Volltext: Die Farbige Stadt (Jhg. 6, 1931-32)

Bei frischem Gipsputz ist dagegen bei mäßigen 
Temperaturen eine solche Rücksichtnahme nicht 
notwendig. Es darf aber mit der Austrocknung 
nicht vor dem dritten Tage begonnen werden. Dem 
Verfasser ist jedoch bekannt, daß durch gewaltsame 
Austrocknung ganz frischer Gipsputze Schäden an 
Decken vorgekommen sind. Diese Gefahr wird 
noch größer, wenn der Unterputz aus Kalk- 
und der Glättputz aus Gipsmörtel besteht. Dadurch 
entstehen ungleiche Spannungen im Verputz. 
Die Schäden bei Verputzarbeiten lassen sich 
vielfach auf die Baufeuchtigkeit zurückführen. Ganz 
besonders ist das bei Gipsputz der Fall. Während 
dem Kalk-, Zement- und Edelputz die Anfangs- 
jeuchtigkeit eines Baues nur zuträglich, geradezu 
notwendig ist, schadet dieselbe dem Gipsputz ganz 
erheblich. Durch die lange Baufeuchtigkeit werden 
die Salze im Mauerwerk, Beton, Mörtel und Ver- 
putz gelöst, diese dringen an die Oberfläche und zer- 
stören den Anstrich, Die Malermeister kennen dies 
zur Genüge. Ein besonderes Kapitel bildet die 
Schwammgefahr bei Fachwerksbauten, welche eben- 
falls auf die Baufeuchtigkeit zurückzuführen ist. Auf 
I cbm Mauerwerk kommen ca. 220 Ltr. Wasser, 
dazu kommen die Niederschläge von etwa 150 Re- 
gentagen im Jahr, deren Feuchtigkeit bei unfertiger 
Dachbedeckung in die Betondecken und Umfassungs- 
wände eindringen. Auf all diese Fehler wird nicht 
geachtet, die Trockenfrist gekürzt, der Bau ver- 
putzt und so rasch wie möglich seiner Bestimmung 
übergeben. Der Putzermeister wird dann als Sün- 
denbock herangezogen, sind doch dem Verfasser 
Fälle bekannt, in welchen dem —Putzmeister 
mehrere Monatsmieten vom ganzen Bau infolge zu 
langsamen Austrocknens des Verputzes abgezogen 
wurden. 
Rasches Bauen ist heute das Gebot der Stunde. 
Zum Schluß kommt noch die Heißluftmaschine, um 
den ganzen Bau in wenigen Tagen auszutrocknen. 
Tag und Nacht werden heiße Luftmassen in den 
Neubau hineingepreßt, die Baufeuchtigkeit mit Ge- 
walt hinausgetrieben. Zu einer rationellen Bauweise 
gehört auch eine künstliche Bauaustrocknung. Durch 
die starke Hitzeentwicklung schrumpfen aber die 
frischen Balken und Latten zusammen, es entsteht 
eine Bewegung und der Deckenputz zeigt klaffende 
Risse, Daß Kalk-, Zement- und Edelputz langsamer, 
mit geringerer Hitzeentwicklung auszutrocknen ist 
als Ginsputz muß mehr als bisher beachtet werden. 
Grundsätzlich sollte deshalb zuerst der Rohbau 
und dann erst der Verputz künstlich getrocknet wer- 
den. Erfolgt die Bauaustrocknung erst nach dem 
Verputzen, so wird nur die Oberfläche des Ver- 
putzes getrocknet, die in der Mauer steckende 
Feuchtigkeit dringt später wieder durch den Ver- 
putz an die Oberfläche und verursacht Flecken- 
bildung im farbigen Anstrich. 
Daß zur Erhärtung des Kalkmörtels die Kohlen- 
säure der Luft notwendig ist, wurde bereits ange- 
‘ührt. Wird aber dem Mörtel die Feuchtigkeit ent- 
zogen, Ohne daß man gleichzeitig Kohlensäure zu- 
'ührt, dann wird die Festigkeit wesentlich herabge- 
mindert. Es genügt‘ nicht, daß man Mauerwerk 
und Verputz nur strahlender Wärme aussetzt. Die 
Luft muß kohlensäurereich sein, um den Kalkmörtel 
n kohlensauren Kalk umzuwandeln, 
Ferner ist die nachteilige Einwirkung großer 
ATitze auf eine eng begrenzte Putzfläche bekannt. 
