Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1467618455069/31/
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Die logischen Ichbegriffe 
letzteren dennoch für den ersteren einsetzen. Denn im Begriffe der Aussage 
verbinden sich die beiden Sinnmomente Urteil und (grammatischer) Satz 
zu einer Bedeutungseinheit, wie denn Sigwart den Satz als das sinnliche 
Zeichen des Urteils bezeichnet und den Urteilsvorgang dahin definiert, daß 
ich etwas von etwas aussage 31 . Der Begriff Aussage bedeutet hier und im 
Folgenden: Aussage eines Subjekts über ein Objekt bzw. einen Sachverhalt. 
Der Inhalt der Aussage ist also ihr Objekt. Die Aussage kann in der Form 
eines objektiven Behauptungssatzes auftreten, in der das aussagende Sub 
jekt nicht in der Ichform, der grammatischen i. Person, erscheint. Oder die 
ses erscheint, sei es in personal- oder possessivpronomischer Form, in der 
Aussage. Sätze wie: Die Ähren wogten sacht (Beispiel i), Der Schlitten bog 
aus (Beispiel 2), Die Mittagssonne stand über der kahlen Höhe des Julier- 
passes (Beispiel 3) sind objektive Aussagen. Ein Satz von der Form: Ich sah 
die Ähren wogen, ist eine subjektive Aussage. 
Ob aber die Aussage sich objektiv, das ist losgelöst vom Aussagesubjekt 
darstellt, oder subjektiv, d. h. dieses in seine Form einschließt - immer ist 
ein aussagendes Ich, ein Aussagesubjekt, vorhanden, gleichgültig ob wir es 
mit einem bestimmten Subjekt identifizieren können oder nicht. Unsere drei 
Beispiele haben also die Form objektiver Behauptungssätze. Von ihnen ge 
hören zwei dem Gebiete der Dichtung, der Lyrik (1) und der Epik (3) an, 
während Beispiel 2, die Stelle aus dem Rilkebriefe, nicht der Dichtung, son 
dern der Wirklichkeit, näher bestimmt der geschichtlichen Wirklichkeit an 
gehört: denn ein Brief ist ein biographisches und damit historisches Doku 
ment, das wir (sofern seine Echtheit ausgewiesen ist) für die Biographie 
Rilkes benutzen können. Obwohl also die Form unserer drei je aus Behaup 
tungssätzen bestehenden Texte in allen die gleiche ist, oder sich jedenfalls 
so ausnimmt, bezeichnen wir die drei Aussagesubjekte, die sie je konstitu 
ieren, nach der Art des Kontextes, in dem diese Aussagen stehen: das Aus 
sagesubjekt des lyrischen Gedichtes als das ‘lyrische Ich’, das des Briefes als 
das ‘historische Ich’ und das der Romanstelle als das ‘epische Ich’. Dieses 
sind die drei logischen und sprachtheoretischen Ichbegriffe, aus denen sich, 
wie zu zeigen sein wird, das Gebilde Dichtung in seiner Totalität, aber zu 
gleich in seiner in sich verschiedenartigen Struktur, bezeichnet durch die 
drei Gattungen (wie wir vorläufig noch im traditionellen Sprachgebrauch 
sagen), entwickeln läßt. 
Dazu sind einige nähere Kommentare zu geben. Es fällt auf, daß einer 
seits nur zwei dieser Ichbegriffe, das lyrische und das epische Ich, sich als 
dichtungskonstituierende ausweisen, anderseits die dramatische Dichtung als 
solche noch nicht kenntlich gemacht ist. Was zunächst diese betrifft, so hat 
dies seinen Grund darin, daß sie als logische Struktur in der epischen Struk 
31. Sigwart: Logik I, Tbg ’21, 29
        

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