Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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gefaßte Angelegenheit handle und daß in solchen Fragen jeder das 
Wort zu ergreifen berechtigt sei, der mit der nötigen Lokalkenntnis 
ausgerüstet, offenen Auges aufzunehmen versteht, was ihm entgegentritt 
und daraus mit dem einfachen Hilfsmittel des gesunden Menschen 
verstandes seine Schlüsse ziehe, zeigt in ihrer Unklarheit und Ver 
schwommenheit sofort, wie wenig glücklich der juristisch gebildete 
Stadtvorstand mit den Mitteln zur Begründung einer neuen Bau- 
volitik in der schönen schwäbischen Residenz bis jetzt gewesen ist. 
Dieser Eindruck, der sich schon in der Einleitung aufdrängt, steigert 
sich immer mehr, je weiter man sich in die einzelnen Abschnitte der 
Denkschrift vertieft. Verwundert fragt man, wie allgemein gültige, 
den Naturgesetzen sich anschließende Regeln, welche bei der Entwick 
lung des deutschen Städtebaues sich allmählich herausgebildet haben, 
hier ohne jede thatsächliche Begründung, auf unrichtigen Annahmen 
und falscher Anwendung von Zahlenreihen fußend, ohne weiteres 
beiseite geschoben werden sollen. Die Ansicht, welche Vr. Rettich 
bier mit den Waffen der Statistik verteidigt, stellt unseren klaren 
Anschauungen über die Wege, in welche die Entwicklung einer mo 
dernen Stadt zu leiten ist, unnatürlich und sremd gegenüber. 
Während seither die sogenannte geschlossene Bauweise, d. h. die 
ununterbrochene Aneinanderreihung hoher Gebäude in den neuen 
Stadtteilen möglichst zu beschränken gesucht worden ist; während in 
den großen Städten Deutschlands fich überall das Bestreben zeigt, 
eine weiträumige Bebauung durchzuführen und selbst in den alten 
Stadtteilen, wo sich ungeheure Grundwerte gebildet haben und nur 
mit großen Opfern die Aufhebung solcher erzielt werden kann, durch 
Freilegung größerer Flächen die noch kostbareren, weil unentbehrlichen 
Güter: Licht und Luft, verbreitet werden, macht sw. Rettich den 
Vorschlag, auch in den Anßenteilen der Stadt die geschlossene Bau- 
iveffe durchzuführen, um durch möglichste Ausnützung des Bangrundes 
der Stadtgemeinde die großen Werte zu erhalten, welche infolge der 
Eigenschaft als Bauplatz gegenüber den nur landwirtschaftlich zu be 
nutzenden Grundstücken darauf ruhen und mit einem Gut nicht ver 
schwenderisch umzugehen, das die Stadt zur Erfüllung der vielen 
ihr obliegenden Aufgaben notwendig brauche. Alle Errungenschaften 
jahrzehntelangen Strebens, die Herstellung größerer Zwischenräume 
in den Straßenreihen, die Beschränkung der Gebäudehöhe in bestimmten 
Stadtteilen, die Ausstellung von Bauverboten an solchen Plätzen, 
welche im öffentlichen Interesse von der Bebauung frei gehalten 
werden sollten, die ganze Zonen-Banordnnng wird als etwas lleber- 
stüssiges, ja Schädliches hingestellt und dem städtischen Techniker der 
Vorwurf gemacht, daß die Durchführung seines Planes einerseits mit 
ungeheurer Belastung der Stadtgemeind" verbunden sei und daß 
andererseits hygienisch gerade das Gegenteil der beabsichtigten Ge 
winnung gesunder Wohnquartiere erreicht werde, nämlich die Zu- 
sammenpferchung größerer Menschemnassen in einzelnen Gebäuden, 
weil durch die Bestimmungen für den neuen Stadtbezirk das Bauen 
unverhältnismäßig verteuert und damit erschwert werde, und nicht 
genügend billige Wohnungen erstellt werden können. Ein Hauptsatz, 
auf den sich diese Anschauung stützt, ist der, daß die Arbeiter, welche 
in den Industriezweigen einer Stadt thätig sind, unbedingt auch im 
Bezirk der Stadt selbst, womöglich in unmittelbarer Nähe ihres Be 
triebes wohnen müßten und daß die Städte ihre Kultur, die ihnen 
so viele Lasten auflädt, möglichst lange für sich behalten und sorg 
fältig eine Ausdehnung auf das umliegende Land hintanhalten sollen. 
Betrachtet man kurz die normale Entwicklung einer größeren 
Stadt, so fällt sofort die Ungereimtheit und Kleinlichkeit dieser An 
schauungen ins Auge. 
War seither eine Stadt nicht von Anfang an weit gebaut, wie 
die Städtegründungen im 18, Jahrhundert, so hat sich gewöhnlich 
um einen aus dem Mittelalter stammenden enggebauten Kern, der 
früher mit Mauern und Türmen umgeben war, die neue Stadt in 
weiterer Bauart im allgemeinen ringförmig, aber durch die verschieden 
artigen Bodenverhästnisse beeinflußt, angeschlossen. In der alten 
Stadt waren noch Wohnung und Geschäft vereinigt; mit der Ver 
größerung tritt allmählich eine Trennung ein. Die inneren Bezirke 
werden immer mehr für den steigenden Geschäftsverkehr ausgenutzt. 
Die Wohnungen werden hinausgedrängt in die äußeren Stadtteile. 
