Full text: Die Logik der Dichtung

Das System der Wirklichkeitsaussage und der Ort der Lyrik 
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Reim. In der Tat würde diese auch ein keineswegs ausreichendes, ja sogar 
unbrauchbares Kriterium sein: denn es gibt einerseits Lyrik in nicht-metri 
scher Form (z.B. Trakls »Offenbarung und Untergang«), anderseits krasseste 
Alltagsprosa in metrischer und gereimter Form: vom Wunschzettel des 
Kindes bis zum Reklamevers, und unzähliges »Gereimtes« dazwischen. 
Es ist richtig, daß das Eichendorffsche Mond-Gedicht und in noch weit 
höherem Grade die Rilkesche Briefbeschreibung besonders ausgewählte 
Spezialfälle sind. Es wird sich aber zeigen, daß sie Spezialfälle nur in dem 
Sinne sind, daß sie nur ihrer Art und ihrem Grade nach, aber nicht prinzi 
piell und strukturell von den allgemeinen in echtem Sinne systematischen 
Verhältnissen unterschieden sind, um die es hier geht. Für die Erkenntnis 
ihrer Struktur kommt es zunächst auf den Brief als ein historisches Doku 
ment, eine einfache, unmittelbar als solche zu erkennende Wirklichkeits 
aussage an, wie wir sie oben 1 leicht an ihm aufzeigen konnten. Diente dieses 
historische Dokument uns zunächst als Gegenbeispiel eines echten Aussage 
subjekts zu dem unechten epischen Ich des Romans, so wird es uns nun 
wiederum als Erkenntnisinstrument für die Bestimmung der Lyrik dienen, 
genauer des zwar empfindlichen, aber exakt zu bestimmenden Ortes, den 
sie im System der Wirklichkeitsaussage einnimmt. 
Keineswegs aber können wir den Rilkebrief als solchen zu diesem Zwecke 
gebrauchen. Eben die Tatsache, daß er ein Spezialfall der Wirklichkeitsaus 
sage ist, enthält die Möglichkeit, von ihm als Spezialfall zunächst dadurch 
abzusehen, daß wir diesen Spezialfall erweitern. Das Aussagesubjekt oder 
das Ich dieses Briefes hatten wir mit gutem Recht ein historisches Ich nennen 
können, weil der Brief die Aussage über ein wie immer auch privates Er 
eignis der geschichtlichen Wirklichkeit ist. Es bedarf keiner Erwähnung, 
daß historische Aussagen, von den privatesten bis zu den allgemeinsten, ge 
schichtswissenschaftlichen, nicht die Totalität des Aussagegebiets aus 
machen. Um von diesem einen konkreten Begriff zu vermitteln, setzen wir 
eine nach bestimmten Gesichtspunkten geordnete Reihe von Wirklichkeits 
aussagen hierher, die wir mit dem Beispiel des zu diesem Zwecke nochmals 
abgedruckten Rilkebriefes beginnen: 
1. Mitten im Geläute von zehn kleinen Glocken ging es durch eine lange Lindenallee - 
der Schlitten bog aus, und da war der Schloßplatz, eingefaßt von den kleinen Seitenflügeln 
des Schlosses. Dort aber, wo vier Treppen mühsam und schwer aus dem Schnee des Platzes 
zur Terrasse hinaufstiegen und wo diese Terrasse auf das Schloß vorzubereiten glaubte, dort 
war nichts, nichts als ein paar schneeversunkene Büsche, und Himmel, grauer, zitternder 
Himmel, aus dessen Dämmerung sich fallende Flocken auslösten. 
2. Karl der Große regierte von 768 bis 814. 
I. 8. S. 23 f
	        

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