Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Jahr zur Ausführung gelangen soll, dazu dienen, die zu rasche Ent 
weichung der warmen Luft aus dem Schiff der Kirche zu verhüten. 
Der Umbau des hölzernen Glockenstuhls nebst Unterstützungs 
gerüst und Böden in einen eisernen ist von Herrn Münsterbaumeister 
Beyer schon seit langer Zeit erwogen worden, die verwitterten und 
vielfach wackelig gewordenen Hölzer machten keinen guten Eindruck, 
eine gründliche Renovierung war nicht mehr lange hinauszuschieben 
und es erschien der Umbau in Eisen als das Einfachste. Im Frühjahr 
dieses Jahres wurde mit der Aufstellung der Pläne begonnen und 
es ergaben sich hiebei gleich von Anfang an erhebliche Schwierigkeiten. 
ES war zuerst von Herrn Beyer beabsichtigt, den neuen Glockenstuhl 
in zwei Teilen auszuführen, so daß während des Umbaus das Ge 
läute aus dem Turm nicht unterbrochen zu werden brauchte. Es 
zeigte sich aber bald die Unmöglichkeit der halbseitigen Ausführung 
der Böden und so entschloß man sich zur Ausführung auf einmal, 
wobei das Geläute einfach auf eine Glocke beschränkt wird, die 
provisorisch auf einem Teil des früheren Glockenstuhls im Münster 
hofe aufgehängt ist. Schwierig erschien auch die Befestigung der 
Hauptträger des Unterbodens auf der Ostseite der Umfassungs 
mauer des Turmes, weil sie mit den Verstärkungen in Kollision 
gekommen wäre, welche hier aus Veranlassung des Turmaufbaues 
vorgenommen worden waren. Man entschloß sich deshalb, den Glocken 
stuhl um 90°/o zu drehen, so daß jetzt die Glocken Süd-Nord, 
statt seither Ost-West schwingen. Eine schädliche Einwirkung auf 
die Turmmauern erscheint bei der Massigkeit derselben ausgeschlossen. 
Die Eisenkonstruktion besteht der Hauptsache nach aus 
4 Böcken, welche auf dem unteren Boden ihr festes Auflager haben 
und welche gegen Horizontalkräfte unverschieblich sind, aus dem 
oberen Boden, welcher ringsum vom Mauerwerk absteht, und aus 
dem Glockenstuhl mit 4 Tragwänden wie seither. Die Konstruktion 
ist deshalb ganz im System der seitherigen Holzkonstruktion gehalten, 
die sich gut bewährt hat, es ist nur der Oberbau noch freier vom 
Mauerwerk gehalten, als seither. 
Der die Gerüste tragende Unterboden besteht aus 4 Haupt 
trägern, welche als Kastenträger ausgebildet sind, um die Stützen 
der Böcke leicht befestigen zu können. Die Träger werden in 3 Stücken 
ausgeführt mit Rücksicht auf bett Vertikaltransport durch den Turm. 
Auf den Hauptträgern liegen ^Eisen in Abständen von 0,84 m; 
der Zwischenraum ist durch Betonbögen ausgefüllt. Als Ab 
deckung dienen Plättchen, das Seitengcfälle beträgt 4"/» und ist da 
durch erreicht, daß die Hauptträger in der Mitte 1 m, an dem Ende 
0,76 m hoch sind. Die Höhe des Unterbodens am tiefsten Punkt 
beträgt 44,30 m über dem Kirchenboden. 
Für den unteren Boden ist eine zufällige Last von 500 kg 
pro qm angenommen, auch ist eine Belastung des Bodens an be 
liebiger Stelle durch die schwerste Glocke von 5000 kg in Betracht 
gezogen. Bei der großen Lichtweite des Turmes von 13,6 m er 
gaben sich hiedurch sehr kräftige Dimensionen der Hauptträger. Diese 
Dimensionen zu vermindern, schien nicht angängig, weil doch bei 
etwaigen Reparaturen im Turm oder in der Kirche eine Benutzung 
dieses Bodens als Werkraum nicht ausgeschlossen ist und 500 kg 
pro qm nur dem Gewicht einer Backsteinschichte von ca. 20 cm Höhe 
entsprechen. 
