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In Universitätskreisen wurde hier öffentlich und an hervorragendster
Stelle der grundsätzliche Unterschied aufgestellt, daß der
Universität die wissenschaftliche Forschung gebühre, den technischen
Hochschulen aber die Rolle von aufblühenden Fachschulen
zufalle. Ich halte mich für verpflichtet, auf diese Auffassung näher
einzugehen; wenn sie zutrifft, so werde ich der erste sein, der die
damit ausgesprochene Kritik unserer Hochschulen dankbar anerkennt,
und ich werde das Wort dafür erheben, daß wir uns aus dieser
Rolle emporarbeiten; trifft sie aber nicht zu, so muß sie richtiggestellt
und abgewehrt werden.
Der Begriff einer Fachschule ist nicht feststehend. Jedenfalls
müßten sich ihre Kennzeichen bemerkbar machen: äußerlich durch das
Ueberwiegen von Fachgegenständen zum Schaden der allgemein
bildenden, innerlich durch die Art des Wissenschaftsbetriebes.
Zunächst die Außenseite: da bieten Borlesungsverzeichnisse und
Prüfungsgegenstände Anhaltspunkte für die Einschätzung.
Danach wäre die am engsten begrenzte Fachschule die für
Rechtsgelahrtheit an den Universitären. Sie umfaßt keine allgemein
bildende Disziplin, pflegt nichts von marhematischer und
naturwissenschafllicher Bildung,.sonder» umfaßt und verlangt nur
Fachgegenftände.
Aber auch die uns am nächsten stehende vielseitigere Fakultät
für Heilkunde ist eine Fachschule strengster Art. Selbst die
Naturwissenschaften sind auf das unmittelbar Fachliche gerichtet.
Unter den Lehrgegenständen fehlt z. B. die Mechanik, ohne welche
volles Verständnis von Naturvorgängen, auch der physiologischen,
unmöglich ist; es fehlen graphische und analytische Mathematik, sowie
jede Disziplin zur Uebung der Raumvorstelluung und im zeichnerischen
Ausdruck hierfür, und überall herrscht die Beschränkung auf das besondere
Fach. Nicht das bloße Vorhandensein einer Vorlesung entscheidet,
sondern die Thatsache, ob und wie von ihr Gebrauch gemacht
wird. Deshalb muß auch noch besonders erwähnt werden,
daß die vielseitige philosophische Fakultät im wesentlichen nur eine
Spezialfachschule für Lehrerausbildung ist, daß das Sonderstudium
dort nach Fachrichtungen vollständig getrennt ist, daß die philologische
Richtung mit der naturwissenschaftlichen oder mathematischen in keinem
Zusammenhang steht.
Die technischen Hochschulen können niemals solche Beschränkung
auf die Fachwissenschaften anstreben; sie werden trotz der
großen Schwierigkeit und Fülle der Fachwissenschaften immer eine
weitgehende allgemeine Bildung zu vermitteln suchen. Noch sind
unsere Wünsche in dieser Richtung nicht vollständig erfüllt, aber schon
das Vorhandene hebt unsere Abteilungen weit über den Rahmen
von Fachschulen hinaus.
So legen wir besonderen Wert auf die Ausbildung aller unserer
Studierenden in den grundlegenden Naturwissenschaften, insbesondere
in Mechanik, Statik und Dynamik, sowie in höherer Mathematik und
den verschiedenen Zweigen der Geometrie, also in allgemein bildenden
Disziplinen, welche zu den höchststehenden Bildungsmitteln gehören,
jedoch im Universitälsbereiche mit Ausnahme der Spezialfächer für
die Lehrerausbildung gar keine Rolle spielen, somit der überwiegenden
Mehrheit der an den Universitäten Gebildeten völlig fremd bleiben.
Wir verlangen von allen Studierenden gründlichste Uebung im
zeichnerischen Ausdruck für die Raumvorstellung und Beherrschung
nicht nur der analytischen, sondern auch der graphischen Methoden,
die für den gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb unentbehrlich sind und
wahrscheinlich für das medizinische Studium ebenso große Bedeutung
haben wie für uns.
In der Abteilung für Maschineningenieurwesen z. B. sind im
ersten Studienjahre 78°/« der Vorlesungen allgemein wissenschaftlicher
Natur, im zweiten Studienjahre noch 50°, o, und erst im dritten
Jahre überwiegen die Fachvorlesungen mit 75°/„. In dieser Abteilung
pflegen wir insbesondere Physik, Mechanik, Wärmemcchanik
und Elektromechanik in größter Vertiefung, außerdem Volkswirtschaftslehre,
Volkswirtschaftspolitik, Finanzwiffenschaft, Hygiene und moderne
Sprachen, und wir bedauern lebhaft, daß unsere Kräfte und Mittel
in dieser Hinsicht so knapp bemessen sind, daß wir nicht ausgiebiger
von den allgemeinen Bildungsmitteln Gebrauch machen können.
Die äußeren Kennzeichen einer bloßen Fachschule sind daher
auf unserer Seite nicht vorhanden.
Untersuchen wir nun den Wissenschaftsbetrieb.
