Full text: Die Logik der Dichtung

Die Ieher%ählung 
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und ‘fiktiv’ aufmerksam gemacht werden 10 . Der Begriff des Fingierten be 
deutet ein Vorgegebenes, Uneigentliches, Imitiertes, Unechtes, der des Fik 
tiven dagegen die Seinsweise dessen was nicht wirklich ist: der Illusion, des 
Scheins, des Traums, des Spiels. Das spielende Kind kann zwar einen Er 
wachsenen fingieren, aber indem es spielt und nicht täuschenderweise vor 
gibt ein Erwachsener zu sein, spielt es die fiktive Rolle eines Erwachsenen, 
wie der Schauspieler, der die Dichtungsgestalt, die er verkörpert, nicht 
fingiert, sondern sie als eine fiktive darstellt. Die Setzung der Fiktion ist 
eine völlig andere Bewußtseinshaltung als die des Fingiertseins. Diesem 
Unterschied gehorcht auch die Sprache, wenn sie die verschiedenen Formen 
der Dichtung hervorbringt. Sie arbeitet anders in der Hervorbringung der 
epischen Fiktion als in der einer Icherzählung. 
Denn angewandt auf diese erschließt der Begriff des Fingierten das viel 
fach wechselnde Erlebnisphänomen, das uns verschiedene Icherzählungen 
vermitteln. Dies ist der erste Unterschied, den wir in einem Vergleich der 
Ichform mit der Erform, d.i. der Fiktionsform von Romanen bemerken. 
Eine Er-Erzählung, gleichgültig ob in alter epischer oder moderner Roman 
form, erweckt immer das gleiche Erlebnis der Nicht-Wirklichkeit mit allen 
Phänomenen, die oben eingehend beschrieben sind. Es gibt keinen Grad 
unterschied stärkerer oder schwächerer Fiktivität. Und es wurde gezeigt, 
daß nicht etwa die fingierende Einmischung des Erzählers als Verfasser 
person, zu meist humoristischen Zwecken, das Fiktionsphänomen beein 
trächtigt. Der >Komet< Jean Pauls wird nicht weniger als Fiktion erlebt als 
Fontanes >Frau Jenny Treibeh, als jede fiktionale Erzählung überhaupt. Der 
>Simplizissimus< aber scheint uns, um dies zunächst im Sinne eines allgemein 
gefühlsmäßigen Eindrucks zu sagen, erlebnisnäher, wirklichkeitserlebter als 
etwa Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers FelixKrull«, >Der Grüne 
Heinrich< als eine ‘echtere’ Autobiographie als der >Nachsommer<, während 
wir den Grad der Fingiertheit des utopischen Ichromans Werfels >Der Stern 
der Ungeborenem aus naheliegenden Gründen ebensowenig zu diskutieren 
brauchen wie den des Ich, das als >Tristram Shandy< mit seiner Ungeboren- 
heit spielt. Worauf es hier ankommt, ist die Gradskala, auf der, wenn man 
sich die Mühe machte, die Icherzählungen der Weltliteratur angeordnet 
werden könnten. Eine Skala von Fingiertheitsgraden, was nun bedeutet, 
daß der Grad der Fingiertheit so gering sein kann, daß nicht mit Sicherheit 
zu unterscheiden ist, ob wir es mit einer echten Autobiographie oder einem 
schon romanhaften Gebilde zu tun haben. Ein solcher Fall liegt vor in der 
berühmten aus der Zeit um 2000 v. Chr. stammenden ägyptischen Ich 
erzählung in Versen >Das Leben Sinuhes<, der wahrscheinlich eine histo- 
10. In englischer bzw. französischer Sprache wäre dieser Unterschied durch die Begriffe feigned 
und fictive bzw. feint und fictif zu bezeichnen.
	        

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