Die Gerüstböcke haben das Gewicht des Oberbaues und der 
Glocken und den Horizontalschub der schwingenden Glocken auf die 
Hauptträger des Unterbodens zu übertragen. Die Hauptträger des 
letzteren werden dadurch wenig in Anspruch genommen, da die Be 
lastung nahe dem Auflager eintritt, aber die Böcke selbst sind sehr 
stark beansprucht. 
Die durch eine schwingende Glocke hervorgebrachte Vertikal 
belastung beträgt nämlich bei voller Schwingung bis zur Hori 
zontale etwa das dreifache des Glockengewichts, die Horizontal 
kraft etwa das 1'/-fache, und ist hienach die Berechnung durch 
geführt, da immerhin ab und zu der Moment eintreten wird, daß 
alle geläuteten Glocken einmal Max. V oder Max. H ausüben 
werden. 
Ohne auf die Berechnung näher einzugehen, sei bemerkt, daß 
8 verschiedene Belastungsfälle: Max. oder Min. von V und H be 
lastete oder unbelastete Böden, Schwingen der Glocken nach rechts 
oder links angenommen, für jeden Fall die Kräfte der einzelnen 
Konstruktionsteile berechnet und je die Maxima als maßgebend für 
die Querschnitte angenommen sind. 
Bezüglich der Form der Böcke ist zu bemerken, daß der mittlere 
Spitzbogen nur des schöneren Aussehens wegen an Stelle einer ge 
raden Strebe gewählt wurde. Durch die Fachausfüllung der Felder 
ist aber der Bogen versteift und die ganze Figur stabil, wie wenn 
dieselbe aus Dreiecken bestände. — Wenn in eine a eine Horizontal 
kraft H wirkt, so entsteht in rnn Druck, in rnn, Spannung und 
auf den unterstützenden Hauptträger rechts eine nach oben gerichtete 
Vertikalkraft V, welche durch das Gewicht des Gerüstes und den 
schweren unteren Boden sicher im Gleichgewicht gehalten wird. Im 
Punkte m wirkt zwischen den beiden Streben eine vertikale Schub 
kraft, welche durch die Knotenplatten, beziehungsweise durch den 
Querschnitt des Trägers BC aufgenommen wird. 
Die Horizontalkraft 14 kann durch die Reibung des Trägers auf 
der Mauer, beziehungsweise der Rest durch die Ankerschrauben des 
selben aufgenommen werden; dieser übrig bleibende Teil ist eben 
falls gering. 
Die Böcke sind, wie erwähnt, an den Enden in die Tragbalken 
eingesteckt und hier vernietet. Die Böcke sind im weiteren in der 
Querrichtung durch Diagonalen aus Winkeleisen ausgesteift, und zwar 
sowohl in der inneren als äußeren Ebene. Diese Diagonalen haben 
nur unbedeutende, zufällige Spannungen auszuhalten, da nach der 
Quere keine Kräfte in die Konstruktion eintreten. 
Der obere Boden ist, wie erwähnt, von den Turmwänden 
vollständig freigehalten, derselbe war anfangs ^ebenfalls als Beton 
boden mit Plättchen abgedeckt auf eisernem ^-Balken vorgesehen. 
Das große Gewicht, die Schwierigkeit der Wasserableitung unter dem 
Glockenstuhl durch und die ungeschickte Form der Unterzüge für den 
Glockenstuhl hat zu einer Veränderung der Konstruktion Anlaß ge 
geben. Der Boden wurde horizontal angelegt einfach mit Dielen 
abgedeckt, das etwa durch die Fenster auf den Boden fallende Wasser 
fällt durch die Zwischenräume der Dielen auf den unteren Boden, 
was keinen Nachteil mit sich bringt. Die den Boden unterstützenden 
^Träger sind so stark gewählt, daß sie eine Glocke in beliebiger 
Stellung zu tragen vermögen. — Höhe des Dielenbeleges des Ober 
bodens — 56,5 m über dem Kirchenboden. 
Der Glocken stuhl erhielt anfangs eine solche Höhe, daß die 
Aufhängehöhe der Glocken und des oberen Bodens genau die 
selben blieben, wie seither, die Träger erhielten hiedurch eine Höhe von 
4,0 m. Man hat später die Höhe auf 3,25 m reduziert, so daß
	        

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