagt  bei  der  erste»  Berührung  mit  der  vielgestaltigen  Wirklichkeit,
sodaß  wir  ungeheuere  Lücken  selbst  ausfüllen  müssen,  indem  wir  selbst
wissenschaftliche  Forschung  treiben  Die  überlieferte  Einsicht  genügt
nicht,  weil  wir  auch  in  verwickelten  Fällen  wissenschaftlich  durchdringen
müssen,  wo  uns  keine  Abstraktionen  gestattet  sind,  sondern  wo  wir
die  Bedingungen  so  verwickelt  hinnehmen  müssen,  wie  sie  gestellt
sind.  Deshalb  müssen  wir  unsere  Studierenden  planmäßig  zu  wissenschaftlicher ­
  Forschung  anleiten,  denn  nur  auf  dem  Forschungswege
sind  Leistungen  in  unseren  Fachwissenschaften  möglich.
Große  Gebiete  der  Naturerkenntnis  haben  auf  diesem  Forschungswege ­
  durch  unsere  Fachgenossen  neuen  Inhalt  und  neue  Grundlagen
erhalten:  so  die  ganze  Festigkeits-  und  Elastizitätslehre,  die  Hydraulik;
andere  Gebiete  haben  durch  sie  große  wissenschaftliche  Erweiterung
erfahren,  wie  die  Wärmemechanik,  Elektromechanik,  Statik  und  Dynamik.
Auf  unserem  Boden  sind  wissenschaftliche  Methoden  ausgebildet
worden,  wovon  u.  a.  wichtige  Zweige  der  Geometrie  und  die  graphischen ­
  Methoden  Zeugnis  ablegen.
Auf  technischen  Gebieten  läßt  sich  nur  das,  was  auf  der  Oberfläche ­
  liegt,  mit  den  überlieferten  wissenschaftlichen  Hilfsmitteln  ohne
weiteres  ermitteln  und  beherrschen;  das  ist  aber  längst  abgebaut.
Wer  bei  der  jetzigen  Entwicklung  der  Technik  irgend  Nennenswertes
leisten  will,  muß  in  die  Tiefe  steigen,  mit  dem  ganzen  wissenschaftlichen ­
  Rüstzeug  arbeiten,  die  Natur  wissenschaftlich  befragen  und  ihre
Antworten  richtig  verstehen,  muß  die  gewonnene  wissenschaftliche
Einsicht  richtig  anwenden,  das  heißt:  in  richtige  Beziehung  zur  vielgestaltigen ­
  Wirklichkeit  bringen;  dann  erst  ist  wissenschaftliche  Beherrschung ­
  erreicht,  die  allein  zum  Können  und  veranwortlich  richtigen
Schaffen  befähigt.  Unsere  Arbeit  bedarf  der  strengen  Wissenschaftlichkeit, ­
  und  sie  nruß  immer  verantwortlich  geleistet  werden,  weil  die
Natur  selbst  sie  unfehlbar  richtet.
Diese  Notwendigkeit  der  wissenschaftlichen  Forschungsarbeit  für
unsere  ganze  Thätigkeit  hat  dazu  geführt,  daß  beispielsweise  die
Abteilung  für  Maschineningenieurwesen  eine  große  Erweiterung  ihrer
Laboratorien  erfahren  hat.  Sie  muß,  um  in  Materialienknnde,
Maschinenlehre,  Wärmemechanik  und  Elektromechanik  überhaupt  wissenschaftliches ­
  Verständnis  zu  ermöglichen,  durch  Laboratoriumsübungen
richtige  Beobachtung  und  Schlußfolgerung  und  wissenschaftliche
Forschung  lehren.
Um  die  Bedeutung  unserer  wissenschaftlichen  Thätigkeit  gegenüber ­
  der  abstrakt  wissenschaftlich  arbeitenden  Richtung  zu  kennzeichnen,
mögen  einige  Thatsachen  berührt  werden.
Seit  mehr  als  zwei  Jahrtausenden  sind  die  Eigenschaften  des
Wasserdainpfes  bekannt,  seit  zwei  Jahrhunderten  sind  sie  in  der
Hauptsache,  seit  einem  Jahrhundert  nach  abstrakter  Auffassung  in
allen  Einzelheiten  wissenschaftlich  festgelegt;  aber  erst  seit  einigen
Jahrzehnten  verstehen  wir  sie  in  vollkommenen  Dampfmaschinen
richtig  auszunutzen.  Erreicht  wurde  dies  durch  eine  gewaltige
Jugenieurarbeit,  welche  neue  wissenschaftliche  Einsicht  schaffen  mußte
und  darauf  fußend  die  vollkommene  Anwendung  zustande  brachte.
Aehnlich  liegt  cs  auf  dem  ganzen  Gebiete  der  Umsetzung  der  Energie.
Ein  Beispiel,  das  auch  in  Universitätskreisen  gewürdigt  werden
durfte,  ist  die  Nernst-Lampe.  Wissenschaftlich  lag  alles  klar,  als
Nernst  an  die  Ausführung  seiner  Idee  ging.  Da  aber  begannen
die  Schwierigkeiten,  und  viele  Mitarbeiter  standen  entmutigt  von  der
Lösung  der  Aufgabe  ab,  bis  sie  endlich  einer  hervorragenden  Mitarbeiterschaft ­
  gelang.  Nernst  selbst  hat  dies  voll  anerkannt  und  es
hier  in  einem  Vortrage  vor  Fachleuten  ausgesprochni,  er  sei  erstaunt
gewesen,  zu  sehen,  welche  Geistesarbeit  die  Ausbildung  der  ursprünglichen ­
  Idee  erforderte.  Welche  Arbeit  auf  solchem  Wege  selbst  nur
bis  zu  einer  brauchbaren  Gestaltung  liegt,  kann  nur  der  ermessen
            
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