Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

No. 10 
Monatsschrift des Württembg. Vereins für Badkunde in Stuttgart. 
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vorigen Jahres fällig gewesenen Berichts wird wohl weiteren 
-Kreisen, wenigstens zunächst, nicht zugänglich gemacht werden. 
Soviel ist jedoch als sicher festgestellt, dass die Schwierig 
keiten, die der Benützung des San Juanflusses zu Schiffahrts 
zwecken entgegenstehen, ganz gewaltig unterschätzt wurden 
und dass die Baukosten und die Bauzeit sich mindestens ver 
vierfachen werden. Der San Juanfluss hat nämlich nach Verlass 
des Sees bei einer sekundlichen Hochwasserführung von 4000 kbm 
viele Stromschnellen, Untiefen und scharfe Krümmungen. Diese 
Flussstrecke soll, statt durch Schleusen, durch einen etwa 110 km 
unterhalb dem See im Flussthal anzulegenden Staudamm, durch 
.den der Fluss 17 m hoch, d. h. bis zur Höhe des Seespiegels, 
i •aufgestaut werden kann, schiffgängig gemacht werden, sodass 
Z der See durch diesen Damm gewissermassen um die angegebene 
Länge künstlich verlängert und dazu befähigt würde, etwa 
40000 Millionen kbm Hochwasser bei 3 m Stau zurückzuhalten. 
a Die Gründung dieses Staudamms, die bis auf 30 m Tiefe 
?■ unter Terrain erfolgen müsste, verursacht nahezu unüberwind- 
L (liehe Hindernisse. Die zweite Hauptschwierigkeit für die Aus 
führung des Kanals bietet die im Schwemmland an der atlantischen 
i.Küste gelegene Thalstrecke und der dort anschliessende Hafen 
5 von Greytown. Etwa in der Mitte zwischen dem Nicaragua 
see und dem Meer mündet in den San Juan der Rio San Carlos. 
Dieser Nebenfluss führt eine ungeheure Menge feinster vulkanischer 
Sinkstoffe, die entlang der 50 km langen Mündungsstrecke den 
Untergrund bis zu 40 m Tiefe mit sehr durchlässigen und be 
weglichen San den aufgefüllt haben und welche die Schuld tragen, 
dass die Mündungsstelle so rasch versandet, dass nur unaus 
gesetztes Baggern (wie an der Nordseite des Suezkanals) die 
i .Kanaleinfahrt wird offen halten können. Da diese ausgedehnte 
! Flussniederung meterhoch überschwemmt wird, müsste die End 
strecke des Kanals durch Eindeichungen etwa 6 m über den 
normalen Wasserstand des Flusses gelegt werden. Eindeich 
ungen von solcher Ausdehnung und Höhe wären bei den ge 
schilderten Untergrundsverhältnissen nahezu unmöglich zu er 
stellen und sehr schwierig zu erhalten. 
Bei einem Vergleich der Panama- und Nicaragualinie spricht 
p. für die letztere nur die etwa 380 Seemeilen betragende Ver 
kürzung des Wegs zwischen den östlichen und westlichen 
^Städten Nordamerikas, die aber durch den Umstand, dass die 
i Durchfahrt durch den 301 km langen Nicaraguakanal etwa 
33 Stunden, diejenige durch den Panamakanal nur etwa 12 
Stunden beanspruchen wird, sowie durch die raschere Fahrt 
auf der offenen See in dieser Zeit nahezu ausgeglichen wird. 
Der Panamakanal hat dagegen vor dem Nicaraguakanal viele 
schwerwiegende Vorteile Für ihn sind die Pläne vollständig 
ausgearbeitet, Eisenbahn, Telegraph, Magazine, Inventar, An 
siedlungen u. s. w. sind vorhanden; der Betrieb ist eingeleitet 
und die Arbeiten zu einem Viertel fertig; für den letztem sind 
die Entwürfe nach jeder Richtung unreif, für Verkehr und Be 
siedlung sind keinerlei Veranstaltungen getroffen und die bisher 
geleisteten Arbeiten sind nicht nennenswert. Am Panamakanal 
liegt die Scheitelhaltung 20 m hoch und wird mit 4—5 Schleusen 
überwunden; zurUebersetzung über den 33 m hohen Nicaragua 
see werden 9—10 Schleusen zu durchfahren sein. Die Krümm- 
ungs-, Beleuchtungs- und Betriebsverhältnisse der Kanallinie, die 
Hafenverhältnisse und insbesondere auch die natürlichen Ver 
hältnisse in Beziehung auf Regen, Passatwind, Sümpfe, Erd 
beben u. dgl. sind in Panama günstiger als in Nicaragua. Die 
Gesamtkosten werden heute von den Amerikanern in beiden 
Fällen auf etwa 200 Millionen Dollars, der Jahresverkehr auf 
7 Millionen Netto Registertonnen geschätzt. 
Das offensichtliche Bestreben der Amerikaner geht da 
hin, die Kanalverbindung, sei es in der einen oder andern 
Richtung, in ihr unbeschränktes Eigentum zu bekommen, um 
in Kriegszeiten vollständig über sie verfügen zu können. In 
den Staaten Nicaragua und Costarica haben sie hiefür den 
Boden besser vorbereitet als in Kolumbien für den Panama 
kanal, wo die Franzosen die Arbeiten stetig fortbetreiben und 
wenig Geneigtheit zeigen, die Konzessionen der früheren und 
der bestehenden Gesellschaft abzutreten. Ob es den Amerikanern 
trotz verschiedener Verträge mit Engländern und Franzosen, in 
denen die Neutralität jedes künftigen Isthmuskanals gegenseitig 
gewährleistet worden ist, gelingen wird, diese ihnen heute sehr 
unbequem erscheinenden Neutralitätsklauseln, sei es auf dem 
Wege neuer Verhandlungen, sei es durch Gewalt zu beseitigen, 
wird die Zukunft zeigen. Redner hat die feste Zuversicht zu 
unserer Reichsregierung, dass sie unsere Interessen auch hier, 
wie anderwärts, rechtzeitig und nachhaltig zu wahren ver 
stehen werde. -u-. 
G d D 
Personal - Nachrichten. 
Dem bisherigen Rektor der Technischen Hochschule in Der Professor an der I entmischen Hochschule in Stuttgart 
Stuttgart, Professor Dr. v. Weyrauch ist das Kommenthur- Adolf Göller ist gestorben, 
kreuz II. Klasse des Friedrichsordens verliehen worden. 
Schluss des Jahrgangs 1902. 
Herausgeg. v. Württb. Verein f. Baukunde. - Redaktion: Reg.-Baumeister Schury, Stuttgart. - Verlag: Südd. Verl.-Anst., G. m. b. H , München 
Druck: G. Franz’sche Hofbuchdruckerei (G. Emil Mayer), München.
	        

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