Volltext: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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1800 eine Vollkommenheit war, schon im Jahr 1830 vielleicht ein 
Gebrechen ist." Auch die hohen Bildungsanstalten sind diesem Wechsel 
unterworfen. Der griechische Staat kannte eine selbständige Pflege 
der Wissenschaften nicht. Auf die römischen Rhetorenschulcn folgten 
die mittelalterlichen Klosterschulen. Zwei Jahrhunderte zogen deutsche 
Studenten auf die hohen Schulen von Bologna, Padua und Paris. 
Die ersten deutschen Universitäten standen unter kirchlicher Bevor 
mundung; erst im 17. und 18. Jahrhundert erlangten sie Unab 
hängigkeit der Lehre. Inzwischen hatten auch die Akademien der 
Wissenschaften begonnen, Licht zu verbreiten. Wir erkennen mit 
Lucrez: die einen kommen empor, die andern sinken hinunter, und 
wie die Läufer der Bahn reicht einer die Fackel dem andern. 
Nun, Gott sei Dank, unsere Universitäten stehen auch heute 
noch ungebrochen da und mehr Licht als je geht von ihnen aus. 
Wir sind die letzten, ihnen die unvergänglichen Verdienste zu schmälern, 
welche sie sich um unser Volk, um die Welt erworben haben. Ist 
doch selbst der Boden unserer technischen Hochschulen unter Mitwirkung 
von Kolonisten urbar gemacht worden, welche von Universitäten herüber 
kamen; und denken doch stets viele unserer Dozenten mit Freude an 
die Zeit zurück, die sie auf deutschen Universitäten zubringen konnten. 
Aber es hat mitunier etwas lange gedauert, bis gewisse Umwand 
lungen der Ansichten vollzogen waren. Jahrhundertelang, bis über 
die Zeit von Kepler und Shakespeare hinaus, hat man an der Physik ! 
und Metaphysik des Aristoteles festgehalten, und bis ins 19. Jahr 
hundert waren bezüglich der Technik Anschauungen maßgebend, die 
nicht sehr weit von denjenigen des Aristoteles abwichen. Nur so 
erklärt es sich, daß die Universitas iitterarum ganz unterlassen 
hatte, auch die technischen Wissenschaften zu berücksichtigen. 
Als nun die gewaltige Entwicklung eintrat, welche aus einer 
Gesellschaft mit mangelhafter Naturerkenntnis, ohne Gaslicht und 
elektrisches Licht, ohne Eisenbahnen und Dampfschiffe, ohne Telegraf 
und Telefon, ohne Walzeisen und Eisenkonstruktionen, ohne elektrische 
und so viele andere Motoren den heutigen komplizierten und anspruchs 
vollen sozialen Körper erzeugten, da mußten die den neuen Bedürf 
nissen entsprechenden Bildungsstätten erst geschaffen werden. Das 
ging zuerst langsam, wie die Entwicklung der Technik. Aber 1899 
betrug z. B. das Anlagekapital der preußischen Staatsbahnen 7300 
Millionen, welche 1300 Millionen Jahreseinnahme brachten und 
davon 360 Millionen für allgemeine Staatszwecke übrig ließen. 
Deutsche industrielle Etablissements waren bahnbrechend auf dem 
Weltmarkt vorgegangen und zu einer Ausdehnung gelangt, vermöge 
deren sie Arbeiter mit Familien bis zur Einwohnerzahl deutscher 
Kleinstaaten ernährten. 
In Wechselwirkung damit hatten die technischen Hochschulen 
ihre Organisation mühsam, aber getragen vom Geiste des Jahrhunderts ' 
vollendet und sich, wie Kaiser Wilhelm im Lichthofe der Technischen 
Hochschule zu Berlin erklärte, den Universitäten ebenbürtig an die 
Seite gestellt. An eine Verbindung beider war nun nicht mehr zu 
denken und sie wäre auch wohl nicht mehr wünschenswert. Die Kultur 
geschichte wird es daher als eine der Ruhmesthaten des Kaisers ver 
künden, daß er aus seiner Erkenntnis sofort den richtigen Schluß zog I 
und trotz aller Gegnerschaften — Privilegien pflegen nicht freiwillig 
zum Mitgenuß überlassen zu werden — den techn. Hochschulen Preußens 
das Promotionsrecht verlieh. Mit dankerfülltem Herzen durften wir 
erfahren, daß Se. Majestät der König, dessen Ahnen Einer schon in 
der hohen Karlsschule eine wirkliche Universitas litterarum anstrebte, 
dem Beispiele seines hohen Bundesgenossen ohne Zögern gefolgt ist. 
So hat das eiserne Jahrhundert, das Jahrhundert des Dampfes 
und der Elektrizität, auch für die Technik, welche ihm das Gepräge 
verlieh, einen würdigen Abschluß erlangt. 
