Full text: Die Logik der Dichtung

Die fiktionale oder mimetische Gattung 
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tung ist keine Abstraktion von den Erscheinungen der Dichtung, sondern 
kann nur an diesen selbst abgelesen werden. Umgekehrt dienen die gefun 
denen Gesetze der Erhellung der Erscheinungen. Der humoristische Roman 
erschließt sich in seiner Struktur einerseits durch die Unterscheidung zwi 
schen Wirklichkeitsaussage und fiktionalem Erzählen, und umgekehrt lie 
fert er das deutlichste Erkenntnismaterial zu dieser Unterscheidung, damit 
aber zur exakten Deskription des fiktionalen Erzählens, der epischen Fiktion 
selbst. 
Jean Pauls >Titan< ist ebensowenig wie Henry Fieldings >History of Tom 
Jones < ein humoristischer Roman im engeren Sinne. Beide Werke, ihrem 
Stil und Inhalt nach nicht vergleichbar, haben dies gemeinsam, daß sie Ein 
lagen haben, die sich mit dem Erzählen des Romans selbst beschäftigen. Bei 
Fielding ist dies einerseits systematischer, anderseits einfacher als bei Jean 
Paul durchgeführt, und darum gehen wir von ihm aus. Fielding war sich 
bewußt, ein »Neutöner« auf dem Gebiete des Romanschreibens zu sein, 
»the founder of a new province of writing«, und deutlich bestand dies Be 
wußtsein in der Erkenntnis der Sonderart des fiktionalen Erzählens, der 
Erkenntnis, daß dieses anderen Gesetzen gehorche als das übrige Erzählen, 
»so I am at liberty to make what laws I please therein«. Ihn beschäftigt das 
Problem, und er sucht es zu lösen, daß einerseits der Roman ein Bild der 
Wirklichkeit geben soll, »a history«, und nicht »a romance« oder »novel« 
(unddarumgibt er demRoman denTitel >History of Tom Jones<), anderseits 
aber doch nur eine fiktive Wirklichkeit darstellen kann, für die der Roman 
verfasser die Gesetze selbst machen muß - und zwar eben darum weil die 
erzählte Wirklichkeit um des Erzähltseins willen nicht die wirkliche Wirk 
lichkeit ist, ja sie im Grunde eigentlich garnicht ‘darstellen’ kann. Auf dieses 
Problem aber stieß Fielding an einem Phänomen, das sonst erst heutzutage 
die Romantheoretiker beschäftigt hat, nämlich das der Darstellung der Zeit. 
Das Verhältnis zwischen der fiktiven und der wirklichen oder historischen 
Zeit ist eins seiner Grundprobleme. Und er sucht es schon dadurch zum 
Ausdruck zu bringen, daß er die Romanzeit als Titelüberschrift der einzel 
nen Kapitel setzt: »Containing the time of a year, containing about three 
weeks, two days, twelve hours« usw. Er sah hier ein Problem, eben weil er 
beim Erzählen seiner Geschichte bemerkte, daß sich die Zeit garnicht er 
zählen ließ, daß das Bewußtsein von ihr gerade in der Fiktion abhanden 
kommt, weil diese nicht wie das historische Erzählen Ereignisse bloß an 
gibt und datiert, sondern den Schein eines Lebens erweckt, das sich wie das 
wirkliche Leben ohne Reflexion auf die Zeit, in der es abläuft, vollzieht. Er 
bemerkte dies, ohne zu völliger Klarheit über die im fiktionalen Erzählen 
gelegenen logisch strukturellen Ursachen dieser Erscheinung zu kommen, 
wenn er sagt: »when any extraordinary scene presents, we shall spare no
	        

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