Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Mai bis Oktober deshalb größer als in den andern Monaten, weil 
die Verdunstungsfläche durch die Blätter, Gräser, Halmfrüchte eine 
bedeutend ausgedehntere ist. Erst im Herbst mit dem Laubfall endet 
allmählig das Pflanzeuleben und damit dessen Wasserverbrauch 
und die erhöhte Verdunstung. Dies zeigt sich in der Figur 11 in 
der plötzlichen Zunahme des Verhältnisses der Abflußmenge zum 
Niederschlag um 18 °/o im Monat November gegenüber dem Monat 
Oktober. Der Umstand, daß in den niederschlagreichsten Monat 
Oktober das Minimum des prozentualen Abflusses fällt, hat seinen 
Grund zweifellos in der Austrocknung des der Pflanzendecke beraubten 
Bodens nach der Getreide- und Oehmdernte und der dadurch wesent 
lich vermehrten Aufnahmefähigkeit des Bodens nach der im September 
meist beobachteten anhaltenden Trockenheit. 
Im Mittel der 5 Jahre 1891/95 flössen im Enzgebiet insgesamt 
30,3 °/o des Niederschlags oberflächlich ab. Die alte Regel, daß der 
Abfluß '/s des Niederschlags betrage, hat sich daher im Jahresdurch 
schnitt annähernd bewahrheitet; er fiel aber in dem Monat Oktober 
auf nur 15°/o und stieg im März auf 65"/«. 
Neben den Wasserstandsbeobachtungeil und der Bestimmung der 
Wassermenge ist als weitere unentbehrliche Grundlage für die Beur 
teilung der hydrotechnischen Verhältnisse an einem Flusse die Er 
mittlung des Flußgefälls^zu bezeichnen. 
Von den Württembergischen Flüssen sollen durch das hydro 
graphische Bureau zunächst 65 der bedeutenderen mit zusanimen 
4700 km Länge aufgenommen werden 
Bei der Ausführung des Nivellements werden in Maximal 
entfernungen von 100 Metern die Höhe des Wasserspiegels, des 
Thalweges, des verglichenen Geländes und des etwa vorhandenen 
Leinpfades einnivelliert und der Ober- und Unterwasserspiegel an 
allen Wehren und Werken erhoben. Die Schwankungen des Wasser 
spiegels während der Aufnahme werden an Hilfspegeln, die in Ent 
fernungen von durchschnittlich 20—25 km gesetzt werden, beobachtet 
und ausgeglichen. Ferner wird die Höhenlage der mit dem Flußbau 
in Zusammenhang stehenden Festpunkte wie Pegel, Schleußendrempel, 
Wehrrücken, Fachbäume, Fallen- und Fallenschwellen-Oberkanten, 
Brückenunterkanten, Brückenscheitel und Brückenkämpfer bestimmt. 
Besondere Aufmerksamkeit wird hiebei den an den Gebäuden, Wasser 
werken, Brücken u. dergl. angebrachten Hochwasserzeichen aus früheren 
Zeiten geschenkt. 
Ausgestattet mit den geschilderten Erhebungen wird der Wasser 
bau-Ingenieur in den Stand gesetzt, die Normalquerprofile der Flüsse 
zu berechnen, die Höhenlage und Durchflußgröße der Brücken zu be 
stimmen und die Wasserverhältnisse überhaupt, in Streitfällen jeder 
Art, sachgemäß zu prüfen. Dem Hygieniker sind alle Anhaltspunkte 
zu Untersuchungen bei Flußverunreinigungen geboten. Der Geologe 
erhält dadurch sehr wertvolle Aufschlüsie über die Untergrundsverhält 
nisse, Schichtenwechsel und Erosionswirkungen, dem Landwirt werden 
nützliche Winke zur Anlegung von Be- und Entwässerungen gegeben, 
für den Handel und Verkehr bieten sie die erste Grundlage zur Be 
urteilung von Verkehrseinrichtungen und der Industrie schließlich 
liefern sie eine wertvolle Uebersicht über die Wasserführung und über 
die Höhenlage der vorhandenen nachbarlichen Wassertriebwerke. Zu 
gleicher Zeit lernt man aber aus diesen Aufnahmen auch die Lage 
und Größe der noch nicht ausgenützten, also noch verfügbaren 
Wasserkräfte an den aufgenommenen Flüssen kennen. Die Anzahl der 
noch verfügbaren Wasserkräfte in unserem Lande ist durchaus nicht so 
unbedeutend, als vielfach angenommen wird. In der nachstehenden 
Tabelle wurden beispielsweise die in Württemberg am Neckar, an der 
Donau, der Enz und der Nagold zur Zeit ausgenützten und noch ver 
fügbaren Wassertriebkräfte zu Vergleichszwecken nebeneinander gestellt. 
