Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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konnte der Zeitkürze halber nicht an sämtliche Vereinsmitglicder 
Einladung ergehen. 
Eingelaufen ist das Programm zum Wettbewerb um ein Projekt 
über die Stadterweiterung in Mainz. Die betreffenden Pläne können 
im Landesgewerbemuseum eingesehen werden. 
Nunmehr erhält Frey das Wort zu einem einleitenden Vor 
trage über die Stuttgarter Stadtbauplanfrage, wozu ihm die vor 
liegenden, den Gegenstand betreffenden Pläne mit Zustimmung des 
Oberbürgermeisters überlassen worden sind. Wir werden hierauf an 
anderer Stelle des Näheren zurückkommen. 
Die dem Vortrage folgende Diskussion eröffnet v. Schlierholz 
mit einem interessanten Rückblick auf die bisherigen Bestrebungen des 
Vereins, seine Anschauungen über eine technisch und hygienisch zweck 
mäßige Gestaltung des Stadterweiterungsplanes und die demgemäß 
zu erlassenden ortsbaustatutarischen Bestimmungen an maßgebender 
Stelle zur Geltung zu bringen. 
Frey möchte wünschen, daß diese von der Versammlung mit 
Beifall aufgenommenen Mitteilungen des Vorredners auch der 
Oeffcntlichkeit übergeben würden. 
Reinhardt kommt gleichfalls auf die Neberbauung der 
Slützenburg zu sprechen, für die in erster Linie der Gemeinderat 
verantwortlich zu machen sei Er glaubt, daß auch in gegenwärtiger 
Zeit die Bestrebungen gemeinnütziger Gesellschaften auf Erstellung 
billiger Wohnungen seitens der Stadtvertretung nicht die genügende 
Unterstützung finden, sofern die Beitragsleistungcn zu hoch bemessen 
werden und die Vorschriften über Gebäudeabstände u. drgl. weniger 
streng sein dürften. 
Frey bemerkt dem gegenüber, daß die Stadtverwaltung 
Einzelunternehmungen keine Erleichterungen gewähren dürfe, welche 
eine Mehrbelastung der Gesamtheit der Steuerzahler zur Folge 
hätten. 
Leibbrand berührt die vom Referenten aufgeworfene Frage, 
welche Berechnungsweise für die Zahl der auf einem bestimmten 
Bebauungsgebiet unterzubringende Einwohnerzahl die richtigere sei, 
die von Or. Rettich angewandte oder die auf Hektare sich stützende, 
und hält keine von beiden für ganz brauchbar. Mit der Statistik 
sei in dieser Beziehung nicht viel anzufangen. Erfreulich sei es, 
daß der gediegene Plan Kölle's, die Frucht jahrelanger Arbeit, an 
sich in keiner Weise angegriffen worden sei, die Angriffe sich vielmehr 
nur gegen die Bebauungsweise gerichtet haben. Er wundere sich nur 
über den Umschwung in den Anschauungen über die Bebauungs 
vorschriften, die jetzt dazu führen tollen, auch auf den Höhen ge 
schlossene Häuserreihen zu erstellen. Gegen v. Schlierholz bemerkt 
Redner, daß seiner Ansicht nach auch Berge zu überbauen seien, was 
diesen zu einer kurzen Erwiderung unter Hinweis auf das von ihm 
bereits Ausgeführte veranlaßt. 
Regierungsbaumeister Schmid schließt sich den Ausführungen 
Leibbrand's an und betont namentlich, daß seines Erachtens die Er 
weiterung der Stadt sich vorzugsweise dem Neckarthale zu vollziehen 
müsse. Das Wohnen am Berge sei .schon der damit verknüpften 
Beschwerlichkeiten wegen gewissermaßen Liebhabersache, und das 
Bauen am Gehänge stets teurer als das im Thale, daher auch mehr 
eine Sache der Wohlhabenden. Wesentlich sei es, die Hauptstraßen 
in den Erweiterungsgebieten bald durchzuführen, damit werden dann 
genügend Bauplätze gewonnen. 
Frey teilt weiter mit, daß der Oberbürgermeister sich auf den 
vermittelnden Standpunkt stelle, daß an Geschäfts- und Hauptverkehrs 
straßen wohl die geschlossene Bauweise zugelassen werden könne, bei 
einzelnen Wohnstraßen eine Reduktion der Breite in hygienischer 
Hinsicht als unbedenklich anzusehen sei, und daß Villenquartiere nur 
nach Maßgabe der für solche in Betracht kommenden Einwohnerzahl 
vorgesehen weiden sollten. 
