Full text: Die Logik der Dichtung

Die epische Fiktion 
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Es kam uns hier nicht auf eine eingehende Analyse des humoristischen 
Stils der Engländer und Jean Pauls an, sondern es wurde diese in jener 
Epoche so ausgeprägte Erzählweise benutzt, weil sie das Wesen der epischen 
Erzählfunktion besonders deutlich hervortreten läßt und nicht zufällig von 
diesen ihren Vertretern selbst als Eigentümlichkeit des fiktionalen Erzäh 
lens, im Unterschied zum historischen, verstanden, interpretiert und künst 
lerisch ausgewertet wurde (wie hier nur skizzenhaft angedeutet werden 
konnte). Der Spaß, den gerade Jean Paul mit seinen Gestalten treibt - in den 
humoristischen sowohl wie in den ernsten Werken, und zwischen ihnen ist 
in der Totalität seines Werkes die Grenze unbestimmt -, hat seine ihm mehr 
oder weniger bewußte Ursache darin, daß er sich immer wieder belustigt 
besinnt auf den eigentümlichen‘Schöpferakt’des Romanerzählers, nicht etwa 
von Personen zu erzählen, sondern sie zu erzählen, erzählend hervorzubrin 
gen in der ‘Subjektivität’ ihrer Existenz, ein Vorgang, der seinen einzigen 
logischen Ort in der erzählenden Dichtung hat und deren Gesetz bestimmt. 
Und eben dort, wo sich der Dichter nicht völlig dem Gesetz des Erzählens 
unterwirft, d. h. aber nicht ganz in der erzählten Sache aufgeht, sondern sich 
dieses Gesetzes bewußt wird, hat der epische Humor seine Quelle, den man 
denn auch vielleicht mehr, als dies bisher geschehen ist, auf die ‘Logik der 
Fiktion’ zurückführen müßte. Denn eben sie erlaubt das Fiktionsspiel, in 
dem der epische ‘Großhumor’ immer seine Wurzel hat, bei Jean Paul und 
den Engländern nicht anders wie im >Don Quijote< und dem Josephroman 
Thomas Manns. Das Fiktionsspiel kann aber naturgemäß nur im humoristi 
schen Roman stattfinden, denn das nichthumoristische Erzählen würde sein 
Produkt, die Fiktion, und damit sich selbst aufheben, wenn es sie nicht ernst 
nähme, d.h. sich ihrer Fiktivität bewußt würde oder sie bewußt machte. 
Gerade darum ist der epische Humor ein besonders gut verdeutlichendes 
Mittel für die Erkenntnis des fiktionalen Erzählens, das eben dort, wo es 
nicht - im Kantischen Sinne - ‘naiv’ sondern ‘kritisch’ gehandhabt wird, in 
seiner Eigenart hervortritt. 
Die Erkenntnis aber, die uns der humoristische Stil verdeutlicht, ist die, 
daß dieser Stil, mit allen seinen Ich-Einmischungen, dennoch nicht ‘sub 
jektiver’ ist als die Erzählweise des >Jürg Jenatsdn oder der anderen Bei 
spiele aus Kleist, Bergengruen, Fontane, das aber heißt die Erkenntnis, daß 
fiktionales Erzählen stilistisch zwar sehr verschiedenartig sein kann, aber 
logisch immer von derselben Struktur ist. Zweifellos empfinden wir das 
arabeske Spiel der Jean Paulschen Erzählweise, dies Spiel der Erzählfunk 
tion mit sich selbst, als eine »Digression von der Sache« (wie er es selbst 
ausgedrückt hat), nämlich als weitschweifig. Aber auch andere Erzählwei 
sen, die nicht mit sich selbst spielen, können wir als weitschweifig erleben 
und uns, je nach unserem Geschmacke, unter Umständen dabei langweilen.
	        

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