40 
Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart. 
No. 8 
der Berieselung das vollkommenste. Von diesem waren ver 
schiedene Modelle und Darstellungen vorhanden. In der Aus 
stellung deutscher Ingenieurwerke fand sich ein Modell eines 
Berliner Rieselfeldes, welches bis in Einzelheiten die Ein 
richtung und den Betrieb erkennen liess; ein anderes in der 
von dem Gesundheitsamte vorbereiteten hygienischen Ausstellung 
zeigte in übersichtlicher Form das leitende Prinzip des Beriesel 
ungsverfahrens ; die Stadt Paris hatte die technische Einrichtung 
Fig. 9. 
ihrer Berieselungsanlagen durch Vorführung von Zeichnungen, 
Beschreibungen, photographischen Abbildungen und Modellen 
zur Schau gestellt. 
Es würde zu weit führen, die Einzelheiten des Berieselungs 
verfahrens hier eingehend zu schildern; denn je nach der Ober 
flächengestaltung des Geländes, der Beschaffenheit seines Bodens, 
der Art der landwirtschaftlichen Benutzung gestalten sich die 
Arbeiten der Aptierung, die Art der Zuleitung des Abwassers 
und dessen Ableitung durch Drainage und Sammelgruben in 
verschiedener Weise. Es darf um so mehr auf eine ausführliche 
Beschreibung des Prinzips des Berieselungsverfahrens verzichtet 
werden, als dieses allenthalben bekannt ist. Dagegen dürfte 
eine Schilderung der Pariser Rieselanlagen und deren 
Zuleitung, der Kanalisation der Stadt, manches Interessante bieten, 
da diese beiden grossartigen Bauwerke neueren Ursprungs sind. 
Einführend für das Studium der Pariser Abwasserbeseitigung 
waren bildliche Darstellungen der historischen Entwicklung der 
selben. An drei Häuserquerschnitten war dargestellt, in welcher 
Weise man sich des Abwassers sonst und jetzt entledigte. Bei 
dem Hause aus dem Jahre 1830 (Fig. 9) ersehen wir, dass die 
Fäkalien in einer grossen Grube aufgesammelt werden. Diese 
liegt im Fundament des Hauses; ihre Mauerung ist im Laufe 
der Zeit undicht geworden, sodass eine bedenkliche Boden 
verunreinigung stattfindet. Die Entleerung der Grube erfolgt 
durch Auspumpen; die Pumpe ist hierbei innerhalb des Hauses 
aufgestellt, wodurch starke Geruchsbelästigung und andere Un 
zuträglichkeiten unvermeidlich waren. Die Fäkalien werden 
mittels eines Fasswagens abgefahren. Die Niederschlagswässer, 
die Abwässer aus der Haushaltung und dem Stalle werden in 
Gruben gesammelt, welche absichtlich ohne Boden gebaut sind, 
um die Versickerung zu begünstigen. Die Kanäle sind nur für 
den Abfluss des Strassenabwassers bestimmt. 
Bei dem Hause aus dem Jahre 1868 (Fig. 10) ist bereits 
der hygienischen Forderung der Reinhaltung des Bodens Rech 
nung getragen. Die Fäkalien werden in Tonnen aufgenommen, 
welche durch besonders für den Zweck konstruierte Wagen 
abgefahren werden. Die Kanäle nehmen sämtliche Abwässer, 
die der Strasse, der Haushaltungen und Stallungen auf; jedoch 
vermissen wir noch bei den Anschlüssen die Siphons. 
In dem Hause aus dem Jahre 1900 (Fig. 11) sind sämtliche 
der Neuzeit entsprechende Einrichtungen getroffen. Es sind 
Spülklosets vorhanden, welche an die Kanalisation angeschlossen 
werden. Die Kanalisation besorgt die Ableitung sämtlicher 
Abwässer. 
