Volltext: Die Logik der Dichtung

Die Ballade und ihr Verhältnis syt Bild- und Rollengedicht 
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ihr Gegenstand sind. Aber die Gestalten des reinen, noch nicht balladisch 
gewordenen Bildgedichtes sind, wie zu zeigen versucht wurde, in das Er 
lebnisfeld des lyrischen Aussagesubjekts gebannt, d.h. sie sind nicht fiktio- 
nalisiert. Aus diesem Grunde können Bildgedichte in jeder Epoche der 
Lyrik legitim wieder erscheinen wie jeder andere lyrische Erlebnisstoff auch. 
Ja, es können sogar, wie manche der »Neuen Gedichte< Rilkes (Der Bettler, 
Der Blinde u.a.) Gestaltengedichte auftreten, die nicht mehr Kunstge 
bilde, sondern reale menschliche Gestalten zum Gegenstand haben: ver 
bleiben diese ‘Objekte’ der Aussage, im exakten logischen Sinne, sind diese 
Gedichte strukturell nicht von anderer Art als andere Dinggedichte auch. 
Anders, und weniger entschieden, verhält es sich nun mit dem Rollen 
gedicht, das eine Zwischenform zwischen Bildgedicht und Ballade ist. Seine 
Stellung in der Lyrik ist weit unbestimmter, ambivalenter. Wenn wir es 
bisher nur in seinem Verhältnis zu Bildgedicht und Ballade betrachtet haben, 
so enthält es doch auch noch einen anderen Aspekt, nämlich den direkten 
Bezug zur lyrischen Aussage, zum lyrischen Ich selbst. Hier wird das ein 
fache Moment entscheidend, daß das Rollengedicht ein Ichgedicht ist. Und 
keineswegs immer ist ja das Bildgedicht der Keim des Rollengedichtes, 
nicht immer ist es spezifisch monodramatischer Art, d. h. einer erfundenen, 
fiktiven Gestalt in den Mund gelegt, die sich in Ichrede äußert. So scheint 
es sich zu verhalten, und verhält es sich meist auch, wenn die Rolle nicht nur 
durch den Titel angegeben ist, sondern auch der Inhalt des Gedichtes sich 
eindeutig auf sie beziehen läßt. Im lyrischen Gebiete verhält es sich so, daß 
ein Gedicht mit dem Titel »Erstes Liebeslied eines Mädchens« sich uns als 
Rollengedicht darstellt, weil wir seinen Dichter als den Mann Mörike ken 
nen, das Gedicht »Lied eines Verliebten« desselben Dichters seinen mög 
lichen Rollencharakter dagegen schon viel weniger deutlich erscheinen läßt. 
Dieses Rollengedicht kann mit einem echten Ichgedicht identisch sein, der 
unbestimmte »einen Verliebten« angebende Titel nur eine mehr oder weni 
ger durchsichtige Camouflage des Dichter-Ich. Kurz, trotz der Rollenform 
kann der echte lyrische Fall vorliegen, daß wir über das Verhältnis des 
lyrischen Ich zum Dichter-Ich nichts aussagen können. Aber der Schluß 
wäre falsch, wenn man nun einfach jedes Ichgedicht als Rollengedicht kenn 
zeichnen würde. Hier handelt es sich um Setzungen von mehr oder weniger 
deutlichen fingierten Ichs. Und von einem fingierten lyrischen Ich haben 
wir nur dann das Recht zu sprechen, wenn es vom Dichter als ein solches 
kenntlich gemacht ist. Es hat im ausgesprochenen, eindeutig als solches er 
kennbaren Rollengedicht seine deutlichste Fingiertheit, die im Maße der 
Deutlichkeit der Rollenhaftigkeit abnimmt, und in Gedichten, die sich nicht 
auf irgendeine Weise als Rollengedichte präsentieren, überhaupt erlischt. 
Daher ist in Bezug auf das Rollengedicht der Titel von gewisser Bedeutung.
	        

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