Dian hat gefragt, warum wir so 'großes Gewicht auf das 
Promotionsrecht legten, und selbst aus den Kreisen der Technik sind 
Einwände erhoben worden. Nun, für uns Professoren haben wir 
es nicht gesucht, wir werden lediglich Arbeit damit haben, da auf 
jede Honorierung verzichtet wird. Der erste Grund war die nötige 
Unabhängigkeit der Hochschule in Betreff derjenigen Smdierenden, 
welche, wie die Chemiker, schon früher promoviert hatten. Sodann 
mußten wir im Interesse der von uns vertretenen Wissenschaften 
und der Heranziehung einer möglichst leistungsfähigen akademischen 
Jugend eine solche Krönung des Gebäudes anstreben, wie sie nun 
einmal in den Augen vieler als der notwendige oder allein brauch 
bare Ausdruck für den Charakter einer vollwertigen Hochschule galt. 
Nachdem dies erreicht ist, kommt es ans die häufige Verwendung des 
neuen Rechts weit weniger an. Man braucht nicht zu fürchten, daß 
nun bald überall technische Doktoren herumlaufen werden, dafür haben 
die Grundzüge für die Verleihung der neuen Würde gesorgt; wir 
können nur wünschen, daß dieselben bald Schule machen mögen. 
Mindestens ebenso wichtig als der Doktor-Ingenieur ist der neu ge 
schützte Titel eines Diplom-Ingenieurs. Aber alle Titel sind nur 
Dekoration, die Hauptsache ist, was geleistet wird. Niemals dürfen 
wir vergessen, daß nur die Förderung der Erkenntnis und der Kultur 
die Hochschule charakterisiert, und daß ihr Nützlichkeitsstandpunkt durch 
die Auffassung von Kant und Krupp markiert sein muß: „Der Zweck 
der Arbeit soll das Gemeinwohl sein." 
Die deutschen technischen Hochschulen, sämtlich Kinder unseres 
Jahrhunderts, blicken auf eine arbeitsreiche Vergangenheit zurück. 
Selbst erst in der Entwicklung begriffen, unter wechselvollen Anfor 
derungen und mancherlei Kämpfen, hatten sie einem beispiellosen 
Aufschwung der Naturwissenschaft und Technik, der Industrie und 
des Verkehrs gerecht zu werden, mit den politischen und sozialen 
Verhältnissen Schritt zu halten und sich zugleich diejenige Stellung 
zu erringen, welche der Bedeutung ihrer Wissenschaften im heutigen 
Kulturleben der Völker entspricht. Das ist im Großen und Ganzen 
gelungen. Unsere akademische Jugend übernimmt vom 19. Jahrhundert 
ein einiges, mächtiges Vaterland mit gesicherten Stätten fruchtbarer 
Thätigkeit auf allen Gebieten. An ihr ist es, das Erworbene zu 
wahren und zu mehren, den hohen Erwartungen, welche ans sie ge 
setzt werden müssen, durch Selbstzucht und unablässige Arbeit gerecht 
zu werden. Wir zweifeln nicht, daß sie diese Pflichten mit Freude 
übernehmen und sich eines großen Volks und einer großen Zeit würdig 
erweisen wird! 
Personalriachnchtm. 
Seine Königliche Majestät haben den Baudirektor von Bok 
bei der Domänendirektion unter Anerkennnng seiner langjährigen 
ersprießlichen Dienste und unter Ernennung zum Ehrenmitglied der 
Domänendirektion seinem Ansuchen entsprechend in den bleibenden 
Ruhestand in Gnaden zu versetzen geruht. 
Dem Baurat Gebhardt ist unter Belastung seines Titels und 
Rangs die erledigte Stelle eines hochbautechnischen Assessors bei der 
Domänendirektion übertragen worden. 
Das erledigte Bezirksbauamt Stuttgart wurde dem Bezirks 
bauinspektor Gekeler in Stuttgart unter Verleihung des Titels 
und Rangs eines Banrats, das Bezirksbauamt Eßlingen mit dem 
Sitz in Stuttgart dem Bezirksbauinspektor Landauer in Reutlingen 
und das Bezirksbauamt Reutlingen dem K. Regierungsbaumeister 
Kempter in Stuttgart übertragen. 
Bezirksbauinspeklor, tit. Baurat Knoblauch in Stuttgart er 
hielt eine neuerrichtete Professur für Hochbaufächer an der Bauge 
werkeschule übertragen. 
Regierungsbaumeister Schwend in Metz ist zum Professor 
für Brückenbau und Encyklopädie der Jngenieurwissenschaften, Privat 
dozent Prof. Or. Fünfstück zum etatsmäßigen Professor für Botanik 
und Pharmakognosie an der Technischen Hochschule ernannt worden. 
Betriebsbauinspektor Baurat Krauß in Calw ist in den Ruhe 
stand getreten und sind ihm die Insignien de? Löwen zum Ritter 
kreuz des Ordens der Württ. Krone verliehen worden.
	        

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