Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart 
No. 1 
Protokoll der zweiten ordentlichen Versammlung am 29. November 1902. 
Vorsitzender: Zügel. Schriftführer: Ne uff er. 
Anwesend: 52 Mitglieder und Gäste. 
Nach Eröffnung der Versammlung begrüsst der Vorsitzende 
als Gäste die Herren: 
Oberingenieur Züblin aus Strassburg, 
Architekt Reck aus Stuttgart, 
Ingenieur Müller aus Strassburg, 
Ingenieur Escher aus Strassburg, 
Reg. Bauführer Richert aus Strassburg, 
Studiosus ing. Escher aus Karlsruhe, 
Studiosus ing. Züblin aus Karlsruhe, 
Studiosus ing. Hendrik aus Karlsruhe. 
Als Mitglieder in den Verein werden aufgenommen die Herren: 
Architekt Zell in München, Schriftleiter der „Süddeutschen 
Bauzeitung“, 
Reg.-Baumeister Bärtle in Tübingen, 
Reg.-Baumeister Marquardt in Stuttgart, 
Reg.-Baumeister Dollinger in Stuttgart, 
Reg.-Baumeister Maier in Stuttgart. 
Reg.-Baumeister Wechsler in Stuttgart, 
Reg.-Baumeister Bayer in Stuttgart. 
Der Vorsitzende teilt sodann mit, dass die Süddeutsche 
Verlagsanstalt in München sich bereit erklärt habe, den Druck 
der Monatsschrift des Vereins nach den bisherigen Vertrags 
preisen auch für das Jahr 1903 zu übernehmen. Gegen die 
Fortdauer des Vertragsverhältnisses wird nichts erinnert. 
Der bisherige Vereinssekretär, Bauinspektor Mederle, ist 
durch Krankheit genötigt, sein Amt als Sekretär niederzulegen. 
Der Vorsitzende bringt zur Kenntnis, dass der Ausschuss als 
Ersatz Herrn Bauinspektor Korherr beim bautechnischen Bureau 
der Generaldirektion der Staatseisenbahnen bestellt habe. 
Der Vorsitzende ladet die Vereinsmitglieder ein, am Sonntag, 
den 7. Dezember, vormittags 11 Uhr sich an der Besichtigung 
des neuen Operationssaals im Katharinenhospital hier, zu der 
von seiten des Herrn Stadtbaurat Mayer eine Einladung er 
gangen ist. möglichst zahlreich zu beteiligen. 
Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten erteilt 
der Vorsitzende das Wort Herrn Oberingenieur Züblin aus 
Strassburg zu dem Vortrag über Betoneisenbauten System 
Hennebique. 
Der Redner gab zunächst eine nähere Darlegung der be 
sonderen Eigenschaften des eisenarmierten Betons. 
Der Beton gewinne durch die Eiseneinlage erheblich an 
Zugfestigkeit, hafte gut an dem Eisen und folge demselben bei 
Durchbiegungen bis zur Elastizitätsgrenze, ohne zu reissen. Die 
Eiseneinlagen fördern ferner die Druckfestigkeit des Betons je 
nach der Anordnung der Eisenarmierung. Gegen Witterungs 
einflüsse unempfindlich, können die Eisenbetonkonstruktionen den 
Temperaturschwankungen ohne Schaden folgen und Erschütte 
rungen und Anstrengungen aller Art ohne Nachteile aushalten. 
Diese günstigen Eigenschaften ermöglichen die Anwendung des 
Betoneisenbaus auf den verschiedensten Gebieten des Hoch- 
und Tiefbaus, sowie des Brückenbaus. 
Der Vortragende ging nach diesen allgemeinen Erläuterungen 
zur Beschreibung einer Reihe von Ausführungen (Saalbauten, 
Fabrikbauten, Lagerhausanlagen, Brückenbauten etc.) über und 
legte an den einzelnen Beispielen die verschiedene Anwendung 
und den Bauvorgang des näheren dar. Eine besondere Sorgfalt 
erfordere die Schalung der Betoneisenbauten, und es sei daher 
notwendig, dass mit der Herstellung solcher Bauten nur Firmen 
betraut werden, welche grössere Erfahrungen im Betoneisenbau 
besitzen und über ein geschultes Arbeiterpersonal verfügen. Im 
Gegensatz zu den Monierbauten, bei denen der Beton ziemlich 
nass verwendet werde, empfiehlt der Redner die Verwendung 
von nur erdfeuchtem Beton, der fest einzustampfen sei, wie dies 
bei den gewöhnlichen Stampfbetonarbeiten geschehe. Der Beton 
eisenbau habe grosse Anwendung in Frankreich, der Schweiz 
und seit einigen Jahren auch in Deutschland, namentlich in 
Elsass-Lothringen gefunden. 
