Die Ballade und ihr Verhältnis %u Bild- und Rollengedicht
für ihn zu gelten; denn um so zu fliehn
genügt ein Tier vor Jägern.
Das fliehende Reiten ist als Bewegung, als Handlung erkennbar:
Bis der Fluß
aufrauschte nah und blitzend. Ein Entschluß
hob ihn samt seiner Not und machte ihn
wieder zum Knaben fürstiichen Geblütes.
Ein Lächeln adliger Frauen goß
noch einmal Süßigkeit in sein verfrühtes
vollendetes Gesicht. Er zwang sein Roß
groß wie sein Herz gehn, sein blutdurchglühtes:
es trug ihn in den Strom wie in sein Schloß.
Dieses Bildsonett ist darum aufschlußreich für das Balladenproblem, weil
ihm sein Ursprung aus einem Gemäldemotiv nicht mehr anzusehen ist. Und
auch hier ist das lyrische Ich nahe daran, von einer fiktionalisierenden Erzählfunktion
ersetzt zu werden. Eben deshalb aber wählten wir ein balladennahes
Bildgedicht Rilkes, weil in dieser modernen Form und auch bedingt
durch das hochentwickelte Kunstbewußtsein dieses Dichters noch die
Grenze fühlbar ist, die es dennoch im autochthon lyrischen Raum festhält,
derart daß die Erzählung der fiktiven Situation, des Geschehens, der Gestalt
als lyrisches Phänomen erhalten bleibt. Das Geheimnis ist, daß die Gestalt
als eine Art poetischer Vision beschworen wird, erhoben nun gleichsam
in eine höhere Bildhaftigkeit, und die darstellerisch fiktionalisierenden Mittel
der Erzählfunktion nicht über ihre gewissermaßen noch lyrischen Möglichkeiten
hinaus ausgenützt sind. (Ein künstlerisches Verfahren, das auch andere
nicht aus Bildmotiven entstandene Gestaltengedichte Rilkes charakterisiert,
wie »Orpheus. Eurydike. Hermes.< und >Alkestis<.) Ein weit naiveres
Balladengefühl ist, wie nicht zu verwundern, in dem Bildgedicht C. F. Meyers
> Die Fei< wirksam. Hier ist das Gemäldemotiv nach einem Bilde Schwinds
gänzlich in Erzählung aufgelöst, mit allen Mitteln der Erzählfunktion als
Bericht und direkter Rede, wobei nun durch die kunstvolle, dramatisch
knappe, in die Wechselrede der Figuren verlegte symbolische Deutung der
Nixenerscheinung als einer verratenen Geliebten ein lyrisches Ich nicht mehr
erscheint.
Die Fälle sind nicht allzu häufig, wo ein Bildgedicht zugleich Ballade ist,
aber diese Fälle sind für den Zusammenhang der Ballade mit dem lyrischen
Bereiche von systematischer und erkenntniskräftiger Bedeutsamkeit. Und
dieser Zusammenhang .damit die verwickelte Phänomenologie des lyrischen