Full text: Die Logik der Dichtung

Die Icherzählung 
15 Hamburger, Logik 
22 J 
ästhetisches Erlebnis dieser Formen auswirkt, ergibt sich sogleich. Aber 
eben von der (Dilthey-Misch’sehen) psychologischen Sicht her erschließt es 
sich nicht. Sondern es ist die logische Form, die erkennbar werden läßt, daß 
das produzierende Vorstellen, das lustvolle Phantasieren, das Sich-als-»se- 
cond-creator«-Gebärden gerade umgekehrt im Bereiche der Fiktion, der 
Er-Erzählung, bedeutend leichter und gefahrloser vor sich geht als in der 
wie stark auch immer fingierten Wirklichkeitsaussage, die die Form der Ich- 
erzählung ist. Denn eben diese Form und ihr Gesetz ist es, die der frei 
schöpferischen, erzeugenden Phantasie, dem ttoisiv die Grenzen setzen, um 
die die Fiktion sich nicht zu kümmern braucht. Und nicht zufällig, sondern 
strukturell bedingt ist es daher, daß die entscheidend fiktionalisierenden 
Darstellungsformen, die Verben der inneren Vorgänge angewandt auf 
dritte Personen, damit die erlebte Rede, ja auch der Monolog, kurz die Ge 
staltung der Subjektivität dritter Personen im Ichroman nicht Vorkommen 
können - und zwar weder in Bezug auf dritte Personen noch auf den Ich 
erzähler selbst, der als Erzählender sich selbst damit aufheben und zur Er 
zählfunktion werden würde. Diese Formen bezeichnen die absolute Grenze, 
über die hinaus die Icherzählung das Gebiet der Wirklichkeitsaussage nicht 
verlassen kann. Keine noch so am Tage liegende Fingiertheit des Icherzäh 
lers kann daran etwas ändern, macht die Icherzählung zur Fiktion. 
Hier läuft also im Raume der erzählenden Dichtung selbst die Grenze, 
die die epische Fiktion kategorial von der episch-romanhaften Wirklich 
keitsaussage trennt. Und das heißt, daß zwar, wenigstens auf den ersten 
Blick, nicht die rein ästhetische, inhaltliche oder gehaltliche Betrachtungs 
weise den Ichroman als einen Fremdling im epischen Bereiche zu kenn 
zeichnen oder auch nur zu empfinden braucht, wohl aber die logische. Und 
sehen wir dann näher zu, so stellt sich in mancher entscheidenden Hinsicht 
heraus, daß es eben zuletzt doch die logische Struktur ist, die auch dem 
ästhetischen Aspekt des Ich-Romans ein anderes Gepräge gibt, die Inter 
pretation in anderer Richtung orientiert als die eines Er-Romans. Denn auch 
der Interpret ‘weiß’ von dieser Welt und von diesen Menschen nur durch 
den Icherzähler, während es eben falsch wäre zu sagen, daß wir von der 
Welt und den Menschen einer Fiktion durch den ‘Erzähler’ wüßten. Denn 
es wird nun auch von der Seite der Icherzählung her noch einmal deutlich, 
daß die Fiktion eben nicht durch einen ‘Erzähler’, sondern eine Erzählfunk 
tion konstituiert wird, ja daß der Begriff Erzähler nur für die Icherzählung 
terminologisch richtig ist. Der Icherzähler ‘erzeugt’ nicht was er erzählt, 
sondern er erzählt von ihm in der Weise jeder Wirklichkeitsaussage: als von 
etwas, das das Objekt seiner Aussage ist und das er nur als Objekt (und also, 
wenn es Personen gilt, nicht auch als Subjekt) darstellen kann. Daher kann 
auch die Interpretation eines Ichromans niemals den Bezug der übrigen ge
	        

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