Von den durch die Vertretung der Firma Hennebique in \ 
Deutschland ausgeführten Bauten wurden erwähnt das Lagerhaus 
(Siloanlage) in Strassburg, das Realgymnasium in Weinheim, 
die Spinnerei la Cite in Mühlhausen, die Kelter in Untertürkheim, 
das Kesselhaus der Papierfabrik Schäuffelen in Oberlenningen. 
Von besonderem Interesse waren die Ausführungen des 
Redners über Betoneisenpfähle für Gründungen von 
Brücken, Quaimauern und Hochbrücken etc., die mit Hilfe eines 
der Firma Hennebique patentierten Rammbärs wie gewöhnliche 
Holzpfähle eingeschlagen werden können. Derartige Pfähle haben 
Anwendung gefunden bei der Fundation des neuen Gerichts- 3 
gebäudes in Berlin, bei einigen Brücken im Eisass und bei See- 
und Kanalbauten in Holland. 
Der Vortragende schloss seinen sehr interessanten Vortrag i 
mit dem Wunsche, dass der Betoneisenbau immer mehr An- ; 
Wendung finden möge, und dass namentlich die Staats- und 
Gemeindebehörden dieser Bauweise ihre Aufmerksamkeit zu 
wenden möchten. 
Professor Schmid bestätigte die Vorzüge des Betoneisen 
baues namentlich für den Brückenbau und teilt die ErgebnisseJn 
der Probebelastung einer in den letzten Wochen in Heidenheim 1 
nach dem Patent Luitpold-Basel erstellten Brenz-Brücke mit; 
die Brücke besitze eine Mittelöffnung mit 14 m und zwei Seiten 
öffnungen mit je 8 m Stützweite; sie bestehe aus fünf durch- 1 
gehenden Balken aus Beton mit Rundeiseneinlagen. Bei einer 
ldstündigen Belastung mit 5000 kg pro qm habe die Mittel- | 
Öffnung eine grösste Einsenkung von nur 1,7 mm gezeigt. ; 
Oberingenieur Züblin führte im Anschlüsse an seinen Vor- 1 
trag, der durch eine grosse Reihe von Zeichnungen über aus-il 
geführte Betoneisenbauten illustriert war, zahlreiche Lichtbilder 1 
vor über verschiedene durch die Vertretung der Firma Henne- I 
bique in Strassburg zur Ausführung gebrachte Hoch- und 
Brückenbauten, die bei der vorzüglichen Darstellung ein genaues | 
Bild über den Bauvorgang in den einzelnen Stadien gaben und f 
die mit allseitigem lebhaften Beifall von der Versammlung auf- | 
genommen wurden. 
Der Vorsitzende dankte dem Vortragenden für seine inter- j 
essanten, lehrreichen Mitteilungen und gab auch seinerseits dem I 
Wunsche Ausdruck, dass der Betoneisenbau, dem offenbar eine I 
bedeutende Zukunft bevorstehe, bei uns grössere Anwendung 
finden möge. 
Vortrag des Herrn Ingenieurs Ed. Züblin aus Strassburg 
über 
Betoneisenbau, System Hennebique. 
Der armierte Beton macht seit einigen Jahren viel von sich 
reden Im Hochbau kommt er je länger je mehr zur Geltung 
und auch im Tiefbau mehren sich die Beispiele vorteilhafter 
Anwendung. 
Welches sind eigentlich die besonderen Eigenschaften und 
Umstände, die dem armierten Beton im Baufach bereits eine 
dauernde Stelle angewiesen haben, ihm im Hochbau erlauben, 
sich an allen kühnen und interessanten Aufgaben erfolgreich 
zu beteiligen und ihn auch in den Tiefbau durch flotte Aus 
führungen immer mehr einführen? 
Die Beantwortung dieser Frage liegt in der eigenartigen 
Verbindung, welche die Materialien eingehen, so verschieden 
oder heterogen im einzelnen sie erscheinen. Verbunden aber, 
ergeben sie ein äusserst homogenes Ganzes. 
Der Beton, als Stein betrachtet, schwer und massig, wider 
standsfähig gegen Feuer und äusserst geeignet, Druckkräfte 
aufzunehmen, entbehrt der Fähigkeit, Zugspannungen auszu 
halten, und bei reinen Steinkonstruktionen sind ihm diese sorg 
fältig abzunehmen. 
Das Eisen dagegen, geeignet, Zugbeanspruchungen gerecht
	        

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