Full text: Die Logik der Dichtung

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Die Sonderformen 
welches liegt auf jedem Atemzug. 
Daß man endlich einmal durch das Fenster winkte; 
diese schlanke Hand, die neuberingte, 
hätte dran für Monate genug. 
In diesem Gedicht, das wir nach dem Willen des Dichters jedenfalls als ein 
Gemäldegedicht aufzufassen haben 3 und auch kaum anders auffassen kön 
nen, ist etwas anderes vor sich gegangen als im Amorgedicht Herders. Be 
reits das sehr auffällige Imperfekt löst die Figur aus der Bildhaftigkeit 4 und 
verwandelt diese unmerklich in eine Romansituation, die nun weiter durch 
eine Art von erlebter Rede-Technik - »daß man einmal etwas erst in die 
Schatullen legen dürfte« .. . »daß man einmal durch das Fenster winkte« - 
intensiviert wird. Die Gestalt beginnt aus sich selbst zu leben, ihr fiktives 
Ich das lyrische Ich des Gedichtes zu verdrängen, dieses nicht mehr auszu 
sagen, sondern sich leise in eine fiktionale Erzählfunktion zu verwandeln, 
die hier vom Bericht in die erlebte Rede-Form hinüberfluktuiert. Dennoch 
ist durch die Kunst des Dichters das Bewußtsein aufrechterhalten, daß es ein 
Bild ist, das zu solch romanhafter Interpretation der Anlaß war, und die 
bewegte Spannung zwischen der Aussage eines lyrisch beschreibenden Ich 
und einer erzeugenden Erzählfunktion gibt diesem Gemäldegedicht nicht 
nur seinen Reiz, sondern macht es aufschlußreich in Bezug auf die einzig 
artige Rolle, die die menschliche Gestalt für die Struktur des Dichtungs 
systems spielt. 
Wir betrachten ein weiteres Bildgedicht Rilkes, das bereits, nicht zuletzt 
auch um seines historischen Stoffes willen, dem Raum der Ballade nahe 
steht: >Der letzte Graf von Brederode entzieht sich türkischer Gefangen- 
schaft.< Die Bildszene (nach einem unbedeutenden historischen Gemälde 5 ) 
ist gleichfalls mit Hilfe des Imperfekts in eine epische Szene umgeformt: 
Sie folgten furchtbar, ihren bunten Tod 
von ferne nach ihm werfend, während er 
verloren floh, nichts weiter als: bedroht. 
Die Ferne seiner Väter schien nicht mehr 
3. Das Bild- und Dingbeschreiben, das Rilke in den .Neuen Gedichten' ja bis zur Virtuosität ge 
pflegt hat, setzt sich dort auch häufig in einem umgekehrten Sinne durch, derart, daß an sich Nicht- 
Bildmäßiges, sondern eine irgendwie erlebte menschliche Wirklichkeit in eine Biidsituation umgeformt 
wird. Es gibt da ausgesprochene Grenzgedichte, z. B. das .Bildnis' betitelte Gedicht (Ges. W. III, 201). 
Der Titel dieses Gedichts, das sich auf die Düse bezieht, kann den Sinn eines geistigen Bildnisses 
haben, während das oben herangezogene ,Damenbildnis' so geartet ist, daß es seine Anregung aus 
einem Portrait, möglicherweise auch einer Photographie, nicht verbirgt. 
4. Dieses Imperfekt spricht nicht gegen den Charakter des Bildgedichtes. Auch das Skulpturen 
gedicht .Kretische Artemis’ (Ges. Werke III,118) weist es auf und hat hier die Wirkung, daß hinter der 
Plastik das mythische ‘Urbild’ der Göttin und damit die mythische Zeit selbst entworfen wird, d. h. 
der Bereich der Kunst in den Bereich der Geschichte transponiert wird. 
5. s. dazu Rosenfeld: Bildgedicht, 232
	        

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