Name des 
Flusses 
Ausgenützte Wassertriebkräfte 
Verfügbare Wassertriebkrafte 
Anzahl der 
Betriebe 
Pferdestärken 
Anzahl der 
Flußstellen 
Pferdestärken 
Neckar 
122 
9160 
46 
15 661 
Donau 
22 
1280 
22 
6 303 
Enz 
54 
3966 
24 
3 378 
Nagold 
55 
1425 
30 
2 298 
zusammen 
253 
15 831 
122 
27 640 
Die Größe der Was 
erkräfte der be 
sehenden Werke zu dieser Zu- 
sammenstellung wurde teils den Werksbeschreibungen, teils den Erhebungen 
der Zentralstelle für Gewerbe und Handel entnommen, weil die bisher ge 
machten Wassermessungen sich nur auf die ganze Abflußmenge des betr. 
Flusses und nicht auf das in den Werkskanälen abgeführte Triebwasser 
erstrecken. Zur Berechnung der Anzahl Pferdestärken an den verfüg 
baren Kräften sind die sekundlichen Wassermengen bei gemitteltem, 
niederstem Stande während des 5 jährigen Zeitabschnittes 1891—95 
angenommen worden; es muß hiezu bemerkt werden, daß in der 
Praxis der Kraftberechnung meist eine um 50—60°/« größere Wasser 
menge zu Grunde gelegt wird, so daß die verfügbaren Kräfte an 
jenen 4 Flüssen sich auf rund 40000 Pferdestärken erhöhen würden. 
Kleinere Mitteilungen 
Im Verlag von I. Springer, Berlin, ist eine Schrift von 
Baurat Find eisen in Stuttgart erschienen, betitelt „Ratschläge über 
den Blitzschutz der Gebäude, unter besonderer Berücksichtigung der 
landwirtschaftlichen Gebäude", auf das wir unsere Mitglieder auch 
an dieser Stelle aufmerksam machen. Auf Grund eingehender Unter 
suchungen und langjähriger praktischer Erfahrungen wird in dem Buch 
nachgewiesen, daß es der seither üblich gewesenen teuren Blitzableiter 
mit den hohen Auffangstangen gar nicht bedarf, daß vielmehr auf 
weit einfachere und billigere Weise schon zuverlässige Blitzableiter 
hergestellt werden können, sei es durch geschickte Anordnung oder Be 
nützung der an den Gebäuden vorhandenen natürlichen metallischen 
Leitungen, z. B. der Blechabdeckungen der Dachkanten, der Dach 
rinnen und Abfallrohre, der Gas- und Wasserleitungen rc., oder da, 
wo diese natürlichen Leitungen teilweise oder ganz fehlen, durch An 
lage einfacher künstlicher Leitungen nach dem vom Verfasser des 
Buches vertretenen System. 
Wir beglückwünschen den Herrn Verfasser zu der allgemeinen 
und ungeteilten Anerkennung, welche seinem Werke in Gelehrten- und 
Fachkreisen zu teil geworden ist. 
Jubiläum. Am 1. Januar d. I. beging die K. Ministerial- 
abteilung für den Straßen- und Wasserbau das Jubiläum ihres 
50jährigen Bestehens. Am 30. November 1848 ordnete ein K. Dekret 
an, daß die Staatsstraßen- und Wasserbau-Verwaltung, mit der bis 
dahin die Kreisregierungen betraut waren, behufs einer Vereinfachung 
und Beschleunigung des Geschäftsganges unmittelbar an das K. Mini 
sterium des Innern überzugehen habe. Diese Reform hat sich für 
die technische Entwicklung unseres Landes und für die Befriedigung 
der Bedürfnisse des Verkehrs sehr segensreich erwiesen. In der Ge 
schichte der Verwaltung ist der Zeitpunkt besonders bemerkenswert, 
zu dem ein Techniker an ihre Spitze berufen wurde. 
Die 1. Staatsprüfung im Baufach findet im Monat April d. I. 
statt. Zu derselben haben sich 69 Kandidaten gemeldet, nämlich 
24 Bauingenieure, 30 Maschineningenieure und 15 Architekten. 
Personalnachrichten. Der Privatdozent an der hiesigen K. tech 
nischen Hochschule, Karl Haußmann, ist als Professor für Mark 
scheidekunde an die K. technische Hochschule in Aachen berufen worden. 
cheran-gegebr» vom Mürltemd. Verein iür Sanknnde. Für denselben! Ä-ninspektor Neihling. — Drnck von Llfred Müller & ffio. — Verlag non $. Meise', 
choflmchhandlung, sämtlich in Stuttgart.
	        

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