Full text: Die Logik der Dichtung

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Die fiktionale oder minietische Gattung 
tritt der erkenntnistheoretische Fehler hervor. Wenn die Handlung nicht in 
zwei Stunden gepreßt werden kann, » si nous ne pouvons pas la renfermer 
dans ces deux heures, prenons en quatre, six, dix; mais ne passons pas de 
beaucoup les vingt, les vingt-quatre heures de peur de tomber dans le 
dérèglement, et de réduire tellement le portrait en petit qu’il n’ait plus ses 
dimensions proportionnées et ne soit qu’imperfection.« 83 
Es wurde nicht bemerkt, daß auch eine verhältnismäßig kleine Differenz 
zwischen Handlungs- und Aufführungszeit den kategorialen Unterschied 
der fiktiven und realen Zeit in sich birgt und es demgegenüber ohne Belang 
ist, ob die Differenz zwischen diesen Zeiten Stunden, Tage, Wochen oder 
selbst Jahre ausmacht 84 , ja daß dieser Unterschied auch dann vorhanden ist, 
wenn beide Zeiten zusammenfallen, genauer als zusammenfallend gedacht 
werden, und es eben nur für die Aufführung, nicht aber für die Handlung 
gilt, daß sie so und so lange dauert. Eine Dauer, die ihrerseits nur mit der 
Uhr festzustellen ist und eben deshalb irrelevant ist, weil der Zuschauer ihrer 
so wenig gewärtig ist wie der Leser eines Romans der Zeit, die er zum Lesen 
braucht 85 . Denn es gilt auch für das aufgeführte Drama, nicht nur für das 
gelesene, dasselbe wie für die erzählte Fiktion: daß der es Apperzipierende, 
also hier der Zuschauer, mit seiner Ich-Origo nicht in der fiktiven, imagi 
nären Welt anwesend ist, die sich vor ihm abspielt, gleichgültig ob vor 
seinem inneren, bloß vorstehenden Auge oder seinem wahrnehmenden. 
Die physische, wahrnehmbare Form der Bühne kann leicht die Einsicht 
verdecken, daß sie so gut wie ein erzählter Schauplatz ein gedachter, ima 
ginärer, fiktiver Raum ist, Raum und Zeit in ihrem Bereiche gleichfalls be 
griffliche und nicht deiktische Form haben. Und wenn wir oben, an die Pro 
blematik heranführend, zunächst sagten, daß die dramatische Gestalt und 
Welt durch ihre szenische Verkörperung in dieselbe physische Wirklichkeit 
eintritt wie die des Zuschauers, so ist diese Formulierung nun dahin zu mo 
difizieren, daß die an und für sich physische Wirklichkeit der Bühne dennoch 
nicht dieselbe ist wie die des Zuschauers als auch des Schauspielers selbst. 
Die Problematik, die hierin enthalten ist, hat sich nicht mit der klassischen 
Einheitstheorie erledigt, der sie, auch aus bühnentechnischen Gründen, un- 
83. Corneille: Chefs d’Oeuvre II, Paris 1883 p. 453 
84. Diesen Denkfehler stellte bereits AW Schlegel fest, der anläßlich der Einheitsregeln Corneilles 
sagt: „Denn der einzige Grund der Regel ist ja doch die Beobachtung einer, wie man vermeynt, zur 
Täuschung nothwendigen Wahrscheinlichkeit, daß die vorgestellte und die wirkliche Zeit einerley sei. 
Gibt man einmal zwischen beyden einen Abstand wie den von zwei bis dreißig Stunden zu, so kann 
man mit eben so gutem Fug noch viel weiter gehen. Der Begriff der Täuschung hat in der Kunst 
theorie große Irrungen angerichtet.“ Über dramatische Kunst und Literatur (9. Vorlesung) 
85. vgl. hierzu auch Junghans: Zeit im Drama, i6f; 51 f. In diesem Buche ist das dramatische Zeit 
problem (unterschieden als Zeiterstreckung, Zeitbewältigung und Dauer) an reichem Material er 
schöpfend behandelt, in vieler Hinsicht eine Bestätigung der hier ausschließlich von erkenntnistheo 
retischem Gesichtspunkt behandelten Problemlage.
	        

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