Full text: Die Logik der Dichtung

Die fiktionale oder mimetische Gattung 
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matik, nicht aber die epische ist. Und dies, auf den ersten Blick paradoxer 
weise, obwohl die Zeit als Problem der Gestaltung und des sinnhaften Ge 
halts wiederum nur in der erzählenden Dichtung thematisch werden kann. 
Dies scheinbare Paradoxon hängt aber damit zusammen und löst sich darin 
auf, daß gerade die Zeit als Form der physischen Wirklichkeit, d. h. aber diese 
selbst, nicht in die Struktur der epischen Dichtung eintritt. Die Fiktion, die 
sie erschafft, verharrt im Modus des Vorgestelltseins und bedarf zu ihrer 
Erfüllung des Modus der Wahrnehmung nicht. Als Fiktion aber ist sie, wie 
eingehend zu zeigen versucht wurde, auch jener Zeitform enthoben, die im 
Modus der Vorstellung lebt, aber nur für das geschichtliche Denken gültig 
ist: der Vergangenheit. Wenn in neuerer Zeit, begründet durch die Theorie 
G. Müllers 79 , die Zeit als Faktor physischer Wirklichkeit, nämlich als »Er 
zählzeit«, also als Längen- und Zeitmaß, das für die Herstellung und phy 
sische Existenz eines erzählenden Werkes als Buch gültig ist, auch als Maß 
stab für die in ihm geschilderte fiktive Welt und Handlung benutzt wurde 
und aus dem Verhältnis von »Erzählzeit und erzählter Zeit« Schlüsse für 
Struktur und Sinngehalt bestimmter erzählender Dichtungen gezogen wur 
den - so beruht dies auf einer Verkennung der Existenzform als auch des 
Zeitproblems der epischen Dichtung. Erzählzeit wird ja nicht nur ver 
braucht, um den zeitlichen Fortgang der epischen Handlung zu erzählen, 
sondern auch für die Darstellung von Gegenständlichem und Reflektori 
schem (die mehr oder weniger ‘weitschweifig’ sein kann), und, um am ein 
fachsten Beispiel zu demonstrieren, die Beschreibung »blondes Haar« be 
darf geringerer Erzählzeit als der Ausdruck »schimmerndes blondes Haar«. 
Die Zeit aber erscheint in der erzählenden Dichtung nur als fiktives Element 
der fiktiven epischen Welt, als ein Stoffelement nicht anders als etwa der in 
ihr geschilderte Raum. Das Zeitelement ist in den meisten Fällen mit dem 
Gange der Handlung mitgegeben, mehr oder weniger unbetont, und es 
wird, wie hier nur angedeutet werden kann, zum strukturellen oder sinn 
haltigen Problem nur dann, wenn es als solches thematisch wird, wie es in 
moderner Epik, im Joyceschen >Ulysses<, im >Zauberberg< und >Joseph- 
roman< von Thomas Mann, in >Mrs. Dallowayt von Virginia Woolf, der 
Fall ist. Hinsichtlich einer Erzählzeit aber würde dasselbe für das Drama 
gelten, wenn dieses nur als Buch in der physischen Wirklichkeit existierte. 
Auch »Wallensteint, der in der Säkular-Schillerausgabe einen ganzen Band 
für sich allein in Anspruch nimmt, hat eine längere »Erzählzeit« als »Die 
Räuber<, deren Handlung sich offenbar über eine längere fiktive Zeit er 
streckt als die Wallenstein-Trilogie. 
79. GMüUer: Über das Zeitgerüst des Erzählens (DVJS 24. Jg. 1951) und: Erzählzeit und erzählte 
Zeit (Festschrift PKluckhohn’46). Vgl. dazu m. Aufsatz: Die Zeitlosigkeit d. Dichtung (DVJS 29. Jg. 
Heft 5 -55)
	        

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