Full text: Die Logik der Dichtung

Die Sonderformen 
schilderten Menschenwelt auf den Icherzähler ganz fallen lassen. Diese 
Menschenwelt ist eben darum, weil sie das Aussageobjekt des Icherzählers 
ist, niemals ganz objektiv geschildert: die subjektive Auffassung geht in die 
Schilderung in logisch-erkenntnistheoretisch gleicher Weise ein wie in jede 
Aussage überhaupt. Der Roman Pär Lagerkvists >Der Zwerg< stellt diese 
Struktur einer Icherzählung in besonders scharf ausgeprägter, nahezu para- 
digmatischer Weise dar. Es gehört zum Sinngehalt dieser Renaissance 
erzählung, daß auch der Leser von den durch den Hofzwerg beschrie 
benen Menschen nur durch diesen, von dessen ‘Zwergperspektive’ her 
weiß: nämlich gerade in der Verzerrung, die die Sicht ‘von unten’ zuwege 
bringt, so daß das menschlich Hohe sich als entstellt, verzerrt, erniedrigt 
darstellt, mit der offengelassenen Frage, ob und inwieweit diese Sicht von 
unten vielleicht die richtige ist. In diesen Roman ist die Ichperspektive also 
bewußt als Sinnmoment eingebaut, und die genauere Analyse des Werkes 
zeigt, wie sorgfältig die Formen der Icherzählung dieser Perspektive ange 
paßt sind, nämlich der Form der Aussage, in die die fiktionalen Erzählfor 
men nicht eingehen können, nicht nur die erlebte Rede nicht, sondern auch 
der Dialog. 
Damit sind wir an den Punkt geführt worden, die eigentliche Proble 
matik des Ichromans als Roman ins Auge fassen zu können, d. h. zu unter 
suchen, wie seine dichtungslogisch paradoxe Situation einer Aussagestruk 
tur im episch-fiktionalen Gebiet zustandekommt. Die der Ballade invers 
entgegengesetzte Situation wird dann erkennbar. Wir gehen dabei von einer 
besonderen Form des Ichromans, dem Briefroman, aus, an dem wir den 
Prozeß, der sich hier abspielt, zunächst am deutlichsten beobachten können. 
Er stellt diejenige Form des Ichromans dar, die am wenigstens als epische 
Form anmutet. Und wir können unter diesen Gesichtspunkten auch den 
Tagebuchroman unter diese Form ordnen, der sich eben formal kaum vom 
Briefroman unterscheidet. Im Wesen des Brief- und Tagebuchromans ist es 
gelegen, daß in ihnen ein jeweils begrenztes Stück äußerer und innerer 
Wirklichkeit geschildert wird, derart, daß die Versuchung, der die konti 
nuierlich ausgedehnte Icherzählung immer unterliegt, die Versuchung zur 
Überschreitung der durch die Aussageform gesetzten Grenze ins fiktional 
Epische, für ihn kaum besteht. Der Brief sieht jeweils auf eine kurz ver 
gangene Zeit, ein begrenztes Stück Welt und Geschehen zurück, und Wie 
dergabe etwa von Dialogen, die ‘gestern’ oder ‘neulich’ geführt wurden, 
überschreitet nicht die Möglichkeit dieser Wirklichkeitsaussage. Hier sei, 
als auf einen besonders deutlich hervortretenden Zug des Brief- und Tage 
buchromans darauf aufmerksam gemacht, daß das Präteritum des Ichromans 
kein episches Präteritum ist, sondern ein echtes, existentielles, grammati 
sches, das den wie immer fingierten Ort des Schreibers in der Zeit angibt.
	        

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