Full text: Die Logik der Dichtung

Die epische Fiktion 
nicht zufällig Beispiele solcher ‘naiven’ Mischung historischen und fiktiona- 
len Erzählens liefert. Für den Dichtungstheoretiker sind aber eben diese 
Beispiele aufschlußreich, weil sie zeigen, daß dennoch diese beiden Arten 
des Erzählens sich auch innerhalb eines fiktionalen Werkes wie Wasser und 
Öl voneinander scheiden und keineswegs zu einer Kunsteinheit sich zu 
sammenfügen. Dann nämlich nicht, wenn dies naiv-unkriüsch und gewisser 
maßen unbewußt erfolgt, unbewußt der Gesetze, die das fiktionale vom 
historischen kategorial unterschiedene Erzählen lenken. Das Stifterbeispiel 
zeigt, daß und warum durch den naiven Einbruch der Wirklichkeitsaussage 
das Fiktionsfeld nicht mit dem wirklichen Erlebnisfeld in eine Beziehung 
treten kann. Es ist nur symptomatisch, daß hier die Wirklichkeitsaussage 
sich nicht zu den fiktiven Personen in Beziehung setzt, und damit also die 
Fiktion ungestört bleibt, oder genauer: nur soweit gestört ist, als sie einfach 
unterbrochen ist. 
Daß es sich im Jean Paul-Beispiel um eine ganz andere Art der durch Ich- 
Einmischung ungestört bleibenden Fiktion handelt, sahen wir bereits. Hier 
setzt sich, im Unterschied zum Stiftertext, die reale Ich-Origo in Beziehung 
zu den fiktiven Personen, aber daß diese trotzdem nicht in eine Beziehung 
zu ihr geraten, sondern ihre Fiktivität sich nur noch deutlicher dem Bewußt 
sein aufdrängt, das hat seinen Grund in der nicht-naiven, sondern humori 
stisch bewußten Weise, in der es geschieht. 
Im >Komet< handelt es sich um einen auch seinem Stoffe nach ausgeprägt 
humoristischen, ja komischen Roman. Und wenn wir zeigen konnten, daß 
hier die Erzählfunktion mit Hilfe der Ich-Einmischung ein Spiel mit sich 
selbst und damit mit der Fiktion anstellt, so kann dagegen eingewendet wer 
den, daß solche Ich-Einmischungen keineswegs nur in Jean Pauls komi 
schen Romanen Vorkommen, sondern reichlich auch in seinen ernst-senti 
mentalen. Daß also unsere aus dem Kometentext gezogene Folgerung des 
Fiktionsspiels der Erzählfunktion offenbar zu eng sei und nicht genüge, die 
Rede von der Subjektivität dieser Erzählweise als fehlerhaft abzuweisen. 
Wenn wir aber nun Zusehen, welche Funktion die Ich-Einmischungen in 
einem Roman wie etwa dem >Titan< haben, werden wir sehen, daß der im 
engeren Sinne komisch-humoristische Roman nur einen Sonderfall einer 
Erzählweise darstellt, die wir darum in einem allgemeineren Sinne humori 
stisch nennen können, weil sie das Problem des fiktionalen Erzählens selbst 
als Problem in sich aufnimmt, und dies unabhängig von dem Inhalt des Ro 
mans. Wir müssen bei dieser Art des humoristischen Romans, der, mit Cer 
vantes als Ahnherrn, im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der kritischen 
Philosophie, sich herausbildete, noch ein wenig verweilen, weil diese literar 
historisch bedeutsame Erscheinung uns die systematischen Verhältnisse, um 
die es uns geht, konkret verdeutlicht. Denn die logische Struktur der Dich
	        

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