Volltext: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Monatsschrift des Württembg. Vereins für Badkdnde in Stuttgart. 
No. 2 
in den Stirnen durch glatte Quader hervorgehoben sind, zwischen 
einfachen Schalungen betoniert; so wurde eine gleichmässige 
Belastung des Gewölbes erreicht. 
Sodann wurden die Räume ; zwischen diesen ebenfalls in 
symmetrischem Baufortschritte eingebracht, der Schluss erfolgte 
an den Gelenken und zuletzt an der Bruchfuge. 
Dem Betonieren des Gewölbes folgt dasjenige der Ort 
pfeiler, der Entlastungspfeilerchen und der Fahrbahn, sowie das 
Versetzen der Kunststeine. 
Die Ausschalung konnte erst am 28. August, also 8 Wochen 
nach Gewölbeschluss erfolgen, da die Betonierung der Ent 
lastungspfeilerchen und der Fahrbahn auf beiden Gewölbehälften 
nicht gleichzeitig vorgenommen wurde, um die Schalungen von 
einer Hälfte für die andere verwenden zu können. Eine Aus 
schalung durfte aber nicht erfolgen, so lange das Gewölbe nicht 
symmetrisch belastet war. 
Die Ansichtsflächen der Brücke sind in Granitnachahmung 
hergestellt; es wurden Steine des Weissen Jura (Marmorkalk) 
in Grösse von nur 3—4 mm und */ 4 Porphyrsteine von dieser 
Grösse mit Zement im Verhältnis 4 : 1 gemischt. Die gleich 
zeitig mit dem Innenbeton eingestampften Stirnen wurden läng 
stens nach 24 Stunden ausgeschalt und mit Wasser kräftig 
abgebürstet; der noch nicht voll erhärtete Zement wurde so 
an der Aussenseite abgewaschen und die Stirnen' zeigten nach 
dem Abwaschen reine Steinstruktur; die Gewölbestirne ist durch 
Hervorhebung von roten Quadern belebt. Die Steine dieser 
Schichten sind mit rotem Zement und eisenhaltigen kleingepochten 
Steinen hergestellt und ebenso wie die Granitansichtsflächen 
behandelt; sie machen den Eindruck wie rauhe rote Bunt 
sandsteine. Die Gesimse und Konsolen sind nur mit Sand und 
rotem Zement hergestellt und haben das Aussehen wie glatt 
bearbeiteter roter Sandstein. 
Die Fahrbahn ist mittels Asphaltplatten abgedeckt und 
durch Zoreseisen entwässert. 
Im ganzen erforderte die Brücke an Beton für die 
Fundamente 
850 cbm 
1 
Zement 
3 
Sand 
6 Kies 
Gewölbe 
270 
,, 
1 
2 1 /» 
5 Schotter 
Fahrbahn 
72 
1 
2'/, 
5 >, 
Ortspfeiler 
116 
,, 
1 
3 
6 
Entlastungspfeiler 
46 
1, 
1 
') 
3 
6 
Stirne 
26 
1 
4 
— 
Zementkunststeine 
60 
1 
,, 
2 
4 „ 
1440 
cbm 
Beton mit 
rd. 300 to. 
Zement. 
Die Geländerpfosten aus I Eisen sind in die Gehwegplatten 
einbetoniert. 
Absenkung, Probebelastung, dauernde Bewegungen 
und Verkehrsübergabe der Brücke. 
Zur Beobachtung der senkrechten Bewegungen des Scheitels 
und der senkrechten und wagrechten Bewegungen der Kämpfer 
waren Zeigerwerke mit lOfacher Hebersetzung an den Gelenken 
angebracht. Vor der Absenkung wurden zunächst die neben 
den Spindeln angebrachten Holzklötze durchsägt, worauf sie 
ohne besondere Mühe entfernt werden konnten. Dann wurden 
von dem Scheitel aus beginnend und nach beiden Kämpfern zu 
symmetrisch vorschreitend die Spindeln je um eine Um 
drehung nachgelassen, nach zweimaliger Wiederholung dieses 
Vorgehens wurden die Spindeln um eine halbe Umdrehung 
nachgelassen, worauf das Lehrgerüst sich im wesentlichen vom 
Gewölbe gelöst hatte. 
Es betrug die Absenkung im Scheitel 
flussauf 
flussab 
einzeln zus. 
einzeln zus. 
während der Gewölbebetonierung vom 
25. Juni bis 3. Juli 
57,1 
57,1 
67,8 
67,8 
nach Gewölbeschluss vom 3. bis 12. Juli 
7,4 
64,5 
8,3 
76,1 
„ ,, „ 12. Juli bis 
18. August 
2,2 
66,7 
2,8 
78,1 
während des Ablassens 28. 
August. 
12,1 
78,8 
12,5 
90,6 
nach dem Ablassen 28. August bis 
10. September 
6,9 
85,7 
7,3 
97,8 
Bis zu diesem Zeitpunkt wurden 
die Senkungen am 
Zeiger- 
werk abgelesen, nunmehr musste dasselbe, da das Lehrgerüst 
entfernt war, ebenfalls abgebrochen werden, die weiteren Be 
obachtungen wurden mit dem Nivellierinstrument gemacht. 