In Universttätskreisen ist das Vorurteil weit verbreitet, wir
fänden die Ergebnisse der Wissenschaft fertig vor und brauchten sie
nur mühelos für eine mehr oder tveniger selbstverständliche Anwendung
zurechtzurichten. Allerdings finden wir viel wissenschaftliches
Rüstzeug fertig vor; aber die allgemeine wissenschaftliche Erkenntnis
versagt bei der erste» Berührung mit der vielgestaltigen Wirklichkeit,
sodaß wir ungeheuere Lücken selbst ausfüllen müssen, indem wir selbst
wissenschaftliche Forschung treiben Die überlieferte Einsicht genügt
nicht, weil wir auch in verwickelten Fällen wissenschaftlich durchdringen
müssen, wo uns keine Abstraktionen gestattet sind, sondern wo wir
die Bedingungen so verwickelt hinnehmen müssen, wie sie gestellt
sind. Deshalb müssen wir unsere Studierenden planmäßig zu wissenschaftlicher
Forschung anleiten, denn nur auf dem Forschungswege
sind Leistungen in unseren Fachwissenschaften möglich.
Große Gebiete der Naturerkenntnis haben auf diesem Forschungswege
durch unsere Fachgenossen neuen Inhalt und neue Grundlagen
erhalten: so die ganze Festigkeits- und Elastizitätslehre, die Hydraulik;
andere Gebiete haben durch sie große wissenschaftliche Erweiterung
erfahren, wie die Wärmemechanik, Elektromechanik, Statik und Dynamik.
Auf unserem Boden sind wissenschaftliche Methoden ausgebildet
worden, wovon u. a. wichtige Zweige der Geometrie und die graphischen
Methoden Zeugnis ablegen.
Auf technischen Gebieten läßt sich nur das, was auf der Oberfläche
liegt, mit den überlieferten wissenschaftlichen Hilfsmitteln ohne
weiteres ermitteln und beherrschen; das ist aber längst abgebaut.
Wer bei der jetzigen Entwicklung der Technik irgend Nennenswertes
leisten will, muß in die Tiefe steigen, mit dem ganzen wissenschaftlichen
Rüstzeug arbeiten, die Natur wissenschaftlich befragen und ihre
Antworten richtig verstehen, muß die gewonnene wissenschaftliche
Einsicht richtig anwenden, das heißt: in richtige Beziehung zur vielgestaltigen
Wirklichkeit bringen; dann erst ist wissenschaftliche Beherrschung
erreicht, die allein zum Können und veranwortlich richtigen
Schaffen befähigt. Unsere Arbeit bedarf der strengen Wissenschaftlichkeit,
und sie nruß immer verantwortlich geleistet werden, weil die
Natur selbst sie unfehlbar richtet.
Diese Notwendigkeit der wissenschaftlichen Forschungsarbeit für
unsere ganze Thätigkeit hat dazu geführt, daß beispielsweise die
Abteilung für Maschineningenieurwesen eine große Erweiterung ihrer
Laboratorien erfahren hat. Sie muß, um in Materialienknnde,
Maschinenlehre, Wärmemechanik und Elektromechanik überhaupt wissenschaftliches
Verständnis zu ermöglichen, durch Laboratoriumsübungen
richtige Beobachtung und Schlußfolgerung und wissenschaftliche
Forschung lehren.
Um die Bedeutung unserer wissenschaftlichen Thätigkeit gegenüber
der abstrakt wissenschaftlich arbeitenden Richtung zu kennzeichnen,
mögen einige Thatsachen berührt werden.
Seit mehr als zwei Jahrtausenden sind die Eigenschaften des
Wasserdainpfes bekannt, seit zwei Jahrhunderten sind sie in der
Hauptsache, seit einem Jahrhundert nach abstrakter Auffassung in
allen Einzelheiten wissenschaftlich festgelegt; aber erst seit einigen
Jahrzehnten verstehen wir sie in vollkommenen Dampfmaschinen
richtig auszunutzen. Erreicht wurde dies durch eine gewaltige
Jugenieurarbeit, welche neue wissenschaftliche Einsicht schaffen mußte
und darauf fußend die vollkommene Anwendung zustande brachte.
Aehnlich liegt cs auf dem ganzen Gebiete der Umsetzung der Energie.
Ein Beispiel, das auch in Universitätskreisen gewürdigt werden
durfte, ist die Nernst-Lampe. Wissenschaftlich lag alles klar, als
Nernst an die Ausführung seiner Idee ging. Da aber begannen
die Schwierigkeiten, und viele Mitarbeiter standen entmutigt von der
Lösung der Aufgabe ab, bis sie endlich einer hervorragenden Mitarbeiterschaft
gelang. Nernst selbst hat dies voll anerkannt und es
hier in einem Vortrage vor Fachleuten ausgesprochni, er sei erstaunt
gewesen, zu sehen, welche Geistesarbeit die Ausbildung der ursprünglichen
Idee erforderte. Welche Arbeit auf solchem Wege selbst nur
bis zu einer brauchbaren Gestaltung liegt, kann nur der ermessen