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Es mag in den 2 letzten Jahrzehnten des 13. Jahrnnderts 
gewesen sein, als man am Chor nnd den Osttürmen begann, ans 
die bestehenden Banteile des Uebergangsstils in den nun zum Durch- 
Abbildung 4. Chor der Marienkirche. 
brach gekommenen entwickelteren nnd zierlicheren frühgotischen Ban 
formen weiter zn banen. Gleichzeitig wnrde die gegen Süden ge 
legene Sakristei nnd das dreischiffige Langhans in Angriff genommen. 
(Abb. 3 und 4). Es mnß dies eine Zeit hastigen Schaffens gewesen 
sein, in welcher man kaum erwarten konnte, den großartig erdachten 
Bangedanken durchgeführt zn sehen, was sich aus der flüchtigen Be- 
handlungsweise der Fundamente und des Füllmauerwerks ver 
muten läßt. 
Im ganzen Aufbau zeigt sich jedoch schon die volle Konstrnktions- 
kraft der Gotik und kecke Strebebogen ragen über den Seitenschiff- 
dächern zwischen den mit reichen Baldachinen belasteten Strebepfeilern 
und den mit zierlichen Doppelfenstern durchbrochenen Hochwerkwänden 
empor. (Abb. 3.) 
Einen gleich großartigen Anblick, wie ihn nur die edelsten Bau 
denkmale darbieten, gewährt uns auch das domartig wirkende Innere 
der Kirche mit seinen herrlichen Wandarkaden, seinen fein gegliederten 
Fenstern, den zierlichen Bündelpfeilern, aus denen sich palmbaum- 
artig die Gewölbe entfalten und über die schön proportionierten licht 
erfüllten 3 Schiffräume ausbreiten. 
Vergleichen wir diese majestätische Wirkung mit der großartig 
komponierten Westfassade (Abb. 2), so werden wir abermals an das 
gewaltige Vorbild von Straßburg erinnert und zwar in einer Weise, 
daß der hervorragende Kenner der Kunstgeschichte, Oberstndienrat 
Dr. Paulus, die Ahnung ausgesprochen hat, es möchte wohl von der 
nahen und befreundeten Reichsstadt Straßburg ein Hauch von Erwin 
von Steinbachs Geist über den Schwarzwald herübergeweht sein, ja 
daß die herrliche Schauseite der Marienkirche von diesem größten 
deutschen Architekten des Mittelalters selbst entworfen, nicht eine 
Nachbildung seiner Werke sei. 
Etwa ein halbes Jahrhundert später wurde die nördliche Sakristei 
angebaut, während die Strebepfeilerendigungen an den Seitenschiffen 
mit ihren Apostelfignren um das Jahr 1500 entstanden sind. 
Wenn wir nun in vorstehenden Hauptzügen auf die Bedeutung 
unserer Marienkirche hingewiesen haben, an welcher seinerzeit wohl 
die edelsten und besten Kräfte der damals ans ihrer höchsten Stufe 
stehenden gotischen Kunstübung mitwirkten und wenn wir in nach 
stehenden Schilderungen bezüglich des erst durch die Wiederherstellungs 
arbeiten entdeckten sehr schlechten Zustandes des Bauwerks die ins 
Auge gefaßten Verbesserungen anfügen, so beabsichtigen wir darin 
eine Begründung für die in Betreff unserer Marienkirche der heutigen 
Generation zugefallenen verantwortungsvollen und schwierigen Auf 
gabe zu geben. 
Ganz abgesehen von den 600 Jahren, welche an unserer Kirche 
nicht spurlos vorübergegangen, war es namentlich der große Brand 
in den Tagen des 23.—25. September 1726, welcher den größten 
Teil der Stadt in Asche legte und auch unserem Gotteshaus um so 
schwerere Beschädigungen zufügte, als die Kirche zuerst zur Bergung 
der ans den bedrohten Gebäuden geflüchteten Gegenstände diente, 
und dadurch der im Gebäude selbst durch Flugfener hervorgerufene 
Brand reichliche Nahrung erhielt. 
Abbildung 5. Unterteil einer alten Säulenummamelung. 
Wurden auch diese Beschädigungen nachher soweit möglich wieder 
beseitigt, so reichten die damals der schwer heimgesuchten Stadt zu 
Gebote stehenden Mittel doch nicht aus, um das Gebäude in seinem 
alten Schmuck wiederherzustellen; man mußte sich vielmehr darauf 
beschränken, dasselbe vor dem Verfall zu gewähren, und diejenigen
        

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