Es betrug die Senkung noch weiter in der Zeit vom 
10. September 
bis 
11. Oktober 
6,0 
91,7 
6,0 
103,8 
11. Oktober 
23. „ 
7,0 
98,7 
8,0 
111,8 
23. ,, 
30. „ 
1,0 
99,7 
1,0 
112,8 
30. ” 1901 
»1 
1. April 1902 
6,0 
105,7 
9,0 
121,8. 
Damit hatte das Gewölbe seine grösste Senkung erreicht 
seit Gewölbeschluss —: 48,6 mm flussabwärts, 64,0 mm 
flussaufwärts. 
Die grössere Senkung flussaufwärts mag der grösseren 
Nachgiebigkeit des Lehrgerüstes und dem Umstand zuzuschreiben 
sein, dass diese Seite fast genau südlich, die Seite flussabwärts 
fast genau nördlich von der Sonne bestrahlt wird. 
Die weiteren Messungen ergaben folgende Bewegungen des 
Scheitels: 
aufwärts abwärts 
vom 1. April 
bis 3. Juni Hebung 
13 
mm 
13 
mm 
>) 
3. Juni 
,, 1. August Senkung 6 
>? ) 
6 
” ) 
,, 
1. August 
„ 4. Oktober „ 
9 
„ 20 
8 
>> 27 
4. Oktober 
,, 9. Dezember „ 
5 
» > 
13 
9. Dezb. 1901 
„ 30. Jan. 1902 „ 
0 
„ ) 
2 
V ) 
31. Januar 
„ 27. März Hebung 
6 
14 
6 
„ 15 
11 
27. März 
„ 21. Mai 
8 
>, * 
7 
„' 
Die Schwingungen vom Sommer zum Winter auf und 
abwärts betrugen sonach rd. 3,5—4 cm im Scheitel. Eine 
Bewegung der Kämpfergelenke konnte nicht bemerkt werden, 
weder in senkrechter, noch in wagrechter Richtung. 
Die berechnete Scheitelsenkung infolge des Eigengewichtes 
beträgt ohne Rücksicht auf die Temperatur und ohne Rücksicht 
auf die Zusammendrückung der Widerlager nur 15,5 mm, die 
tatsächliche Senkung vom Moment des Gewölbeschlusses, wo 
das Eigenwicht auf den Gewölbequerschnitt zu wirken begann, 
bis nach dem Ablassen betrug nach obigem aufwärts 21,7 mm, 
abwärts 22,8, im Mittel also 22,2 mm. Das Mehr von 6,7 mm 
gegen die Berechnung ist teils der Einwirkung der Temperatur, 
teils meines Erachtens der Volumenveränderung des Gewölbes 
durch Abbinden und Austrocknen zuzuschieben, wobei noch zu 
beachten ist, dass der Elastizitätsmodul, welcher zu 267 000 
angenommen wurde, nicht sicher festzustellen ist. 
Eine kaum ablesbare Bewegung der Drehungszeiger am 
Kämpfer fand statt; mit Rücksicht auf die minimale Senkung 
des Scheitels während des Ausschalens von 12 mm (vor der 
Ausschalung war der Drehungszeiger erst angebracht, derselbe 
musste auch nach dem Ausschalen sofort wieder entfernt 
werden) ist dies erklärlich; bei der Anordnung des Drehungs 
zeigers betrug der Dreharm ‘/ 10 der halben Brückenspannweite, 
es hätte also bei einer Senkung von 12 mm nur eine 
Drehung von rd. 1 mm an der Zeigerspitze beobachtet werden 
können, was bei der rauhen Art der Anordnung dieses 
Zeigerwerks nicht genau festzustellen war; es müsste diese 
kleine Bewegung mit feinen Instrumenten (Spiegelinstrumenten) 
beobachtet werden. 
Bei dem Umstande, dass beständiges Wetter in langen 
Perioden während der ganzen Bauzeit nicht auftrat, wurden 
genaue Temperaturbeobachtungen nicht gemacht, da anzunehmen 
ist, dass die grossen Massen des Gewölbes den häufigen 
Temperaturwechseln nicht sofort folgen und die Uebertragung 
der Aussentemperatur auf die Gewölbetemperatur nur zu irrigen 
Schlüssen führen würde. 
Bei einer Probebelastung mit der 6500 kg schweren Pferde 
walze im Oktober 1900 und mit der 16 000 kg schweren 
Dampfwalze im Mai 1901 zeigte die Brücke elastische 
Schwankungen, welche einen Ausschlag von weniger als 1 mm 
gaben; dauernde Senkungen ergaben sich dabei nicht. 
Am 23. Oktober wurde die Brücke und Strasse in Gegen 
wart der Vertreter Preussens und Württembergs abgenommen 
und dem Verkehr in feierlicher Weise übergeben. 
Irgendwelche Mängel haben sich bislang an der Brücke, 
welche schon mehrere grosse Hochwasser aufgenommen hat, 
nicht gezeigt. 
Die ganze Bauarbeit hat für die Gründung 3 Monate, für 
die übrige Ausführung 7 1 / 2 Monate, zusammen also bei un 
günstigem Wetter 10'/ 2 Monate Bauzeit erfordert.
	        

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