Mit der Durchführung der Kanalisation erfolgte der An 
schluss von Häusern in steigendem Masse. Das Kanalwasser 
wurde unterhalb Paris in die Seine eingeleitet; dabei stellte sich 
eine hochgradige Flussverunreinigung ein, welche dringende 
Abhilfe erforderte. Zur Beseitigung dieses Missstandes und zur 
Hebung der hygienischen Verhältnisse der Stadt überhaupt wurde 
beschlossen, die Kanalisation im ganzen Stadtbezirk durch 
zuführen und die Beseitigung des Kanalwassers durch Riesel 
anlagen zu bewerkstelligen. 
Bei dem Bau der Kanalisation ist an dem Grundsatz fest 
gehalten, sämtliche Abwässer, die Niederschlagswässer, die 
Fabrik- und Hausabwässer, letztere einschliesslich der Fäkalien, 
durch Kanäle abzuführen und zwar ohne Benutzung des Flusses; 
„tout ä l’egout et rien ä la Seine“ war die Losung. Deshalb 
ist jedes Haus zwangsweise an die Kanalisation angeschlossen. 
Für die Art des Anschlusses der Neubauten sind bestimmte 
Vorschriften bezüglich der Hausentwässerung gegeben. Es sind 
Spülklosets vorgeschrieben mit einem über Dach führenden 
Lüftungsrohr; in die Fallrohre derselben wie in diejenigen der 
Küchenausgüsse, der Badewannen sind Siphons eingesetzt zur 
Vermeidung des Eintrittes übelriechender Gase in die Häuser. 
Die Regenrohre, die Abflüsse von Höfen, Gärten, Ställen u. dergl. 
sind an die Hausentwässerung angeschlossen. Vor Eintritt in 
das Kanalrohr passiert das Sammelrohr der Hausentwässerung 
noch einen Siphon. Um den Anschluss schon bestehender 
Häuser thunlichst zu fördern, wurden Bureaux errichtet, welche 
kostenlos Aufschluss geben; auch werden daselbst typische 
Pläne von Installationen zur Verfügung gestellt. In einem 
hygienischen Museum ist Gelegenheit zur Besichtigung von 
Plänen, Zeichnungen und Modellen gegeben, ein Laboratorium 
steht zur Verfügung, welches kostenlos entsprechende, auf die 
Bauhygiene bezügliche Untersuchungen ausführt. 
Die kleinsten Kanäle bestehen aus Steingutrohren, welche 
in gewissen Abständen zur mechanischen Reinigung zugänglich 
sind, sofern die Spülung nicht ausreicht; an diese Schliessen 
sich die grösseren Siele, aus Cement oder durch Mauerung her 
gestellt, von elliptischem oder eiförmigem Querschnitt, welche 
sich in den grossen Sammlern vereinigen. 
Eigenartig ist, dass die grossen Sammler nicht ausschliess 
lich zur Ableitung des Kanalwassers dienen. Sie stellen gewisser- 
massen unterirdische Strassen dar. Diese grossen, gewölbten 
Tunnels (Fig. 12) sind an ihrer Sohle mit einer Kanalrinne ver 
sehen, in welcher das Kanal- (Nieder-) Wasser Hiesst; zu beiden 
Seiten derselben sind Fusssteige angebracht, über welche das 
Wasser aus den Sielen einströmt. In gewissen Abständen 
sind in entsprechender Höhe Notauslässe nach der Seine vor 
gesehen. Bei plötzlich eintretenden Regengüssen nimmt die 
Menge des Kanal Wassers zu und überschwemmt die Fusssteige 
bis zur Höhe der Notauslässe. Ueber den Fusssteigen ruhen 
in eisernen Trägern die Rohre der Wasserleitung in einer Höhe, 
dass sie niemals mit dem Kanalwasser in Berührung kommen 
Fig. 10. 
können. Oberhalb dieser sind die Rohre für die Druckluftleitung 
und Rohrpost angebracht. Die Kabel für Telegraphie und 
Telephonie hängen lose in Haken. 
Die Unterbringung dieser Leitungen im Innern des Sammlers 
hat nicht zu unterschätzende Vorteile. Vor allem sind die Bau 
kosten solcher Anlagen (Wasserversorgung, Druckluftleitung,
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.