Volltext : Die Logik der Dichtung

Die  Ballade  und  ihr  Verhältnis  Bild-  und  Rollengedicht

sondern  der  Form  und  Struktur.  Sehr  deutlich  führt  in  die  Problematik  der
Ballade  vom  Standpunkt  modernen  Lebens-  und  Kunstbewußtseins  ein
Selbstbekenntnis  des  Balladendichters  Börries  von  Münchhausen  ein,  an  das
wir  diese  kritische  Betrachtung  anknüpfen  wollen,  weil  es  gerade  dichtungstheoretisch ­
  besonders  aufschlußreich  ist.  Er  benennt  es  >Balladen<  und  bekennt ­
  :

Tausend  Nächte  saß  ich  gottverlassen
und  erlebte  immer  wieder  Mich,
Bis  mein  Hoffen,  Fürchten,  Lieben,  Hassen
In  gespensterhafte  Helden  wich.

Helden  schuf  ich  und  der  Helden  Feinde
Und  ihr  Kampf  gab  Frieden  meiner  Brust

Männer  schuf  ich  und  schuf  stille  Frauen
Und  erlöste  Mann  in  mir  und  Weib,
Denn  mit  wunderlichem  Selbstvertrauen
Gab  ich  meine  Seele  jedem  Leib.
Aber  was  aus  dieser  Brust  entsprungen,
Sieht  mich  heute  fremd  und  finster  an,
Seit  ich  ihm  mein  Leben  eingesungen,
Löste  es  sich  ganz  aus  meinem  Bann.
Gleichberechtigt  meinem  eigenen  Leben
Ward  der  Wirklichkeit  gewordne  Traum,
Die  befreienden  Befreiten  schweben
Heute  mir  vorbei  und  grüßen  kaum.

Die  Diskrepanz  zwischen  der  lyrischen  und  der  episch  fiktionalen  Haltung,
die  solches  Balladendichten  prägt,  kann  nicht  deutlicher  zum  Ausdruck  gebracht ­
  sein.  Dieser  Dichter  fühlte  sich  als  Lyriker  -  »und  erlebte  immer
wieder  mich«  -,  der  statt  den  Erlebnisraum  seines  Dichter-Ich  auszusagen,
sich  »mit  wunderlichem  Selbstvertrauen«  an  fremde  Gestalten  hingegeben,
die  nun  ihn  verraten,  weil  er  sein  Dichtertum  an  sie  verraten  hat.  Und  fassen
wir  dieses  Gedicht  in  dem  weiteren  programmatischen  Sinne  auf,  der  durch
seinen  Titel  angegeben  ist,  so  wird  der  Begriff  Ballade  zum  Ausdruck  einer
Dichtungssituation,  die  -  zugespitzt  ausgedrückt  -  Verrat  der  Lyrik  an  die
Fiktion,  aber  auch  umgekehrt  Verrat  der  fiktionalen  Gesetze  an  die  Lyrik
bedeutet.  Denn  auf  lyrische  Weise  können  eben  keine  »Helden  geschaffen«
werden  noch  auch  »der  Helden  Feinde«.  Lyrisch  kann  nur  vom  Helden
ausgesagt  werden.  Sind  diese  Helden  -  was  hier  nur  paradigmatisch  zu  ver ­
            
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