Die Sonderformen
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Grenzraums, in dem sich noch die Ballade befindet, baut sich noch weiter
aus durch die Erscheinung des Rollengedichts, dessen Ort im Dichtungssystem
von noch höherem Interesse ist als der des Bildgedichtes. Es steht
gleichsam in einem Knotenpunkt der Gattungsgebiete, in dem sich Linien,
die vom Bildgedicht herkommen, zur Ballade hinziehen, durch den aber
auch solche Linien gehen, die gleichfalls aus dem Gebiete der Lyrik herkommend
sich zur Icherzählung ausbreiten. Der sprachlogische Grund für diese
seine vieldeutig ambivalente Stellung aber ist seine Ichform. Sie ist zunächst
der Grund dafür, daß es historisch gesehen das Rollengedicht ist, das den
Keim zur Bildung einer Balladenform auf dem Wege über das Bildgedicht
bildet. Rosenfeld hat als eine Wurzel der Entstehung des Rollengedichts
schon das antike Bildepigramm festgestellt, nämlich »die Fiktion, daß das
Bildwerk spricht und sich vorstellt« 6 , eine Erscheinung, die sich, wie er
zeigt, bei den Epigrammata des Mittelalters, den Spruchbandtituli und später
den sog. Bilderbogen der Renaissance wiederholte. Enthielt nun ein solcher
Bilderbogen mehrere Figuren, war der Keim für die balladeske Form
des Bildgedichts gegeben, zunächst eine dialogische Form, aber in Fällen,
wo der Dichter als Interpret des Bildes auftritt, stellte sich ein echtes fiktionales
Erzählen her 7 . - Wie aber das Bildgedicht ja nur eine der Entstehungsquellen
der Ballade ist und relevant erst für die Kunstballade wird, so ist
auch das Rollengedicht als Bildgedicht nur eine ihrer genetischen Ursachen.
Eins seiner deutlichsten Beispiele sind die >Zwei Gemäldeschilderungen<
Wackenroders in den »Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders«
:
»Warum bin ich doch so überselig
Und zum allerhöchsten Glück erlesen
Das die Erde jemals tragen mag?«
spricht Maria,
»Hübsch und bunt ist die Welt um mich her
Doch ist mir nicht wie den anderen Kindern«
spricht das Jesuskind des so ‘beschriebenen’ Gemäldes >Die heilige
Jungfrau mit dem Christuskind und der kleine Johannes«. Deutlich zeigt
sich, daß das Bildgedicht als Rollengedicht sogleich und notwendigerweise
seinen Charakter als Bildgedicht verliert, weil die Figuren sich selbst darstellen.
Und eben diese der monodramatischen ähnliche Ichform ist es,
die das Rollengedicht zu einem ‘zweideutigen’ Gebilde, es sowohl als echtes
lyrisches Gebilde, wie auch als fiktionales, als Balladengebilde möglich
6. Rosenfeld: Bildgedicht, 13
7. ebd. S. 38