Volltext: Die Logik der Dichtung

Die epische Fiktion 
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pains nor paper to open it at large to our readers, but if whole years pass 
without proceeding anything worthy his notice. . . we shall leave such 
periods of time totally unobserved« (II, i). Erbemerkte nicht, daß er mit die 
sem Satze die Romanzeit, die er durch die Kapitelüberschriften bezeichnen 
wollte, wieder aufhob, daß weder der Erzähler noch der Leser auf die Zeit 
achtet, in der sich das erzählte Geschehen und Erleben abrollt, weil die 
‘Erzählzeit’ nicht die ‘erzählte Zeit’ ist 45 , ja daß überhaupt nicht Zeit 
erzählt wird, sondern Geschehen, Leben - und damit die zeitangebenden 
Kapitelüberschriften in seinem wie in jedem anderen Roman überflüssig 
sind. Aber für Fielding war nicht die Darstellung der Zeit als Erlebniskate 
gorie das Problem (dies wurde sie, wie oben erwähnt, erst im modernen 
Entwicklungsstadium des Romans), für ihn war sie ein Kriterium und eine 
Art Crux für den Fiktionscharakter der Romanwirklichkeit, eine ungewöhn 
lich scharfsinnige Beobachtung in dieser Epoche (1745), die in aller ihrer 
dichtungstechnischen Pragmatik doch darauf abzielt, Erkenntnisse über den 
eigentümlichen Ort der Fiktion im Denk- und Sprachsystem zu gewinnen. 
Und unter eben diesem Gesichtspunkt sind nun die theoretischen betrach 
tenden Einlagen zu beurteilen, mit denen er jedes der achtzehn Bücher des 
>Tom Jones< einleitet. Sie enthalten seine Romantheorie, Erörterungen 
über den Unterschied und die Ähnlichkeit zwischen ‘history’ und Roman 
und dergleichen mehr, und indem er auf diese bewußt kritische Weise die 
Romantheorie in den Roman selbst einbaut, macht er diesen, unbeschadet 
seines Inhalts, zu einer humoristischen Angelegenheit. Daß die Grundhal 
tung des >Tom Jones< humoristisch ist, liegt eigentümlicherweise weder an 
den theoretischen Betrachtungen noch an der Geschichte selbst. Beide sind 
an und für sich nicht im eigentlichen Sinne humoristisch. Aber der humori 
stische Grundton kommt dadurch zustande, daß durch die romantheoreti 
schen Erörterungen immer von neuem das Bewußtsein wachgehalten wird, 
daß ein Roman keine Wirklichkeit ist, sondern Illusion, Schein, Fiktion, 
ein Leben nicht als Leben, sondern - wie später Novalis sagte - als Buch. 
Mag die Scheinwirklichkeit, die der Roman erzählt, auch noch so wenig 
komisch sein, sie erscheint im humoristischen Lichte eben dadurch, daß sie 
‘gemacht’ ist (ein TtoiEiv), daß ihr Schöpfer mit ihr spielen, sie aufheben und 
wiederherstellen kann, daß diese Wirklichkeit sich sozusagen selbst nicht 
ernst zu nehmen braucht. So finden wir denn auch nur in humoristischen 
Romanen Hinweise auf die Kapiteleinteilung, d. h. Hinweise darauf, daß das 
was hier erzählt ist, nur der Inhalt eines Buches ist und schon deshalb nicht 
mit der Schwere, dem blutigen Ernst, der grausamen Willkür des wirklichen 
Lebens behaftet ist. Immer wieder heißt es: »As we have seen in the chapter 
45. Dies ist die bekannte Terminologie und das Problem der Untersuchungen GMüllers und seiner 
Schule. Vgl. hierzu meine oben Anm. 43 zitierte Arbeit in DVJS.
	        

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