Die von Frey angeregte Frage der Teilung der Baublöcke 
durch Privatstraßen giebt zu einer kurzen Erörterung zwischen den 
Herren Frey, Leibbrand, Mayer und Seiffert Anlaß. 
Hofacker weist im Anschlüsse an die Ausführungen Schmid's 
darauf hin, daß eine raschere Ausführung der Hauptstraßenzüge 
dringend geboten sei. Die hohen Grundpreise rühren hauptsächlich 
von dem Mangel an Bauplätzen her, und dem könne in der an 
gegebenen Weise am besten gesteuert werden. Redner ist zwar für 
die weite Bauweise, bemerkt aber, daß bei der vielfach vorhandenen 
engen Parzellierung die Einhaltung von 14 m weiten Abständen 
den Baulustigen meist in die Lage bringe, von den Anliegern noch 
Grund und Boden erwerben zu müssen, was in vielen Fällen das 
Bauen sehr erschwere. 
Weisert bringt in Anregung, die heute erörterte Frage durch 
eine Kommission weiter behondeln zu lassen. 
Der Vorsitzende bemerkt, daß ron mehreren Vereinen beabsichtigt 
sei, zur Stadterweiterungsfrage in einer öffentlichen Versammlung 
Stellung zu nehmen. Auf eine wegen event. Beteiligung des Vereins 
an einer solchen Versammlung ergangene Anfrage habe der Vorstand 
beschlossen, zunächst die Anschauung des Vereins in der heutigen 
Versammlung kennen zu lernen. Er für seine Person glaube, daß 
eine Beteiligung an einer öffentlichen Versammlung wohl angängig wäre. 
Es wird hierauf beschlossen, eine aus den Herren Frey, 
Halmhuber, Hofacker, Laißle, Leibbrand, v. Schlierholz 
und Schmid bestehende Kommission zu beauftragen, das Ergebnis 
der heutigen Beratung in eine Resolution zusammenzufassen und 
diese der weiteren Beratung des Vereins zu unterstellen. 
Mit deni Dank an alle, die sich an der Vorbereitung und 
Durchführung der heutigen Beratung beteiligt haben, schließt hierauf 
der Vorsitzende die Verhandlungen um 11 Uhr. 
Von Herrn Baudiretor von Bok ist nachstehendes Schreiben 
eingelaufen: 
Stuttgart, den 24. Januar 1900. 
An den Vorstand des Vereins für Baukunde, hier. 
Aus Anlaß meines 50 jährigen Dienstjubiläums sind mir von 
Seiten des Vereins für Baukunde durch Ueberreichung einer kostbaren 
Adresse große Ehren erwiesen und außerordentliche Freuden bereitet 
worden. 
Ich spreche dem Verein hiefür meinen herzlichen, tiefgefühlten 
Dank aus und werde diese Adresse als Andenken an denselben während 
meines ganzen Lebens hochschätzen und bewahren. 
Möge es mir vergönnt sein, dem Verein noch lange anzuge 
hören und, soweit es in meinen Kräften steht, dienen zu können. 
Möge der Verein, dem ich nun bald 50 Jahre angehöre, 
immerdar wachsen, blühen und gedeihen. 
Mit der Bitte, Vorstehendes dem Verein zur Kenntnis bringen 
zu wollen, verbleibe ich mit dankbarer Verehrung 
Bok, Baudirektor. 
Das Glückwunschschreiben des Vereinsvorsitzenden an den Senat 
der Technischen Hochschule hat folgenden Wortlaut: 
An den verehrlichen Senat der Technischen Hochschule, hier. 
Durch König!. Entschließung vom 22. Januar d. I. wurde der 
Technischen Hochschule das Recht verliehen, den Grad eines Diplom- 
Ingenieurs sowie die Würde eines Doktor-Ingenieurs zu erteilen. 
Wenn auch der Wert und die Bedeutung dieses Promotions 
rechtes für das praktische Leben heute noch nicht voll übersehen werden 
kann, so ist mit der Gewährung desselben doch der letzte Unterschied 
gegenüber den anderen Hochschulen gefallen und für den technischen 
Beruf auch äußerlich die volle Gleichberechtigung mit den übrigen 
akademischen Berufsarten dokumentiert worden. 
Die Erlangung letzterer bildet ja schon längst das Ziel nnd 
den sehnlichsten Wunsch aller technischen Kreise unseres engeren und 
lueitereit Vaterlandes. 
Der württ. Verein für Baukunde begrüßt daher diese Errungen 
schaft als ein bedeutsames Zeichen der fortschreitenden Entwicklung 
und Wertschätzung unserer technischen Wissenschaften und unseres 
Standes mit großer Freude und erlaubt sich, unsere verehrte Hoch
	        

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