Die Temperaturen dürfen nicht nach Belieben ge- 
steigert werden, sondern richten sich nach der Art 
les Baues und der fertiggestellten Arbeiten. Deshalb 
nuß die Temperatur regulierbar sein, die erhitzten 
„uftmassen müssen bewegt werden und zirkulieren 
<önnen. 
Von der früher üblichen Austrocknung mittels 
Kokskörben ist man abgekommen, die Regulierbar- 
ceit der Hitze war so gut wie unmöglich, ferner 
ıatten die Kokskörbe den Nachteil, daß sie immer 
vieder an eine andere Stelle des Raumes gestellt 
verden mußten. Man konstruierte dann Heizöfen 
nit Hauben, die ausströmenden Gase wurden aufge- 
angen und in den Schornstein oder durch das Fenster 
ıbgeleitet. Leider gelang es auch mit diesem System 
licht, die gesundheitlichen Gefahren ganz zu be- 
zeitigen, Die Bauaustrocknung durch die Zentral- 
1eizung hat sich nicht bewährt. In neuerer Zeit hat 
sich ein Berufszweig entwickelt, der ganz auf Bau- 
sustrocknung eingestellt, selbst im Hochsommer be- 
schäftigt ist. Bei dem bekannten DE OB - Bauaus- 
rockner handelt es sich um ein kombiniertes Ver- 
'ahren zwischen künstlicher Heißluft-Zirkulation und 
1atürlicher Trocknung. Die feuchte Luft wird von 
lem Apparat aufgesogen und mit Abgasen ins Freie 
der in den Kamin geleitet, ferner wird dauernd 
rische Luft zugeführt. Eine Bauaustrocknung groß- 
‚ügiger Art ist das Druckumluft-Trockenheizverfah- 
‚en System „Deuba“. Die Aufstellung und Bedienung 
les Apparates im Innern des Neubaues kommt dabei 
n Wegfall. Der ganze Bau ist nach Außen ver- 
schlossen, sodaß keine Wärme entweichen kann. 
Jer Aufenthalt von Handwerkern ist während der 
Heizung nicht möglich. Das freiwerdende Wasser 
wird in Form von Wasserdampf durch das Mauer- 
verk ins Freie gedrückt. Gut ist es, wenn die 
Fassade noch nicht verputzt ist. Daß ein Austreiben 
ler Feuchtigkeit durch die farbige Fassade oder den 
'arbigen Anstrich des Verputzes nicht ohne nach- 
‚eilige Folgen und Fleckenbildung vor sich geht, ist 
»ekannt. Denn es werden die Salze aufgelöst und an 
lie Oberfläche der Fassade getrieben, wo sie als 
veißer Anflug in Erscheinung treten. Wurde ein 
vasserdichter Mörtel zum Fassadenputz verwendet 
>der die Wetterseite mit Bitumen oder Falzbau- 
jappe isoliert, so staut sich die Feuchtigkeit und 
zieht sich in das Mauerwerk zurück, 
Der Föhn-Gebläse-Bauaustrockner hat die gute 
Zigenschaft, daß dauernd frische kohlensäurereiche 
„uft durch den Ofen hindurchgeführt und dort auf 
10 Grad erwärmt wird. Die Neuerung besteht darin, 
laß diese heiße Luft in eine Anzahl elektrisch be- 
riebener Gebläse strömt und einen Föhnwind er- 
zeugt. 
Die künstliche Bauaustrocknung ist, wenn nicht 
yewaltsam, sondern sachgemäß durchgeführt, für 
die rationelle Bauwirtschaft von großer Bedeutung. 
Die Bauzeit wird verkürzt, die schädliche Einwir- 
kung langer Baufeuchtigkeit auf Putz und Anstrich 
zeseitigt, die Stockung der inneren Ausbauarbeiten 
vermindert, gesunde und trockene Wohnräume wer- 
len geschaffen.
	        
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