Nicht nur der Preis der Wohnungen, welche in den Geschäftslagen 
immer teurer werden, veranlaßt die Arbeiter hinauszuziehen, auch der 
Kaufmann, der Techniker, der Beamte suchen sich draußen anzusiedeln, 
und wenn es nnr wegen des sich steigernden Verkehres, des immer 
währenden Lärmes und der Verschlechterung der Luft wäre, welche 
die Häufung der verschiedenen Geschäftszweige im Innern der Stadt 
hervorrufen. Mit der Trennung von Wohnung und Geschärt drängt 
sich die Arbeitszeit mehr zusammen, die Arbeit wird intensiver, der 
Arbeiter und der Beamte der Städte haben allen Anlaß, den starken 
Verbrauch der Kräfte durch kräftige Nahrung, aber auch durch mög 
lichst günstige Gestaltung ihrer Wohnung, durch den Genuß von Luft 
und Licht, durch Anschluß an die Natur auszugleichen. Diese Lebens 
bedingungen kommen ihnen aber nur in größerer Entfernung vom 
Geschäftsbetrieb und nicht in enggebamen Stadtteilen mit hohen 
Häusern, sondern nur in weiträumig angelegten Straßen, in mit 
Gärten abwechselnden, nicht kasernenartig angelegten Gebäuden zu 
gute. Unbedingte Pflicht der Stadtverwaltung ist es daher, bei 
steigender Industrie-, Handels- und Geschäftsthätigkeit einer Stadt, 
immer weitere Kreise für die Befriedigung des Wohnbedürsnisses 
zu ziehen, durch gleichmäßige Ausbildung und Verbesserung der 
Verkehrsmittel für möglichst rasche und billige Beförderung der Arbeits 
kräfte vom Mittelpunkt nach den Anßenteilen und zurück zu sorgen 
und sorgfältig darüber zu wachen, daß die Wohnungen draußen allen 
Anforderungen an gesunde Verhältnisse entsprechen. 
Dies kann aber nur durch allmähliche Vergrößerung der Zwischen 
räume zwischen den Häusern, gewöhnlich bis zur Höhe der Gebäude 
selbst, und entsprechende Beschränkung der Stockwerkzahl geschehen. 
Hierdurch wird aber ganz entgegen der Rettich'schen Ansicht, daß 
dieses Verfahren das Wohnen verteure, außer dem gesunden Wohnen 
noch der Vorteil erreicht, daß die Bauplätze nicht als Spekulations 
objekt benutzt werden können und dadurch im Preise möglichst niedrig 
gehalten werden und ferner, daß die Erstellung niedriger Gebäude 
in größerer Entfernung von einander eine viel billigere Bauweise 
gestattet, somit im Gegenteil billigeres Wohnen bewirkt. Unrichtig 
ist auch die Rettich'sche Ansicht, daß die Stadtgemeinde sich durch 
eine solche weiträumige Ausdehnung unerschwingliche Lasten auflade, 
da die Kosten für alle städtischen Erfordernisse in dem weitgedehnten 
Gebiete der Neustädte ebenso groß seien wie für den enggebauten 
Stadtkern. In den neuen weitgebauten Stadtteilen werden im Ver 
hältnis zu der wenigerdichten Bevölkerung auch geringere Anforderungen 
an alle öffentliche Einrichtungen gestellt Die Straßen können mit 
Vorgärten versehen und in den für den Verkehr benutzten Teilen 
schmäler gehalten werden; auch das Befestigungsmaterial ist bei weitem 
nicht so teuer wie in der Geschäftsstadl und in den enggebauten 
Wohnbezirken; in ähnlichen! Maße verringern sich die Kosten für 
Kanalisation. Reinigung, Unterhaltung, kurz in allen städtischen 
Arbeiten. Die Stadtgemeinde hat es vollständig in der Hand, hier 
die Verhältnisse richtig abzuwägen und ihre Ausgaben dem allmäh 
lichen Wachstum auf allen Gebieten anzupassen. 
Auch bei weiträumiger Bebauung muß selbstverständlich, soweit 
möglich, einer Ueberfüllung der Wohnungen im einzelnen vorgebeugt 
werden. Sie wird fich nicht immer ganz vermeiden lassen, aber 
jedenfalls ist sie bei offener Banweise weit unschädlicher als bei ge 
schlossener Anordnung der Gebäude; denn im ersteren Fall ist aner 
kanntermaßen die Lüftung eine weit bessere. Hier kommen wir an 
einen besonders wunden Punkt der Rettich'schen Ausführungen, seine 
Theorie über die Lüftung. Er erklärt nämlich die sogenannte wag 
rechte Lüftung durch die Zwischenräume der Häuser nicht"für zweck 
entsprechend und als staubaufwirbelnd, eher für schädlich in gesund 
heitlicher Beziehung, während er sich alles von der sog. senkrechten 
Lüftung verspricht, die auch in enggebauten'Stadtteilen mit hohen 
Häusern vollständig wirksam sei, weil die unmittelbar über und in 
den Straßen befindliche warme Luftschicht in die Höhe steige und 
dadurch, ohne schädliche Zugerscheinung durch die herabsinkende kältere 
Luft, eine vollständig genügende Lufterneuernng herbeigeführt werde. 
Daß dies nur eine Täuschung ist und daß der Vorgang sich in 
Wirklichkeit ganz anders abspielt, weiß jeder Stadtbewohner. Auch 
physikalisch ist dies sehr leicht begreiflich, da Or. Rettich die größte
	        

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